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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-09-25 · Heft 39 (25.9.1883) · p. Seite 631

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 39 (25.9.1883)
Date
1883-09-25
Page
Seite 631 (sequence 5)
Language
German
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631 trümmert; der Stcinregen verwandelte das neuerbaute, prächtige Priestcrsche Haus in eine Trümmerstätte. Neueste Kundgebungen in Ungarn. Die Misere, welche Ungarn durch die antisemitischen Hetzereien und die durch sie bewirkten schauderhaften Exeesie auf sich geladen, fängt an, von allen Patrioten tief und schmerzlich empfunden zu werden. Es kommt ihnen zum Bewußtsein, nicht bloß mit welcher Schmach sich Ungarn bei allen civilisirren Völkern befleckt hat, sondern auch welche Gefahren für die ganze magyarische Staatsgesellschaft daraus erstehen und welcbe Verluste an materiellem Besitz diesen Meutereien entspringen. Nebenbei wollen wir bemerken, daß das schnelle Umsichgreifen der Exeesie gegen die Juden setzt aus den Aufständen in Kroatien und in der ehemaligen Mi-! litärgrenze — in letzterer wohnen so gut wie keine Juden — erklärlich wird. Es kracht eben in allen Theilen des Magyarenreiches; es ist so viel Unzufriedenheit und Elend unter der Herrschaft der Magyaren geboren und verbreitet worden, daß das Volk sich überall zur Auflehnung geneigt zeigt und so fanden auch die Antisemiten einen fruchtbaren Boden. Unter diesen Umständen befinden sich viele Mitglieder des ungarischen Reichstages in arger Verlegenheit. Bon der einen Seite fühlen sie die Pflicht, gegen diese Exeesie mit aller Kraft anzustrebcn, von der anderen fürchten sie ihre Popularität und damit ihr Mandat auf's Spiel zu setzen. Um so anerkennenswerther ist cs, wenn sich demungeachtet aus diesen Kreisen frcimüthige Stimmen hören zu lassen anfangen. Begonnen hat hiermit der Abgeordnete Paul von Somssich. Gerade sein Wahlkreis, der Csurgoer, war der Schauplatz der schmählichsten Auftritte. Er richtete nun an seine Csurgoer Wähler einen umfangreichen offenen Brief, aus welchem wir folgende Stellen hervorheben, indem wir hoffen, daß diesem Beispiele recht viele Abgeordnete folgen werden. Nachdem er sich in Kurzem mit der kroatischen Frage beschäftigt hat, sagt er: „Es sei mir gestattet. Jene, die das Volk im ganzen Lande zu solch bösen und gcwaltthätigen Verfolgungen aufhetzcn und an manchen Orten leider bereits auch aufgchetzt haben, zu fragen, ob sic mit sich darüber zu Rathe gegangen seien, was sie eigentlich wollen und wohin ihre Bestrebungen führen? Und wenn ja, ob sie wohl glauben, daß es bei dem gegenwärtigen Einfluß des Humanismus, in unserer, das Symbol der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit anerkennenden Zeit möglich wäre, siebenmalhundert und etliche Tausend Menschen (— dies ist sehr übertrieben, da die Juden in den ungarischen Ländern eine halbe Million nicht über steigen! Red.), deren größter Theil unsere Mitbürger sind, ans dem Vatcrlandc zu vertreiben, oder sie hier durch Ausplünderung zu Bettlern zu machen oder gar durch Mord auszurotten? Und glauben sie wohl, wenn sie diesen Unsinn für möglich halten, daß das gebildete Europa dies gestatten und daß die civilisirten Staaten jenes Ungarn, das vor Derartigem nicht zurückschaudertc, in ihrer Mitte dulden würden, jenes Ungarn, das nicht durch seine territoriale Größe, nicht durch die Zahl seiner Bevölkerung, sondern durch seine Freiheitsliebe und durch seine Achtung vor den mit derselben verbundenen Sitten Europas Anerkennung und Sympathien sich erworben, die cs durch Verleugnung der Principien, die es bisher hochgchalten, die es aber nun mit Füßen zu treten beginnt, entschieden verlieren würde. Und haben sic auch die übrigen Folgen bereits berechnet? Haben sie vornehmlich bedacht, daß es gesetzliche Pflicht eines konstitutionellen Staates sei, ungesetzliche Gewaltthätigkeitcn, nach welcher Richtung hin dieselben auch ihre zerstörende Thätigkeit beginnen sollten, mit gesetzlicher Kraft zu unterdrücken und sie, selbst wenn dies blutige Opfer kosten sollte, noch im Keime zu ersticken? Haben sie erwogen, daß ein solcher Kampf der rohen Gewalten auch die Ruhe, das Vermögen und das Leben vieler unschuldigen und friedlichen Bürger gefährden müßte und daß der Sieg, nach welcher Seite immer er sich auch wenden würde, in seinen Folgen für das Vaterland nur beklagenswcrth sein könnte, da letzterer in dem einen Falle der jeder Berechnung sich entziehenden Anarchie ausgesetzt wäre, und da in dem anderen Falle selbst die liberalste Regierung zur Anwendung von strengeren, für die konstitutionelle Freiheit mehr oder minder immer gefährlichen Maßregeln gezwungen würde und zwar in um so gesteigerterem Maße, je größere Kraftanstrengungen die Besiegung der Revolte erforderte. Spricht man doch schon von dem »gouvemer c’est prüvoir", welche übrigens sehr weise Regel auf die gegenwärtige Lage angewendet so viel bedeutet, als daß die Zeit und die Roth- Wendigkeit der Präventiv-Polizei gekommen sei. „Welche sind denn also jene Uebelständc und Beschwerden, deren Sanirung man durch die Judenverfolgungen zu erzielen l hofft?" fährt Somssich sodann fort: Die diesbezüglichen Klagen sind allbekannt. Man sagt: die Findigkeit, die Hinterlist des Juden unterdrückt und verdrängt den christlichen Besitz und die christliche Arbeit. (Wieder nichts als Uebcrtreibungen! Die Herren thun, als ob die Mehrzahl der Juden nicht arm und von Tag zu Tag lebend wären! Red.) Es soll nicht behauptet werden, daß diese und ähnliche Beschwerden ganz und gar grundlos seien; gerade deshalb empfiehlt es sich, dieselben eingehend zu prüfen und die Mittel zu erwägen, durch welche wir unsere materielle Position gegen die Strebungen der Judenschaft schützen könnten. Die Wege, welche wir zu diesem Behufe einzuschlagen haben, isind: „Nüchternheit, Arbeitsamleit, Sparsamkeit, die Ausbil-

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