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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-09-11 · Heft 37 (11.9.1883) · p. Seite 606

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 37 (11.9.1883)
Date
1883-09-11
Page
Seite 606 (sequence 12)
Language
German
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606 Wo hier die geeigneten Lehrkräfte finden, um jüdische Wissenschaften vorzutragen? Und, vor Allem, woher die Zöglinge für eine solche Anstalt gewinnen? Wird der dem Praktischen zugewandte Sinn der amerikanischen Jugend sich je dazu verstehen, einen geistigen Beruf zu wählen, der im Verhältnis; zu andern Bcrufsfächern nur so wenig lukrative Aussichten bietet? Doch unbeirrt von solch' entmuthigcnden Aeußerungcn arbeiteten die Unternehmer mit Kraft und Eifer an dem einmal begonnenen Werke. Trotz seiner anderweitigen Berusspflichtcn als Rabbiner einer großen Gemeinde und als Redakteur zweier Zeitungen widmete Herr vr. Wise täglich mehrere Stunden unentgeltlich dem Unterrichte in dieser jungen Anstalt. Er ward darin von dem seligen vr. Lilienthal und andern tüchtigen Lehrern unterstützt. Die Zahl der Schüler und auch die Zahl der Gönner und Förderer des Unternehmens wuchs von Jahr zu Jahr, als die Berichte des von dem Gcmcindebunde ans der Mitte der hervorragenden Rabbiner des Landes jährlich gewählten Prüfungs-Commission immer günstiger lauteten und dem Institute Lebensfähigkeit zusprachen. Bor 1 Jahren wurden die eigentlichen Seminar- Klassen eröffnet und gleichzeitig den bereits vorhandenen tüchtigen Lehrkräften die des Rabbiners vr. Mielziner hinzugesügt, der aus New-Iork als Professor der talmudischen Literatur hcrberufen wurde. Anstatt der dunklen Zimmer im Souterrain eines der hiesigen Tempel, in welchen der Unterricht früher stattfand, hat das Seminar jetzt ein eigenes prachtvolles Gebäude mit geräumigen freundlichen Lehrsälen und eine würdig ansgestattete Synagoge, in der die Studenten jeden Samstag Nachmittag Gottesdienst und homiletische Uebungen abhalten. Die mit einigen erbettelten Exemplaren der Bibel und des Talmuds begonnene Bibliothek ist zu einer stattlichen Bibliothek von nahezu 10,000 Bänden hcrangewachsen, in der alle Zweige der Wissenschaft, besonders die der jüdischen Literatur vertreten sind. Die Schülerzahl in beiden Abtheilungen — dem Präparatorium und dem eigentlichen Seminar — betrug im letzten Jahre 38. Eine gleiche Anzahl hat auch das seit einigen Jahren in New-Z)ork unter Leitung des Herrn Rabbiners vr. Gottheil bestehende Präparatorium. Zu ihrer allgemein wissenschaftlichen Ausbildung müssen die Schüler zugleich die städtischen Hochschulen und resp. die Universität besuchen. Die diesjährige Prüfung fiel überaus glänzend aus. Zur Prüfungs-Commission gehörten die Herren Rabbiner I >r. Köhler aus New-Z)ork, vr. Ezold aus Baltimore und I>r. Jastrow aus Philadelphia. Da Letzterer durch Umstände verhindert tvar herzukommen, so wurde er durch den Prediger Herrn G. Jacobs aus Philadelphia vertreten. Den genannten 3 Herren schloffen sich auf Einladung auch die zur Zeit anwesenden Herren Rabbiner vr. Adolph Moses aus Louisville und Liebmann Adler aus Chicago als Examinatoren an. Die öffentliche Prüfung nahm 4 volle Tage in Anspruch. Bon den Prüfungsgegenständen seien hier besonders die der obersten Klaffen erwähnt: Bibel. Kritische Auslegung einiger Bücher der Propheten und Hagiographen, mit Berücksichtigung der Targumim und der rabbinischen Commentare. Talmud. Traktat Gittin und außerdem prim-» vista Lesen verschiedener Stellen aus andern Traktaten. Schulchan Aruch, Jore Dea und Eben Haeser. Midrasch, Bereschith und Sch'moth Rabba. Jüdische Geschichte und Literaturgeschichte. Religionsphilosophic: Moreh und Jkkarim. Außerdem wurde in folgenden Gegenständen geprüft, welche während dieses Jahres in Borlesungen vorgetragen worden: Einleitung in die Bücher der heiligen Schrift. Das jüdische Eherecht. Prinzipien des talmudischen Eivil- und Criminal- Rechtes. Terminologie und Prinzipien des rabbinischen Ritual- Gesetzes. Auch von ihrer homiletischen Befähigung hatte die graduirende Klaffe Proben vor der Prüfungs-Commission in der Synagoge des Seminars abzulegen. Als Probe ihrer literarischen Befähigung hatte jedes Mitglied der obersten Klaffe im Laufe des Jahres eine längere Abhandlung über ein selbstgewähltes Thema ausgearbeitet, welche Arbeiten der Commission vorgelegt wurden. Herr Candidat H. Berkowitz schrieb über „Die Stellung der Juden in der Geschichte des Handels"; Herr I. Krauskopf: „Einfluß des Parsismus auf den Talmudismus"; Herr I. Aaron: „Bachja ben Joseph Jbn Pakuda, seine Zeit, sein Leben, sein literäres Werk"; Herr D. Philipson „das philosophische System Saadja's"; Herr I. Rubenstein: „Leben und Werke des R. Jsaac Aroma." Aus dem nun gedruckt vorliegende» Bericht der Prüfungs- Commission sei hier folgender Passus in Uebersetzung hervorgehoben : „Die Klassen sind nicht nur gründlich in den Zweigen, in welchen sie unterrichtet worden, sondern zeigten einen Wiffensgrad, welcher die Examinatoren mit Ueberraschung und Freude erfüllte. Das College verdient die Anerkennung, Ermuthigung und herzliche Unterstützung der jüdischen Gesammtheit der B. Staaten. Die Pforten der Wiffenschast sind hier geöffnet worden, die Werke, welche Israels reiche 1 Literatur, Geschichte und Philosophie enthalten, sind keine -versiegelten Bücher mehr, und der Tag ist für das amerikanische Judenthum erschienen, wo die Gemeinden geistlichen! Unterricht von Denen empfangen können, die dazu befähigt sind und deren Geschmack und Sitten mit amerikanischen Institutionen in Uebereinstimmung sein werden. Bon dem 1 praktischen Wirken des Uebr. Union College wird die rabbi-

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