Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1883)
- Date
- 1883-09-11
- Page
- Seite 598 (sequence 4)
- Language
- German
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Eid" zu werfen, bewegt uns an dieser Stelle zu keiner Entgegnung. Die Heiligkeit des Eides im Judenthume ist über alle Zweifel erhaben; seine Unverletzlichkeit ist so streng constatirt, daß jede Restriktion, also etwa eine bestimmte Sprache, ein bestimmter Richter, zurückgewiesen ist. Ter Eid kann nach dem jüdischen Rechte in jeder Sprache abgefaßt sein und vor Jedem, sei er selbst ein Heide oder ein Unmündiger, abgelegt werden, ja, der Schwörende braucht ihn nicht einmal nachzusprechen, sobald er nur „Amen" darauf sagt, ist cs ein unverletzlicher Eid in voller Kraft und Gültigkeit. (Jore Dca 237, 2. Choschen hamischpat 87, 20.) Die Ercelse in Ungarn. Pest, 27. August. So oft im Lause der jüngsten Monate auf ungarischem Boden Judenhetzen zum Ausbruch kamen, tröstete man sich damit, daß die Unruhestifter deutschen Ursprungs oder Slaven seien; nunmehr wüthct der Antisemitismus auch in einer kernmagyarischen Gegend. Auch sind die Feindseligkeiten nicht bloß gegen solche Juden gerichtet, welche, wie man häufig behauptete, in der Kultur zurückgeblieben sind, die Juden im Zalacr Komitate gehören zu den gebildetsten im ganzen Lande. Die Tumulte in dem Hauptorte des genannten Komitats, in Zala-Egerßeg, dem Geburtsorte des großen Patrioten Franz Deak, haben sehr bedauerliche Dimensionen angenommen. Am 23. d. M. stürmten zwei aus 800 bis 1000 Mann bestehende Haufen die Wohnungen der dortigen Israeliten, zerschlugen Thüren und Fenster und plünderten nach Herzenslust. Freitag und Samstag Nachts setzten die aus der Umgegend hineingehetzten Bauern mit Aexten und Heugabeln und mit dem Kampfrufe: „Vorwärts Ungarn'. Eljen Jstvczy!" das Zerstörungswerk fort. Die Stadt sieht so aus, als hätten Vandalen in ihr gewüthet. Furchtbare, jeder Beschreibung spottende Scenen haben sich abgespielt. Mehrere Personen wurden schwer verwundet, einer ist noch in der flacht den Wunden erlegen. Das von Kanizsa requirirte Militär erwies sich als ganz und gar ohnmächtig, so daß neuerdings militärische Verstärkung nach Egerßeg geschickt wurde. Aus den umliegenden Dörfern kommen die Bauern noch immer schaarenweise in die Stadt, und zwar offenbar einer einheitlichen Führung gehorchend. Sie bringen auch gleich Raub- und Mordwerkzeuge mit. Es ist kein Zweifel, daß Emissäre systematisch das Volk aufstacheln und nach einem bestimmten Plane zu Raub und Plünderung führen. In Egerßeg herrscht die größte Angst. Weiber und Kinder werden nach Kanizsa gebracht. In Esurgo wurden in der Nacht vom Samstag den 25. d. M. nahezu sämmtliche Judenhäuser demolirt; zahlreiche Familien flüchteten nach Kanizsa. Der Pöbel wüthete dort vandalisch, die meisten Läden wurden ausgeraubt, der Tempel wurde erbrochen und im Innern desselben Alles zerstört. Jeder Zug bringt neue Flüchtlinge. Bon Egerßeg kamen heute Depeschen, laut welchen Nachts das Militär drei Plünderer niedergeschossen und mehrere verwundet habe. Gestern Abend brachen die Unruhen in Gr.-Kanizsa aus. Tobende, johlende Haufen durchzogen unter fortwährenden excessiven Rufen die Straßen und zerschlugen die Fenster. Der Pöbel wollte sich eben an die Ausräubung der jüdischen Kaufläden machen, als die dort concentrirten Dragoner denselben auseinandersprengten und die Straßen säuberten. Die Exceffe erstrecken sich über die ganze Gegend. In Saarhida, einem nahe von Egerßeg gelegenen Dorfe, wurde Samstag Nachts der jüdische Lehrer Sterk ermordet und ausgeraubt, die übrigen Juden flüchteten. In Zalalövö wurden mehrere jüdische Wohnungen demolirt. Im Spital zu Egerßeg liegen drei Schwerverwundete im Sterben, acht Verwundete sind in Privathäusern untergebracht, unter ihnen der 70 Jahre alte Jude Rosenberg, der am Samstag Nachts einen lebensgefährlichen Axthieb erhielt. Zwei vom Militär angeschossene Plünderer blieben am Platze. In Gyekcnycs wurde das bedeutende Geschäft der Brüder Unger ausgcraubt, in deren Wohnung die Möbel und das Klavier zertrümmert und sodann verbrannt, Wäsche, Geld, Pretiosen geraubt. In den Dörfern Csacs, Bessenyo und Zalva wurde fürchterlich gehaust, dort liegen mehr als fünfzig Verwundete. Aus Berzenize und Udvarhely werden Krawalle gemeldet. Die Stimmung ist in der ganzen Umgegend eine sehr gedrückte, in den kleinen Orten, wo kein Militär liegt, eine geradezu verzweifelte, man sieht den nächsten Tagen mit Angst und Unruhe entgegen. Wahrhaft scheußliche Orgien hat der Antisemitismus im Zalaer Komitate gefeiert. Mord, Todtschlag und Plünderung sind in dem sonst so ruhigen und gebildeten Kömitat jetzt alltäglich. Pest, den 28. August. Nach neuesten Nachrichten aus Egerßeg ist der alte Rosenberg den Samstag Nachts erhaltenen Wunden gestern Nachmittag erlegen; ihn beweint eine zahlreiche Familie. Der Greis erhielt den Todesstreich auf der Straße, wo er sich unerwartet von Mehreren umgeben sah. Dem „Pester Lloyd" wird aus Egerßeg telegraphirt: Heute, den 28. d. M., beginnt die Untersuchung in elf Dörfern, deren Bevölkerung das Contingent zu den jüngsten Exceffen geliefert hat. Vicegespan Svastics ist entschloffen, mit unerbittlicher Strenge gegen die Schuldigen vorzugehen, und erließ heute ein Cirkular an sämmtliche Notare des Komitats, in welchem denselben mit sofortiger Entlassung gedroht wird, wenn sie über alle Borkommniffe nicht sofort berichten oder ihrer Pflicht anderweitig nicht entsprechen sollten. Der Viccgespan giebt in seinem Berichte an den Minister der Ueber-