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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-09-25 · Heft 39 (25.9.1883) · p. Seite 632

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 39 (25.9.1883)
Date
1883-09-25
Page
Seite 632 (sequence 6)
Language
German
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632 düng unserer natürlichen Anlagen und die stetige Fortentwickelung und Förderung unserer Bildung und Kultur." „Das Geheimniß des materiellen Gedeihens der Judenschast liegt einfach darin, daß sie nicht nur mit Berständniß und unermüdlichem Eifer arbeitet, sondern dabei auch nüchtern, sparsam, bis zur Selbstverleugnung mäßig ist. Und um den Erfolg der Arbeit auch für die Hinkunft zu sichern, legt die Judenschaft auch die Erziehung ihrer Kinder darauf an, aus ihnen verständige, nüchterne, arbeitsame, im Nothfall entbehrungsfähige Menschen zu bilden. Wir müssen diesem lebendigen Beispiel, welches uns die Judenschaft bietet, folgen; wir müsien gleichfalls arbeitssam, mäßig, sparsam sein; unser Volk darf sich in guten Erntejahren nicht dem Nichtsthun ' und Schwelgen überlassen, sondern muß in Zeiten des Ueberflusies für späteren, etwaigen Nothstand Vorsorgen; es soll nicht nur im Sommer das Feld bestellen, sondern auch im Winter die mannigfachen Erwerbsgclegenheiten nach Kräften ausnützen; unsere Frauen sollen die seit einer Generation schier ganz und gar außer Gepflogenheit gekommenen Arbeiten der Hausindustrie wieder aufnehmen. Solche Bestrebungen würden die zweifache gute Folge haben, daß sie Erwerb brächten und überdies das Volk von Prasserei, Händeln und sonstigen Lastern abhielten. Und gleichwie wir uns selbst der Sparsamkeit, Mäßigkeit und Arbeitsamkeit befleißen müssen, so sollen wir auch unsere Jugend durch Unterricht und Erziehung zu verständiger Arbeit und Nüchternheit tauglich machen." Als hauptsächliches Heilmittel empfiehlt Herr v. Somssich, durch Gesetze die Macht des Großkapitals zu brechen oder doch einzuschränken. Solche Worte hat man nun seit Jahren von sehr vielen Stimmen gehört. Wenn man aber nun diese Herren frägt, auf welche Weise, durch welche Gesetze dies geschehen solle — so wissen sie keine Antwort zu geben. — Die jüngst stattgefundene Kongregation des Veßprimer Komitats eröffnete der Obergespan Baron Franz F'iath mit einer Ansprache, worin er die Ausschußmitglieder jetzt umsomehr um ihre Unterstützung bat, da in der Nähe die gesellschaftliche Ordnung gestört sei und die Gesetze mit Füßen getreten werden. Das gebildete Publikum des Veßprimer Komitats habe sich wohl mit Schauder von diesen Vorgängen abgewendet, da es weiß, daß gesellschaftliche Ucbclstände nicht mit Gewalt beseitigt werden können. „Hier könnte ich — so fährt Redner fort — den Ausdruck unserer gemeinsamen Besorgniß und Entrüstung schließen — ich sage gemeinsam, denn alle Mitglieder ohne Unterschied der Religion und der politischen Parteistellung denken in dieser Frage wie ich — da aber das hier Gesagte nicht alle Bewohner des Komitats hören können, namentlich jene Schichten nicht, die keine Gelegenheit hatten, sich klare Begriffe über die Hauptprincipien der menschlichen Würde zu erwerben und leicht durch gewissenlose Hetzer auf Irrwege geleitet werden können, aus diesem Grunde uruß ich an den Munieipal Ausschuß die Bitte richten, daß Alle, die mit dem Volke direkt verkehren, dahin streben mögen, daß die Ordnung in unserem Komitat nicht gestört werde. Das Uebel ist ein sociales und darum muß die Gesellschaft in ihrem eigenen Interesse die exekutive Gewalt unterstützen. Klären wir das Volk auf, daß die Staatsgewalt dem Gesetze um jeden Preis Geltung und - Achtung verschaffen und im Nothfall, blutenden Herzens zwar, die strengsten Maßregeln anwenden muß. Dies kann jeder steuerzahlende Bürger mit Recht fordern, dies erheischt die Ehre des ungarischen Staates." — Jndeß fehlt es auch nicht am Gegentheil. Der Advokat Szalay, der Vertreter der Frau Solymossy als Privatklägerin, hat seine Appellations- ^schrift bei der k. Tafel eingereicht. Der Inhalt dieses um-! fangreichen Schriftstückes flößt keine Besorgnisse ein. Er; tüirft dem Gerichtshöfe vor, die Frage, wer die Esther er-! mordet hat, nicht beantwortet zu haben. Dies ist geradezu eine Lächerlichkeit. Auf Grund der vierzehn Monate lang gepflogenen Untersuchung hatte der Gerichtshof nichts anderes zu entscheiden, als ob die Angeklagten die Mörder waren j oder nicht? Dies hat er entschieden; in eine Untersuchung, * wer cs denn gewesen sei? konnte er sich gar nicht einlaffen. j Szalay bemängelt nun alle Vorgänge bei der Verhandlung! und alle Motive des Erkenntnisses, das angeblich ungesetzliche Vorgehen des Vertreters der Anklage, welches er als dem I tz 478 (Mißbrauch der Amtsgewalt"! naheliegend bezeichnet, i die angebliche Ueberschreitung des Wirkungskreises der Sachverständigen, die angeblichen Ausschreitungen der Angeklagten; und deren Vertheidiger, die angeblich erwiesene Bedenklichkeit und Verwerflichkeit der Zeugen, welche zu Gunsten der Anj geklagten aussagten, und gelangt sodann zur Folgerung, daß im freisprechenden Urtheil nicht Gerechtigkeit, sondern Verbrechensbemäntelung den Sieg errungen. Hierauf folgen noch hohle Tiraden, daß das Volk durch dieses Urtheil das Vertrauen auf die Rechtspflege verloren habe. Wenn also ein Gerichtshof nicht so urtheilt, wie gerade der Pöbel es wünscht, so geht das Vertrauen auf die Rechtspflege verloren! Wenn dieses Vertrauen erschüttert worden, so liegt dies nicht in dem Urtheil des Gerichtshofes, sondern in der Weise, wie die Untersuchung geführt worden. Es ist anerkannt, daß der Gerichtshof von Nyiregyhaza der antisemitischen Tendenz zugeneigt gewesen; aber die durch die Verhandlungen klargestellte Wahrheit nöthigte ihn zu dem Erkenntniß, das er abgegeben.

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