Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1883)
- Date
- 1883-09-11
- Page
- Seite 599 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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zeugung Ausdruck, daß die Krawalle von langer Haud vorbereitet und vrganisirt seien. Die Geständnisse des heute Verstorbenen; Aeußerungen der Plünderer: man hätte ihnen verbürgt, daß das Militär nur Schreck einjagen, nicht aber schießen dürfe; Ausrufe wie: ,A nemzet felebredt“, die den Bauern offenbar nur in den Mund gelegt sein können; im Voraus verabredete Signale, nach welchen die Haufen wie auf Commando sich bewegten, rechtfertigen diese Auffassung. Der Bicegespan versichert weiter, er werde die von ihm bereits gefaßten wichtigen Fäden unbeirrt bis an die eigentliche Quelle verfolgen. Er bittet den Minister, noch heute telegraphisch anzuordnen, daß die hier weilenden vier Compagnien um jeden Preis hier bleiben, da nach eingegangenen Nachrichten in den umliegenden Dörfern Unruhen zu befürchten sind. Aus Keßthely kam heute eine Meldung des Stuhlrichters, die der dortigen Bevölkerung zur höchsten Ehre gereicht. Der Bericht sagt nämlich: die Bürger von Keßthely machten jede Ausschreitung unmöglich, indem sie 1ö Aufwiegler selbst verhafteten. Dem gegenüber führt der Viecgespan bittere Klage über das indifferente, ja gegnerische Verhalten der hiesigen Intelligenz. Ein Einziger nur, Advokat Kovacs, Commandant der Feuerwehr, machte eine rühmliche Ausnahme; er bot Alles auf, um das abscheuliche Rauben zu Hintertreiben. Ueber alles Lob erhaben steht Vicegespan Svastics, der, ein Greis, seit Donnerstag sich keine Ruhe gegönnt und Uebermenschliches zur Ehrenrettung des Komitats geleistet hat, überall selbst erschien und Alles selbst anordnete. Auf's Kräftigste unterstützt wird Herr v. Svastics vom Staatsanwalt Besscnyey, deffen Fenster der Pöbel unter Rufen: ,Le Szeyfferttel“ einschlug; ferner vom Komitats-Notär Gozony. Die Bevölkerung verhält sich, wie bemerkt, indifferent. Ein großer Theil ist voll Schadenfreude und sieht mit verhaltenem Grimm des Bieegcspans strengen Maßregeln entgegen. Tie zwei Gefallenen wurden soeben in aller Stille beerdigt. Nach Saarhida, wo heute Nachts Sterk ermordet wurde, ging Militär mit dein Stuhlrichter Zarka ab, der die Untersuchung eiuleiteu soll. Aus Szt.-Grot und anderen Dörfern kommen noch immer besorgniserregende Nachrichten. Mit einem Worte, ganz Zala ist in Gährung begriffen. Vom Somogyer Komitat, namentlich von Csurgo und Gyekenycs, bringen Flüchtlinge wahre Schreckensnachrichten. Aus beiden Orten mußten die Juden in Folge der Demonstrationen und Plünderungen flüchten, ihr Hab und Gut zurücklassend. In der Nacht vom 26. d. war Groß-Magendorf im Preßburgcr Komitat der Schauplatz eines großen, gegen die Juden gerichteten Excesses. Die Fenster sämmtlicher Judenwohnungcn wurden eingcschlagcn, Gewölbe erbrochen und geplündert. Zahlreiche Juden, welche entfliehen wollten, wurden von der wüthenden Menge thätlich mißhandelt und blutig geschlagen. Nur mit Mühe gelang es dem mit Panduren herbcigeeilten Stuhlrichter im Verein mit der OrtSobrigkeit, die Ruhe herzustellen. — Seitdem die obige Correspvndenz an uns abgeschickt worden, haben sich die Exceffe noch weiter ausgebrcitet und einen noch gefährlicheren Charakter angenommen; der „Nemzet" schreibt darüber: „Die Stimmung im Zalaer Komitat ist schon seit Monaten erregt und zum Ausbruch fehlte nur ein Anlaß; die Vorbereitungen waren getroffen, was auch der Umstand bewies, daß es in der Menge Leute gab, die fünf, sechs Stun- ' den von Egerßeg entfernt wohnen und nach erhaltenem Signal! bewaffnet und kampfbereit in die Stadt eilten. So viel ist : gewiß, daß in dem Komitate, in deffen einem Bezirke die! Tapolczaer Petition geboren wurde, die ganze Bewegung organisirt wnrde. Man traf Anstalten, um demnächst wieder ' eine Volksversammlung einzuberufen, deren Zweck cs wäre, gegen die Judenfchaft zu demonstriren und eine neuere Petition sestzuftellen, die, ähnlich der Tapolczaer, an den Reichstag gerichtet werden soll. Allgemein spricht man auch davon, daß die Leiter der Zalaer antisemischcn Bewegung in formeller Verbindung mit den deutschen antisemitischen Führern flehen, ja man glaubt auch zu wissen, daß Anfangs dieses Monats ein deutscher antisemitischer Emiffär im Komitat gewesen und bei einem Grundbesitzer gewohnt habe, . in deffen Hause Konferenzen gehalten wurden. Tie deutschen antisemitischen Blätter und Flugschriften werden massenhaft ins Komitat gesendet, die ungarischen Hetzblätter verbreitet, dem Volke erklärt, mit einem Worte, die Hetze nimmt ihren Fortgang mit unglaublicher Heftigkeit leider auch in Kreisen, die am rvenigsten Grund hätten, das Werk der Destruktion zu fördern. Nicht darüber muß man staunen, daß die Zalaer nüchterne und ruhige Landbevölkerung, die bis jetzt mit den Juden am besten auskam — hatte ja noch vor zwei Jahren eine Gemeinde des Komitats einen jüdischen Richter — sich soweit vergessen konnte, sondern darüber, daß sie den unerhörten Hetzereien so lange zu widerstehen vermochte. Jetzt natürlich hat das arme Volk die Folgen zu tragen; schon zählt man zehn Todte; mehrere liegen tödtlich verwundet in den benachtbarten Ortschaften; die Agitatoren aber können sich die Hände reiben über den Erfolg ihrer teuflischen Arbeit. Die Bewegung schreitet nach Osten hin fort. Auf das Preßburgcr Komitat folgte das Oedenburgcr, daun das Eisenburger, hernach das Zalaer Komitat. Im Somogyer Komitat hat sie bereits in Esurgo das Haupt erhoben und es ist sehr zu befürchten, daß sie auch Kaposvar, einen Hauptsitz des Antisemitismus, nicht beiseite lassen werde." Eine Erscheinung macht sich fast überall bemerkbar: An den Orten, wo die Unruhen ausbrachen, haben bisher Christen; und Juden in Frieden gelebt und demgemäß sind es auch zumeist nicht die Einwohner der betr. Ortschaften, welche die Juden mißhandeln, sondern Fremde, theils Bauern und