Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1883)
- Date
- 1883-09-11
- Page
- Seite 603 (sequence 9)
- Language
- German
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603 Selbstverständlich waren die Antisemiten oder „Christlich-| Anbahnung eines einheitlichen Systems der Altersversorgung Socialen" hiervon sehr chockirt, und als am Montag Abend! von Gemeindebeamten und der Fürsorge sür deren Hintereine abermalige Arbeiterversammlung stattfand, warfen sie von „Christlich-Socialen", d. h. von Anhängern Stöckers so viele sie auftreiben konnten, in die Versammlung hinein. Diese verlief aber doch ganz anders. Als der Referent, Schlosser Görcki sich gegen die Fortschrittspresse wandte und sich dahin aussprach, daß hinter derselben nicht Arbeiter, sondern andere Leute ständen, wurde aus den Reihen der zahlbliebene. Nach beiden Richtungen ist der Verbandsausschuß bemüht gewesen, fördernd einzutreien. Nachdem bereits im Vorjahre einheitliche Ilnterrichtsstundenpläne und Schulordnungen durch eine in Königsberg abgehaltene Lehrerkonferenz festgesetzt worden, haben in diesem Jahre durch die Herren Rabbiner und Lehrer Ahrenfeldt-Lötzen, Dr. Bamberger-Königsberg, Scherbel-Gumbinnen, Sturmann-Osterode und Weinreich anwesenden Christlich-Socialen der Ruf „Juden" laut. berg-Jnsterburg Schulinspicirungen stattgefunden. Durch die Herr Görcki antwortete auf diesen Zwischenruf: „Die Arbeiter sind weder Philosemiten, noch Antisemiten; aber sie werden niemals eine einzelne Rasse für Alles verantwortlich machen, was ihnen schlecht und verbesserungsbedürftig erscheint. Nicht die Rasse, nicht den einzelnen Menschen, sondern seine Thaten werden die Arbeiter beurtheilen." (Stürmischer Beifall.) Maurer Peter weist jede Gemeinschaft mit Stöcker und Consorten zurück; die Arbeiterfrage könne nicht durch Priestertalar und Mönchskutte gelöst werden. Graveur Kluge, ein kaum zwanzigjähriger Arbeiter, der selbst erklärt, noch nicht wahlberechtigt zu sein, suchte für die deutsche Bürgerpartei Propaganda zu machen, indem er deren Programm als identisch mit dem der deutschen Arbiter bezeichnete. Geben Sie — so rief er aus — bei der ersten Wahl Ihren Candidaten die Stimme, aber treten Sie bei etwa möglichen Stichwahlen sür die Candidaten der deutschen Bürgerpariei ein, wählen Sie vor Allem keine Juden. (Großer Lärm und stürmische Unterbrechung.) Der Referent Görcki wies den gegnerischen Redner mit Entschiedenheit zurück und erklärte, daß es den Arbeitern gleichgiltig sei, ob ein Christ oder Beihilfe des Verbandes ist es einem jungen Manne ermöglicht worden, das Lehrerseminar in Hannover zu besuchen; demselben ist seitens des dortigen Lehrerkollegiums ein vorzügliches Zeugniß erteilt worden. Den diesseitigen Stipendiaten soll die Verpflichtung aufcrlegt werden, nach bestandener Prüfung in erster Reihe in einer der Verbandsgemeinden, wenn sich hierzu Gelegenheit bietet, zu fungiren. Ferner ist auf Anregung des Verbandes eine Hilsskasse für jüdische Gemeindebeamten sowie für deren Witwen und Waisen in den Provinzen Pommern, Ost- und Westpreußen ins Leben gerufen worden, welche den Zweck hat, einerseits denjenigen Mitgliedern, die durch Krankheit oder Alter dienstunfähig geworden sind, für die Zeit ihrer Dienstunfähigkeit, andererseits den Witwen und Waisen verstorbener Mitglieder Beihilfen zu gewähren. — Außer den statutenmäßigen Obliegenheiten der Generalversammlung, Feststellung des Voranschlages der Einnahmen und Ausgaben pro 1683 64 und der Entlastung der Kassenführung pro 1682/63, Wahl des Ausschusses und Verbandsvorstehers nahm vor Allem ein Vortrag des Herrn Di*. Bamberger-Königsberg über „die Schule" das höchste ein Jude sie vertrete; der nominirte Candidat. Herr Paul! Interesse in Anspruch; die an denselben geknüpften Anträge Singer, besitze das volle Vertrauen der Arbeiter. (Ruf: Lieber! behufs Einsetzung einer Verbands-Schulinspektion wurden einzehn Juden, als einen Stöcker.) stimmig angenommen. Es fanden hierdurch gleichzeitig die Braunsberg, 30. Aug. (Verband der Synagogendenselben Gegenstand betreffenden Anträge der Gemeinden gemeinden Ostpreußens) Gestern fand hier die dritte ordent- Heilsberg, Gutstadt, Osterode und Wartenburg ihre Erlediliche Generalversammlung des Verbandes der ostpreußischen gung. — Auf den Bericht des Herrn Sekretär Klein-Königs- Synagogengemeinden statt, bei welcher die Gemeinden Allenberg über die oben erwähnte Hilfskasse wurden dieser Kasse stein, Bartenstein, Braunsberg, Gutstadt. Heilsberg, Pr. Hol-! nicht nur diejenigen 400 Mk. überwiesen. welche dem Verland, Insterburg, Labiau, Lötzen, Lyck, Mehlsack und Worin-! bande zu gleichem Zwecke von den Herren Kommerzienrath ditt durch Delegirte vertreten waren, der überdies eine grö-i Becker-Palmnicken, Carl Gottberg-Lyck und Geheimer Com ßere Anzahl persönlicher Mitglieder und fast sämmtliche merzienrath Simon-Königsberg geschenkt worden waren, son- Mitglieder der Gemeinde Braunsberg beiwohnten. Aus den dern auch ein Jahresbeitrag von lf>0 Mk. bewilligt. Die Berichten des Verbandsvorstehers Herrn A. Elösser-Jnster-; Verhandlungen gewährten fämmtlichen Teilnehmern die bürg und des Berbandskassirers Herrn Wolffgang-Insterburg Ueberzeugung, daß dieselben von dem wärmsten Interesse entnehmen wir, daß von den 55 Synagogengemeinden Ost-, für die gute Sache geleitet wurden, und cs bleibt nur zu Preußens dem Verbände bereits 39 angehören, derselbe überbedauern, daß die erste Gemeinde der Provinz — als solche dies ca. 200 persönliche Mitglieder zählt und zur Zeit einen — bis jetzt noch nicht in dem Verbände vertreten ist, dessen Kassenbestand von p. p. 2400 Mk. hat. Die Aufgaben des: Führerschaft ihr obliegen würde. Den fünfstündigen Verhand- Verbandes sind in erster Reihe die Förderung des Religions-! lungen folgte ein solennes, von der Gemeinde Braunsberg schulwesens und Ausbildung von Religionslehrern sowie die arrangirtes Festmahl, bei welchem es an Trinksprüchen nicht 37