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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-10-01 · Heft 40 (1.10.1883) · p. Seite 646

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 40 (1.10.1883)
Date
1883-10-01
Page
Seite 646 (sequence 4)
Language
German
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6 IG vorbereitet, ja ein Theil der Excedenten soll hier bewaffnet | den Antisemitismus, oder wie derselbe volksthümlich genannt worden sein. Dies wußte alle Welt, nur — die hiesigen wird, auf die Judcnfrage über. (Hört! Hört!) Behörden wußten nichts davon. Auf private Information! Ich gestehe — irren ist ja menschlich — ich habe mich hin verfügte der Ober-Staatsanwalt für die verflossene Nacht! oft geirrt: nie aber war mir eine Enttäuschung so schmerzeine Haussuchung bei Agreser. Mit der Durchführung der! lich, als diejenige, die ich empfunden, als ich sah, daß ich Haussuchung wurde der Comitats-Sicherheits-Commiffar Nagy Unrecht hatte, anzunehmen, daß es in Ungarn keinen einbctraut. Nagy erschien um 12 Uhr Nachts mit 9 Gehilfen! zigen Winkel gebe, in welchem die dunklen Borurtheile vervor dem Wirthshause Agreser's, wo Alles im tiefem Schlafe flosiener Jahrhunderte sich wieder heraufbeschwören ließen. lag. Auf das Pochen Nagy's erschien Agreser am Fenster und fragte nach dem Begehr des Commiffars. Dieser verlangte Einlaß im Namen des Gesetzes; Agreser verweigerte ihm den Einlaß, verschloß auch alle inneren Thüren und legte sich schlafen. Der Sicherheits-Commiffar aber mit seinen neun Leuten zog ruhig ab und kam um 6 Uhr Morgens wieder. Inzwischen hatte natürlich Agreser Zeit, alles Verdächtige zu beseitigen. Einige Exemplare antisemitischer Pamphlete wurden indessen sistirt." Das Resultat faßt sich in den Worten zusammen: „In Zala-Egerszcg dauert die Untersuchung gegen die Antisemiten nun schon bald drei Wochen, und, obgleich nach Verkündigung des Statariums (Standrecht) die Behörden unbeschränkte Vollmacht haben, ist sie beinahe resultatlos geblieben. Die Zahl der Verhafteten beträgt noch nicht fünfzig, während an den Gewaltthaten gegen die Juden Tausende theilgenommen haben. Die Anstifter sollten „die Herren" sein, und unter den Verhafteten ist kein einziger, der in die Gesellschaft Jstoczy's und Onody's gehört." — Die leitenden Kreise in Ungarn wissen also jetzt sehr wohl, wo die Wurzel des Nebels zu suchen, wo die umgestaltcndc Hand anzulegen — wir werden sehen, ob sie Patriotismus und Energie genug besitzen, um den ungarisllien Staat wieder aus der Tiefe herauszuhcben, in die er gesunken. Neueste Kundgebungen in Ungarn. ii. Pest, den 20. September. Tie Rede des Minister-Präsidenten Tißa über die Judcnfrage. Gestern Abend traf Minister-Präsident Tißa in Großrvardcin, seinem Geburtsorte, den er seit einer langen Reihe von Jahren als Reickstagsabgeordneter vertritt, zu einem kurzen Besuche ein. Bei einem ihm zu Ehren veranstalteten Festbanket, an dem an tausend Bürger theilnahmen, brachte er einen Trinkspruch!aus, in dem er sich über die Tagessragc» und selbstverständlich über die brennendste, nämlich die Judcnfrage folgendermaßen aussprach: Ich weiß, meine Herren, daß all' das, was in dieser Richtung gesprochen wird, in hohem Maße übertrieben dargestcllt ist. Das ist ja auch natürlich. Allein wir dürfen nie und nimmer vergessen, daß die ungarische Nation und der ungarische Staat viele Feinde haben. Aus jeder solchen Bewegung, die sonst in andern Ländern als locales Uebel angesehen und als solches verdammt wird, zieht man bei uns Schlüsse auf den Staat und auf die Nation selber. Wohl ist das kein gerechtes Vorgehen, allein cs besteht immerhin; und je mehr es besteht, umso unverzeihlicher ist die Leichtfertigkeit, in Ungarn solche Bewegungen hervorzurusen; denn blicken wir nur einmal aus unsere Geschichte, — was hat denn Ungarn so oft gerettet? Tie Sympathie der aufgeklärten, freiheitsliebenden, von lieberalen Ideen beseelten Nationen. Diese Sympathien aber hatten wir dem Umstande zu danken, daß in Ungarn die Nation, die Gesellschaft die Gesetze der Intoleranz schon Jahrzehnte früher abgeschafft hat, als dieselben durch die Gesetzgebung abgeschafft werden konnten. Und was geschieht nun, meine Herren? Nun wird Ungarns Reputation, der moralische Credit der ungarischen Nation durch diese Bewegung angegriffen. Die Judenfrage betrachte ich meinerseits nicht als eine Frage des Antisemitismus, sondern als eine Frage des guten Rufes und der Ehre unseres Vaterlandes. Betrachten wir einmal, meine Herren, diesen Antisemitismus in seinen Acußerungen. Das Losungswort ist: Antisemitismus, das Resultat: Raub. (So ist's!) Und giebt es Jemanden, der da glaubt, daß Diejenigen, die man mit einem Losungsworte rauben gelehrt, aufhören werden zu rauben an der Schwelle, wo dieser Wahlspruch nicht mehr anwendbar ist? Es ist dies eine sociale, eine tiefgehende sociale Gefahr, welche jene Herren heraufbeschworen haben. Ich glaube wohl, daß sie es unbewußt thun, doch ist die Gefahr unvermeidlich. (Lebhafte Zustimmung.) Eben deshalb gestatten Sie mir, der Ueberzeugung Ausdruck zu geben, daß man diesem Uebel gegenüber nicht Alles von der Regierung erwarten dürfe. Die Regierung hat die Pflicht, für die Sicherheit der Person und des Vermögens, sowie für die Wahrung des confessionellen Friedens zu sorgen. Kann die Regierung dies bewirken, so vermag sie es durch Gewalt und wenn die Bewegung größere Dimensionen anuimmt, durch zeitweilige Ein- Jch gehe nun, meine Herren, auf die zweite Frage, auf j schränkung einzelner Aeußerungen des freiheitlichen Lebens.

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