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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-09-25 · Heft 39 (25.9.1883) · p. Seite 633

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 39 (25.9.1883)
Date
1883-09-25
Page
Seite 633 (sequence 7)
Language
German
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633 Deutschland. Berlin, 11. Sept. Das Steglitzer Eisenbahn-Unglück beschäftigte eine am Sonntag Vormittag im großen Saale des „Eiskeller-Etablissements" (Chausseestraße) stattgehabte, sehr zahlreich besuchte Arbeiter-Versammlung. Fassen wir den Gesammtinhalt der Reden zusammen, so ist daraus Folgendes hervorzuheben: Obwohl die Arbeiter die größten Gegner der Liberalen seien, so fühlen sie sich doch aus sittlichen Gründen veranlaßt gegen das Gebühren der conservativantisemitischen Partei aufzutreten, die sich nicht entblöde, das schreckliche Eisenbahnunglück in Steglitz den liberalen Parteien in die Schuhe zu schieben. Tie Leichen wären noch nicht in die Erde gesenkt, da hätte ein antisemitischer Redner die Schamlosigkeit gehabt, zu sagen: Er hätte im Interesse seiner Partei gewünscht, daß die Zahl der Leichen bei dem UnzlückSsall in Steglitz noch größer gewesen wäre. Diese Kampfesweise kennzeichne die ganze conservativ-antisemitische Partei. Letzterer Partei sei es wohl bekannt, daß auch die Annahme des bekannten Maybach'schen Antrages das Unglück nicht verhütet haben würde. Eine Schuld sei höchstens der Bahnverwaltung beizumessen. Die conservativ-antisemitische Partei verschmähe aber selbst das schmutzigste Kampfesmittel nicht. Ja, man könne sagen: sie friste ihr Leben von Leichen. So sei es mit Tißa-Eßlar geschehen, so mit dem Selbstmord des Professor Puttlitz und jetzt wiederum mit dem Unglücksfall in Steglitz. Die Arbeiter müßten sich mit Abscheu von einer solchen Partei abwenden. Es wurde schließlich einstimmig folgender Beschluß gefaßt: „Die Versammlung erklärt es für eine Schmach, wenn man für einen Unglücksfall, wie den in Steglitz eine politische Partei verantwortlich macht. Die Arbeiter weisen eine solch' niedrige Kampfesweise mit Entrüstung zurück." — Vordem bildeten die bevorstehenden Stadtverordnetenwahlen den Gegenstand eingehendster Diskussion und traten auch hierbei mehrfach bemerkenswerthe Punkte zu Tage. Nachdem Maschinenbauer Goercki das bekannte Programm der Arbeiterpartei entwickelt, erklärte sich sowohl Stadtverordneter, Maurermeister Stargard, als auch das Mitglied der deutschen Bürgerpartei, Schumachermeister Schuhmann mit den Ausführungen Goercki's einverstanden. Letzterer bemerkte: Das Programm der Arbeiterpartei decke ihm geradezu unverständlich, wie Herr Schuhmann sich mit der Arbeiterpartei einverstanden erklären und gleichzeitig Mitglied der christlich-socialen Partei sein könne. Es gebe gar keinen größeren Gegensatz als die Arbeiter-Partei und die christlich-sociale Partei, welch' letztere bestrebt sei, alle mittelalterlichen Einrichtungen wieder einzuführen und die Unsittlichkeit zu einem Factor des öffentlichen Lebens zu machen. Herr Stöcker versichere, er wolle die Arbeiter und Handwerker aus dem Joche des Kapitals befreien. Ein Mann, der aber in demselben Athemzuge mittelalterliche Hetzen inscenirt, der im Reichstage und Abgeordnetenhause für die reactionärsten Gesetze, wie Waldschutzgesetz, Socialistengcsetz :c. gestimmt habe, ein solcher Mann könne sich wohl das Vertrauen von scheinheiligen Betbrüdern, aber niemals von Arbeitern erwerben. Wäre Herr Stöcker wirklich christlich-social, dann könnte man vielleicht noch mit ihm rechnen. Allein ein Mann, der sich mit den Herren Onody, Vary und Genossen einverstanden erkläre, der bei einem Vorträge über den Tißa-Eßlarer Prozeß nicht mit einem Worte der bei der Voruntersuchung dieses Prozesses angewandten Torturen, ja der nicht einmal der vielen, in diesem Processe geleisteten Meineide erwähne, — etwas, das man doch zum Mindesten von einem Geistlichen, der fortwährend den Namen Gottes im Munde führe, hätte erwarten können — ein solcher Mann habe sich bei den Arbeitern auch aller sittlichen Achtung begeben. Die Trabanten des Herrn Stöcker behaupten, ich sei von jüdischem Kapital gekauft worden. Nun, ein Sprichwort sage: „Wessen man selbst fähig ist, das traut man auch Andern zu." Von Leuten, die sich ihre Stimmen mit Hertzog'schem Freibier und Frei-Concert abkaufen lassen, sei allerdings nicht mehr zu verlangen. (Stürmischer, minutenlang anhaltender Beifall.) Es wurde schließlich einstimmig beschlossen: „Die Arbeiter weisen jeden Compromiß mit irgend einer anderen Partei zurück und verflichten sich, nur für die vom Arbeiter-Wahl- Comitö aufzustellenden Candidaten zu stimmen." — Auch der „Berliner Arbeiterverein" ist jetzt in die Agitation für die Stadtverordnetenwahlen eingetreten, über welche vorgestern St.-B. vr. Kürten referirte. Der Vortragende geißelte die antisemitische Agitation und besprach dann die Miethssteuer, das Dreiklassen-Wahlsystem, dem die ganze Fortschrittspartei entgegenstehe, die Kanalisation, das Schulwesen und die Armen- und Krankenpflege. In allen sich vollständig mit dem der Deutschen Bürgerpartei. Es sei! städtischen Einrichtungen sei der Grundsatz „Gleiches Recht daher geboten, daß, wenn zwischen beiden Parteien auch sonst! für Alle" voll und ganz gewahrt worden. Der Vortragende noch einige kleine Unterschiede bestehen, sie bei den bevor-! schloß: Wir würden es mit großer Freude begrüßen, wenn stehenden Stadtverordneten-Wahlen doch Zusammengehen, um auch intelligente Männer aus dem Arbeiterstande in die erfolgreicher den gemeinsamen Feind, d. h. den Fortschritts-1 Städteverwaltung kommen; aber Leute, die zu der Stöckerriug, bekämpfen zu können. Maschinenbauer Goercki: Es sei; schen Masse gehören, möchten wir nicht in unserer Mitte

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