Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1883)
- Date
- 1883-09-25
- Page
- Seite 630 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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630 die Agitation ungehindert weiter. So kann es geschehen, daß die Blätter noch täglich neue Berichte über neue Exceffe aus den verschiedensten Gegenden bringen. In O eben bürg hat sich der Pöbel mit dem einmaligen Putsche nicht zufrieden gegeben, denn in der Nacht von Montag auf Dienstag wurden die Unruhen fortgesetzt. Nach Güns mußte Militär beordert werden. Aus Karad (Somogy) haben sich sämmtliche Juden nach Kaposvar geflüchtet, weil sie ihre Sicherheit bedroht sahen. In dem erzbischöflichen Sitze Kalocsa, in dem von Juden stark besuchten Bade Balaton-Füred, in D ißely beschränkte sich die wilde Horde darauf, den Juden die Fenster einzuwerfen. In Schemnitz, wo bis 1848 Juden nicht wohnen durften, sind ebenfalls Unruhen vorgekommen; der Hauptanstifter derselben war ein junger Kreisnotärs-Adjunkt und wurde verhaftet. Leider ist in einzelnen Ortschaften die Bevölkerung noch immer nicht über den Ernst der Situation völlig aufgeklärt, wie folgende Thatsache beweist. Ein Szepetker Jude, Namens Weber, der bei dem dortigen Brande einen Schaden von 1000 Gulden erlitt, weil er nicht versichert war, darf in die Gemeinde nickt zurückkehren. Das Volk droht, ihn zu erschlagen, weil er, der seine ganze Habe verlor, angeblich den Brand gelegt haben soll. Der Arme sucht nun bei der Zentralstelle Schutz, um die Reste seiner Habe aus Szepetk abholen zu können. Ueberhaupt ist das Bauernvolk in allerlei Wahnvorstellungen befangen; so meinen und sagen zum Beispiel die Bauern in manchen Dörfern, daß es den Juden nur noch bis Georgi gestattet sein wird, im Lande zu bleiben. Bezeichnend ist es, daß diese furchtbaren Eruptionen des blinden Judenhaffes gerade in den Komitaten Vorkommen, in welchen die Juden immer im besten Einvernehmen mit gekommen sind. Der Bcßprimer Bischof hat einen Hirtenbrief erlassen, in welchem die Diözesan-Geistlichkeit aufgefordert wird, das Volk vor Judenhetzen zu warnen, welche gleichmäßig gegen die Gesetze des Landes und die Satzungen der christlichen Religion verstoßen. Eine entsetzliche Blutthat wurde — wie dem „Egy." aus Gran gemeldet wird — vor einigen Tagen zwischen den Gemeinden Csev und Keßtölcz an einem im letztern Orte wohnhaften Krämer jüdischer Religion begangen. Derselbe wurde auf der Landstraße unweit Csev meuchlings angefallen, mittelst eines Kopfhiebes zu Boden gestreckt und sodann mittelst Knütteln und Meffern in schrecklichster Weise zugerichtet; es wurden ihm in das Hinterhaupt drei Stiche versetzt, die Weichtheile der rechten Wange abgeschnitten und auch an den übrigen Körpertheilen mehrere schwere Verletzungen beigebracht. In solchem Zustande wurde das vandalisch zugerichtete Opfer verbrecherischer Hände am folgenden Tage im Straßengraben aufgefunden. Die Thäter dürften es kaum aus Raub abgesehen haben, da sie ihrem Opfer die zehn Gulden, die daffelbe bei sich trug, nicht raubten; auch an einen Racheakt ist nicht zu denken, da der so grausam gepeinigte Krämer sich wegen seiner Redlichkeit großer Popularität erfreute. Als einzig denkbares Motiv bleibt sonach die Annahme, daß der unglückliche Mensch ein Opfer jener durch die niedrigsten Leidenschaften genährten Bewegung ist, welche die Landbevölkerung in vielen Theilen des Landes ergriffen hat. Leider zeigen sich die Folgen der antisemitischen Hetzereien nun auch in Kroatien immer mehr, trotz der Anwesenheit des k. Kommiffärs und trotzdem die dortigen Jour-! nale vor dem schandvollen Treiben der Antisemiten warnen. der christlichen Bevölkerung lebten, sich mit der Nation ganz! Authentisch wird gemeldet, daß es in der Nacht vom 5. auf und gar amalgamirten und alle gemeinnützigen und wohlthätigen den 6. September in den Ortschaften Boca und Marusevec Bestrebungen förderten. So hat in Zala-Egerßeg die Faniilie R. ein Spital gegründet, in welchem bisher über 4000 christliche und 200 jüdische Kranke Heilung und Pflege fanden; (in der Nähe der ungarischen Grenze) zu argen Ausschreitungen kam. In beiden Orten war jedoch die Bewegung eine durchaus antisemitische und es wird ausdrücklich konhat Frau R. eine Volksküche errichtet und fast aus eigenen! statirt, daß keinerlei politische Motive mitspielten. Zn Voca Mitteln bestritten. Und dieselben Leute, welche Frau R. j wurden die Kaufleute Hafter und Deutsch und in Marusevec mit Fleisch und Brot speiste, zwangen sie und ihre Familie Klein und Haas vollständig geplündert und bei ihnen Alles, zur Flucht. In den letzten Tagen sind in den aufrührerischen Kowas nicht niet- und nagelfest war, total zerstört. Die untcrwühlten Gegenden Zagoriens bilden jedoch fast ausnahmslos mitaten keine weiteren Ruhestörungen vorgckommen. Nur in j die Domäne der Starcsevicsianer und diese betreiben die einem Torfe brach gestern Feuer aus und äscherte sechs Judenhetze ganz nach dem bekannten Muster. Der alte Häuser ein. Die Bauern nahmen gegen den Juden, in Starcsevics desavouirtc neulich in der„Sloboda" ganz entdeffen Hause das Feuer zum Ausbruch gekommen war, eine schieden Folnegovics, weil dieser an der bekannten Konferenz drohende Haltung an und wurden nur durch das Militär wegen Beruhigung der Bevölkerung theilgenommen, und ließ von Ausschreitungen zurückgehalten. In Tarnok, wo die Bevölkerung durch Hetzer aufgercizt war, ist cs dem kalmirenden Auftreten des katholischen Seelsorgers Goßtonyi und des Grundbesitzers Greß zu danken, daß keine Tumulte vornicht undeutlich durchblicken, daß er gar keine Lust habe abzuwiegeln, weder in der politischen noch in der konfessionellen Hetze. In Agram wurde gestern Nachmittag an den dortigen Juden gehörenden Häusern die Fenster zer-