Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-09-25 · Heft 39 (25.9.1883) · p. Seite 634

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 39 (25.9.1883)
Date
1883-09-25
Page
Seite 634 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227447-3227487--41141-3309591
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

634 'joben. Seien auch Sie auf dem Posten, damit diese Schande von Berlin abgehalten werde. (Lebhafter Beifall.) — Der bekannte Antisemit Pickenbach, Stadtverordneter,' der einzige seiner Art, machte dieser Tage mit einigen seiner ■ Leute einen Besuch auf einem der städtischen Rieselfelder unter dem Vorwände, sich von dessen Beschaffenheit unterrichten zu wollen. Schon auf dem Gutshofe machten diese Menschen vielen Lärm, und als sie sich entfernt hatten, fand der Jnspector an allen Bäumen und Pfosten antisemitische Plakate geklebt mit den bekannten Schlagwörtern und Unflätigkeiten. Der Jnspector warf sich aufs Pferd und ritt ihnen nach. Da fand er sie, wie sie sich an die Arbeiter gemacht, und sie gegen die Stadtverwaltung aufhetzten: sie bekämen nicht Lohn genug, müßten zu lange arbeiten, es wäre dies die Art der Stadt; sie sollten sich andere Arbeit suchen u. s. w. Sowie sie den Jnspector herankommen sahen, liefen sie davon und schlugen sich seitswärts in die Büsche. Ueber das ganze Benehmen des Herrn Stadtverordneten wurde ein Protocoll ausgenommen, das veröffentlicht werden soll. Berlin» 13. Sept. In einer Recension der jüngsten Broschüre von Franz Delitzsch „Schachmatt den Blutlügnern Rohling und Justus" (Erlangen 1883) in der „Boss. Ztg." vom 12. Sept. heißt es: „Delitzsch hatte schon vor Jahr und Tag jene frechen Behauptungen Rohlings widerlegt, und eine Reihe von bedeutenden Forschern, wie Dillmann und Strack in Berlin, Paul de la Garde in Göttingen u. A., hatten ihn kräftig unterstützt; eine lange Reihe ihrer an der Hand der Wiffenschaft geführten Beweise des Gegentheils ist gedruckt worden. Diese Männer sind christliche Theologen, die meisten sogar stteng orthodox, nur die Wahrheitsliebe trieb sie, Zeugniß abzulegen gegen den Frevel, der im Proceß von Tißa-Eßlar so schauerlich an den Tag getreten ist. Daß ein verlogener Ultramontaner von windigstem Wissen wie Rohling abermals ein Pamphlet losließ: „Die Polemik und das Menschenopfer des Rabbinismus" kann nicht Wunder nehmen, nicht einmal das, daß die „Bonifacius-Druckerei" in Paderborn dergleichen druckt. Daß aber ein evangelischer Hofprediger, nachdem die Leuchten evangelisch-theologischer Wissenschaft mit wuchtigen Beweisen die ganze Schamlosigkeit und Nichtigkeit des ultramontanen Fanatikers dargethan haben, in einer großen und sehr gemischten Volksversammlung am vergangenen Freitag frank und frei ausruft: „Die Frage des rituellen Mordes ist bis jetzt noch nicht geklärt — Rohling und Delitzsch sind in heftiger Fehde darüber entbrannt", — das ist mehr, als man selbst von Herrn Stöcker erwarten durfte. Dieselben Ultramontanen, die die Reformation lediglich auf die Sittenlosigkeit und Sinnlichkeit Luthers zurückführen, werden von einem königlich preußischen Hofprediger als ebenbürtig den Meistern protestantischer Wiffenschaft, ja möglicherweise als ihnen überlegen hingestellt, und das vor einer unwissenden Menge, weil es diesem Herrn in seinen Kram paßt. Möchte die erwähnte Schrift des greisen Leipziger Gelehrten recht viele Leser finden, sie werdet: sich dann ein Urtheil bilden können, auch über die „Wissenschaftlichkeit" des Herrn Stöcker." (Bon dieser hat in der Thal noch Niemand etwas gehört.') — Polizeilich aufgelöst wurde eine von der conservativantisemitischen „deutschen Bürgerpartei" gestern Abend nach dem Etablissement „Sanssouci" in der Cottbuser Straße einberufene allgemeine Communalwähler-Versammlung. Dieselbe war von mindestens 1200 Personen besucht, unter denen die Socialdemokraten die überwiegende Majorität bildeten. Nach einem Vortrage eines Dr. Jrmer, der sehr oft unterbrochen worden, beanttagen die Arbeiter, daß sofort eine Discussion stattsindet; nach langem Zögern läßt der Vorsitzende darüber absttmmen; der Antrag wird mit großer Majorität angenommen. (Stürmischer Beifall; dauernde Unruhe. Ein Herr von der Bürgerpartei verlangt Gegenprobe und schreit in den Saal hinein: „Die Abstimmung ist falsch verstanden!" Die Gegenprobe ergiebt, daß kaum 200 Stimmen gegen den Antrag der Arbeiter sich erklären.) Es erhält hierauf das Wort Medailleur Krohm, der von den Arbeitern mit Beifall empfangen wird. Derselbe geht der „Bürgerpartei" scharf zu Leibe. „Wer ist in der Bürgerpartei? (Ruse: Arbeiter und Handwerker! Schallendes Gelächter.) Conservative und Christlich-Sociale sind die Hauptbestandtheile dieser Partei; und da sie aus solchen Elementen besteht, wäre es ein Unding, wenn sich die Arbeiter dieser Partei anschließen wollten. ^Stürmischer Beifall.) Blicken Sie in die Vergangenheit. Was hat die Arbeiterpartei den Conservattven zu danken? Sie ist von den Conservativen nur ausgenutzt, ihre wenigen Rechte sind ihr noch mehr verkürzt worden. (Lauter Beifall. Rufe: Jetzt lassen sich die Arbeiter lieber von Juden ausbeuten!) Und was sind die Christlich- Socialen? (Ruse: Hetzer! Juden sind wir freilich nicht! Rabbiner sind wir auch nichr! Große Heiterkeit.) Wählt keinen Juden, das ist die Hauptparole der Christlich-Socialen, die auch von Herrn Stöcker ausgcgeben worden ist." (Rufe: Juden raus! Scheint auch ein Jude zu sein! Runter mit dem Juden! Minutenlange, stürmische Unterbrechung.) Noch einmal gelingt es dem Redner, durch Mahnrufe an seine Freunde die Ruhe einigermaßen wiederherzustellen. Er sagt: „Die Bürgerpartei will, daß die Bürgerrechte der Juden beschränk werden; mit solchen Principien kann sich die Arbeiterpartei niemals einverstanden erklären. (Stürmischer Beifall.) Auch von oben her ist die Parole ausgegeben worden, daß man zu unserer jüdischen Bevölkerung das größte Vertrauen haben könne." Das war das Zeichen für die anwesenden Anttsemiten, den Redner mit Schimpfreden aller Art, wie „Judenbengel, Judenknecht, Raus mit dem Juden" rc. zu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.