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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-09-04 · Heft 36 (4.9.1883) · p. Seite 580

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 36 (4.9.1883)
Date
1883-09-04
Page
Seite 580 (sequence 2)
Language
German
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580 So drückend auch zu aller Zeit für die Juden die Zustände | in Rußland gewesen seien, so wäre ihnen doch niemals der Gedanke an die Emigration gekommen. Nachdem nun Alexander II. ein erlösendes Wort gesprochen und der jüdischen Jugend den Weg zur Bildung und Wirksamkeit eröffnet hatte, machte jene in einem Jahrzehent riesige Fortschritte. Das Ideal, das diesen Jünglingen vorschwebte, war die vollständige Amalgamation mit dem russischen Volke. Die Macht Rußlands, die Freiheit der Slaven galten ihnen als das Ziel aller Bestrebungen. Darum begrüßten sie die allgemeine Wehrpflicht mit Jubel und bei Plewna, Rustschuk und Silistria vergossen sie freudig ihr Blut und sahen Tausende von Glaubensgenosien mit ihren Leibern die Gräber füllen. Da war es, daß die russische Gesellschaft über die Fortschritte der jüdischen Jugend in Alarm gerieth. Der Antisemitismus breitete sich schnell und mächtig in Rußland aus. Ueberall hörte man die Juden als „Fremde und Eindringlinge" bezeichnen, die man beseitigen müffe. Die schrecklichen Verfolgungen kamen hinzu, um den Verblendeten die Augen zu öffnen. Diese jüdische Jugend, die, vom Judenthume nur als von einem Uebergang zum Ruffenthum etwas wisiend, des Wesens und der Geschichte des Judenthums völlig unkundig war, erwachte. Aber des religiösen Elementes bar, erstand in ihren enthusiastischen Geistern das „jüdisch-nationale Bewußtsein". Sie sagten sich, das jüdische Volk müsse wieder eine nationale Selbständigkeit erlangen, und dies sei nur möglich, wenn man in einem freien Lande ein Stück Land erwerbe, darauf ackerbauende Colonien schaffe, dies systematisch immer weiter ausdehne und so einen fruchtbaren Boden für alle tüchtigen, arbeitsfähigen Emigranten gewinne. Zu diesem Zwecke scharte sich eine Anzahl junger Männer zusammen, organisirte sich und zog nach Amerika. Die Mehrzahl von ihnen war durchaus nicht gedrängt, Rußland zu verlassen; nicht wenige von ihnen ließen gute Verhältnisse hinter sich; die Idee, die ihnen eine „heilige" erschien, die Idee der Colonisation zu Gunsten der jüdischen Gesammtheit war es, welche sie in die weite Ferne ziehen ließ. — Sie fanden jedoch bei der wohlhabenden russischen Bevölkerung keinen Anklang, keine Unterstützung. In sehr nachdrücklichen Worten spricht der Artikel seine Klagen darüber aus, daß die reicheren ruff. Juden sich überaus gleichgiltig bei dem traurigen Geschick ihrer Glaubensgenosien verhielten. Als ihnen dies von christlicher Seite vorgeworsen, wandten sie sich an die Regierung mit dem widersinnigen Projekt, die emigrirenden Juden nach Turkestan unter die wilden Kirgisen zu verpflanzen!! Aber inmitten der für die Colonisation begeisterten Partei selbst trat eine Spaltung ein, indem der eine Thcil für Niederlassungen in Palästina schwärmte, der andere lediglich nach dem freien Amerika drängle. Aber während diese Parteien noch stritten, hatte sich unter dem Eindruck der grausamsten Verfolgungen der Gedanke der Auswanderung der Masse bemächtigt, und sie wälzte sich der Grenze zu, mit sich schleppend Greise, Kinder, schwache Frauen. Hätten sich in Rußland Comitvs für die Auswanderung gebildet, was Jgnatiew nicht untersagt hätte, und wären diese mit den europäischen Comitös in Verbindung getreten, so hätte Alles geordnet und geregelt werden können. Aber die einflußreichen Juden Rußlands wollten nichts davon wissen, und so gingen die Dinge ihren ttaurigen Gang. Die europäischen Comit^s konnten nur daran denken, die sich anstauende Masie möglichst schnell über den Ocean zu befördern, und die amerikanischen Hilfscomitös? Noch klingt das grausame Wort Ellinger's nach: „Helfet euch selbst, wir können nichts für euch thun!" Noch sehen wir die entsetzlichen Vorgänge in Castle-Garden vor uns — doch wir wollen schweigen. Unter der Masie der Emigranten hatten sich jedoch, wie wir bereits bemerkt, Gruppen oder Klubs gebildet, so die Odeffaer Gesellschaft Am-Olam, Kieffer Am-Olam, Odessaer Achim undKrementschugerBnei-Morin, die allesammt größtentheils aus dem intelligenteren Theile der Emigranten bestanden. Auf Betrieb Ellinger's, des einflußreichsten Mitgliedes des amerikanischen Hilfscomitös, wurde nun die erste Colonie in Louisiana gegründet, nämlich in Sicily-Jsland. Leider war diese Wahl durch polittsche Motive getroffen, um nämlich durch die Einwanderer die demokratische Partei mit der Zeit zu vergrößern, welcher der Gouverneur und sein Freund Ellinger angehörten. Aber die Wahl war sehr unglücklich , denn das Klima von Louisiana war für Nordeuropäer unerträglich und verderblich. Dazu kam, daß die „Elisabethgrader Gesellschaft", welche diese Colonie gründete, ohne Unterschied der Befähigung und Tüchtigkeit eine Menge Auswanderer in sich aufnahm, die der Colonie zur Last fielen, ja ihren Fortgang unmöglich machten. Aber gerade diese drängten sich in den Vorstand, Menschen, welche in Rußland Kapitalisten und Geschäftsleute gewesen waren und von den Bedürfniffen und Arbeiten der Colonisation keine Ahnung hatten. Alle diese Umstände richteten die Colonie bald zu Grunde. Ihr Präsident war der erste, der sie verließ. — Die Nachricht von dem Auseinanderlaufen der Co lonisten und dem Untergang der Colonie wirkte erschütternd auf alle diejenigen Emigranten, welche in der Colonisation ihr Heil suchten. Bald verbreitete sie sich nach Europa, und übte in Rußland den niederschlagendsten Eindruck. Ellinger und Genoffen zogen daraus die Schlußfolgerung, die russischen Emigranten laugten nicht zum Ackerbau, diese wollten überhaupt nicht arbeiten, und entzogen ihnen dadurch die Sympathien Vieler. Unter den Emigranten selbst breitete sich die Muthlosigkeit immer mehr aus, der Mangel am Nöthigsten gesellte sich hinzu, und bald zog ein großer Theil j vor, unter das russische Joch zurückzukehren, als im freien

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