Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1883)
- Date
- 1883-10-01
- Page
- Seite 647 (sequence 5)
- Language
- German
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647 Allein ist es gut und zweckmäßig, die Regierung zu diesem Schritt zu zwingen? Ist es nicht bester und richtiger, daß die Gesellschaft die Sache ersöffe und durch entschiedenes Auftreten dem Uebel selber vorgreife? Und in diesem Streben müsten die Bürger des Staates ohne Unterschied der Confession Zusammenwirken. Es darf sich nicht der Eine Einzelner wegen erbittert zurückziehen, die Pflicht der Anderen ist es. Dasjenige zu thun — was ja ohnedies schon in diesem Lande vorhanden war — das gesellschaftliche Beisammensein inniger zu gestalten ohne Unterschied der Religion und des Bolksstammes. (Zustimmung.) In der jetzigen Zeit kann meines Dafürhaltens die Gesellschaft nur eine Unterscheidung kennen, nämlich die zwischen ehrlichen und nicht ehrlichen Leuten. (Lebhafte Zustimmung.) Möge doch der ehrliche Mann den ehrlichen Mann an sich ziehen, ihn nicht fragend, wie dieser seinen Gott anbete; möge er doch Den, der nicht ehrlich ist, von sich stoßen, wenn dieser sich ihm auch mit noch so schönen Worten nähert! (Beifall.) Da dies nun meine Ansicht ist, erhebe ich jetzt mein Glas auf Jene, die — wenn mich die Erinnerungen aus meiner Kindeszeit nicht tauschen — bereits vor Jahrzehnten auf gesellschaftlichem G.biete verstanden haben, mit ihren Mitbürgern beisammen zu leben, sich zusammen zu vergnügen und mit vereinten Kräften für das gemeinsame Wohl zu arbeiten. Ich erhebe mein Glas auf das Wohl von Großwardeins Bevölkerung ohne Unterschied der Confession, der Raffe und Partei: auf jene Bürger, die in der Vergangenheit bewiesen haben, daß sie auf der Höhe der Aufklärung und des unverfälschten Liberalismus stehen und welche, meiner Ueberzeugung nach, auch in Zukunft beweisen werden, daß sie jeden Aufwiegler, der zum Zwecke der Entfachung eines Raffen- und Confessionskrieges sich unter sie mengen wollte, wie ein gesunder Körper das Contagium aus ihrer Mitte stoßen würden. (Nicht endenwollender Applaus und Eljen-Rufe.) Schreiben des Barons Jeßenßky. Der gewesene Abgeordnete und Tolnaer Groß-Grundbesitzer Baron Alexander Jeßenßsky richtet in Angelegenheit der vorgekommenen antisemitischen Unruhen in „Toln. Közl." an einen judenfeindlichen Pfarrer das nachstehende offene Schreiben: Lieber Freund! Auf meiner Reise im Saroser Komitat habe ich schmerzerfüllten Herzens die Blätter gelesen, welche die im Zalaer Komitat tobenden antisemitischen Unruhen schildern. Das nunmehr eingetretene Unheil hat nur Derjenige nicht vorhergesehen, der die menschliche Natur nicht kennt, oder an die — Folgen von Agitationen nicht denken will. Ihr seid mir gram geworden, als ich Euch bei Gelegenheit der Abgeordnetenwahl in Szakcs die Wahrheit gesagt habe; und als ich Euch Dasjenige, was nun heute eingetroffen ist, vorhersagte, habt Ihr mir zur Antwort gegeben: Ihr wollet diese Frage nur auf gesetzlichem Wege lösen; selber aber seid Ihr schon zu allem Anfang über den Rahmen des Gesetzes hinausgetreten, indem Ihr gewaltthätige Einschüchterung übtet. Ich habe auch damals erklärt, daß ich nicht die Juden, sondern die Freiheit vertheidige und daß ich zittere vor dem Unheil, welches meine Mitbürger erwartet, welches unabwendbar über sie Hereinbrechen werde, zumal wenn Ihr, die ihr die Diener der Liebe sein sollet, das Panier des Haffes aufrecht traget. Es war das eurerseits eine ganz unbegreifliche Leichtfertigkeit und willst Du Dich von der Wahrheit dieses meines Ausspruches überzeugen, so betrachte das Drama, welches sich in Zala-Egerßeg und dessen Umgebung abgespielt hat: Wenn Du in der That ein wahrer Diener des Gottes der Liebe, vor dessen Abbild Du so oft kniest, bist — wie ich weiß, daß Du es bist — so bereue Deine, aus menschlicher Schwäche entsprungene Sünde: wirf die Lieblosigkeit weit von Dir; strafe Dich muthig selber Lügen und geleite Deine Gläubigen zu dem immerdar beglückenden Emblem der Liebe, von welchem sie sich entfernt haben, und lehre Diejenigen, die Du Haffen gelehrt hast, daß nur die Liebe es ist, was die Glückseligkeit, das Heil der Menschen hier auf Erden, wie jenseits zu sichern im Stande ist. Liebe Gott über Alles — Deinen Nächsten wie Dich selbst! Ich danke dem Allmächtigen, daß die in jeder Beziehung wackere Bürgerschaft durch ihre nüchterne Klugheit und Gesinnungstüchtigkeil auch heute hervorragt vor allen Bürgern unseres Vaterlandes. Ich vertraue auf Gottes Barmherzigkeit, daß er ihre Hand vor Mord und somit sie selber vor dem Hochgericht bewahren wird. Und wenn es so kommen wird, wie ich es im Grunde meiner Seele wünsche, dann werde ich stolz der Welt verkünden, daß die Bürgerschaft des Tolnaer Comitats nicht ihres Gleichen hat auf der ganzen Welt! Daß sie der Freiheit würdig und reif sei für dieselbe! Ein Gesetz für eine Confession kann man in einem constituttonellen Staat nicht schaffen, wohl aber kann man ein allgemeines strenges Gesetz schaffen, welches jeden ehrlosen Menschen vernichtet. Nicht die Juden, sondern die Ehrlosen und Niederträchtigen mag man geißeln, die in jeder Confession anzutrcffen sind — darin halte ich es mit Dir. Es grüßt Dich herzlich Dein Freund Baron Alexander Jeßenßky. > Csibrak, 5. September 1883.