Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1883)
- Date
- 1883-08-28
- Page
- Seite 569 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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569 Frau auf die Straße geworfen haben, so daß das kleine Kind ihren Armen entfiel. Die Kunde hiervon verbreitete sich wie ein Lauffeuer und in kurzer Zeit hatten sich Hunderte von Menschen vor dem Laden des Preuß angesammelt, die bald gegen den Laden desselben aggressiv vorgingen. Schon waren die Scheiben der Schaukästen durch Steinwürfe zertrümmert, auch Preuß und seine Familie in empfindlicher Weise attaquirt worden, schon hatten sich vor den Läden anderer jüdi-! scher Händler der Gegend bedrohliche Menschenmengen angesammelt, so daß jene die Geschäfte schleunigst schlossen, als unter Führung eines Polizeioffiziers eine Abtheilung Schutz-' leute anrückte und die Menge zerstreute. Bis in später; Stunde mußte die Straße polizeilich besetzt bleiben, da die! aufgeregte Menge immer von Neuem sich ansammelte.! Berlin. 19. Aug. Die „Voss. Ztg." enthält in einem! Leitartikel eine derbe Zurechtweisung der „konservativen" i Blätter, welche theils, wie der „Schwäb. Merk." vor dem Ausgang des Tißa-Eßlarer Processes einen Rückzug suchen, indem sie ihn nachträglich aller Bedeutung zu entkleiden suchen — theils, wie die „Schlesische Zeitung" unverfroren bei dem rituellen Morde beharren! Es heißt dann: „Es verdient der Vollständigkeit halber noch erwähnt zu werden, daß die „Nordd. Allgem. Ztg." in der bequemen Form der „Journalrevue" diese das Untersuchungsverfahren rechtfertigenden und beschönigenden Artikel in extenso mitthcilt, ohne von den entgegengesetzten Anschauungen anderer Blätter irgend welche Notiz zu nehmen. Damit gewährt sie vorläufig den Antisemiten etwas Deckung, ohne sich selbst zu compromittiren. Sie befolgt die Politik der freien Hand und bewahrt vorläufig „wohlwollende Neutralität" gegenüber den ungarischen Gesinnungsgenofien des Herrn Stöcker." — Ta erscheinen i denn die Auslassungen des Grafen Esterhazy nicht ganz ohne Grund! i Tilsit, 7. August. Ein Gegenstück zum Tißa-Eßlarer Vorfall hat sich, wie die „Tils. Ztg." zu berichten weiß, in unserer Nähe ereignet. Einer jüdischen Gutspächter-Familic in der Nähe von Tauroggcn verschwand vor etwa einem Jahre spurlos deren einzige 13 jährige Tochter. Alle Nachforschungen blieben fruchtlos, und die Eltern des Mädchens wurden in die größte Trauer versetzt. Sie setzten ihre Bemühungen trotzdem immer weiter fort, und ihrem rastlos arbeitenden Agenten gelang es endlich, im Lause der verfloffenen Woche die Spur des verlorenen Mädchens zu finden. Ein russischer Geheimpolizist hatte diese Spur ermittelt, sie aber an der russisch-preußischen Grenze wieder verloren. Ein Empfehlungsschreiben der Staatsanwaltschaft lfier an den betretenden Grenz-Gensdarm autorisirte den überaus aufgeregten, trostlosen Vater und den russischen Beamten, die verlorene Fährte diesseits der Grenze weiter zu suchen. Am Freitag, den 3. d. M.. gelang cs beiden Männern, das vermißte Mädchen zu finden, und zwar versteckt bei einem littauischcu Bauern im Grenzdorfc Robkojen. Das Kind war ebenso wie der Vater hochbeglückt, und beide eilten zu der voll Bangen und Hoffen befindlichen Mutter. Soviel bekannt geworden, sollen Fanatiker das Mädchen geraubt haben, um es — der christlichen Kirche zuzuführen. Seit seinem Raube ist es bald hier, bald dort versteckt gehalten worden und in Robkojen soll es erst seit acht Tagen gewesen sein. Dem geängstigten Kinde hat man fortwährend religiöse Vorträge gehalten, und in letzter Zeit seine baldige Taufe in Aussicht gestellt. Die Staatsanwalt wird das Verbrechen, soweit es diesseits der Grenze geschehen ist, verfolgen. Posen, 7. August. (Berichtigung.) Die letzte Nummer enthält einen Bericht über die Zustände der hiesigen Gemeinde, welcher große Entrüstung bei den Gemeinde-Mitgliedern hervorgerufen hat. Eine Berichtigung ist deshalb ganz am Platze. Bezüglich der völlig falschen Angabe, daß „der Umbau nur einige tausend Thaler weniger als ein Neubau kosten würde", i wird bemerkt, daß der Umbau, bei welchem außer den sicheri hcitspolizeilichen Anforderungen ganz besonders den weit-! gehendsten ästhetischen Erfordernissen Rechnung getragen wird, und, was sehr beachtcnswerth ist, altehrwürdige Synagogen! ihrem Zwecke nicht entfremdet, vielmehr ihrer weihevollen historischen Vergangenheit entsprechend erhalten werden, von einem in synagogalen Bauten erfahrenen Unternehmer, unter Hinterlegung einer Caution von 10,000 Mk. für sorgfältige und kunstgerechte Ausführung, für den Betrag von 48,000 Mark übernommen worden ist, während ein der Würde und numerischen Bedeutung der hiesigen Gemeinde entsprechender Neubau unter 300,000 Mark kaum herzustellen sein würde. Dieser Betrag würde zwar, wenn erforderlich, bei dem im Allgemeinen hier herrschenden opferwilligen Sinne aufgebracht werden können, wenn eben nicht fast die ganze Gemeinde sich für den Umbau der bestehenden Synagogen erklärt hätten. Ist hiernach bis hierher dos Referat tendenziös entstellend, so muß der übrige Theil desselben als unwahr bezeichnet werden. Es heißt darin wörtlich: „an eigentlichen Gcmeindeinstituten ist hier nichts vorhanden. Tie Stagnation', in welcher sich die Gemeinde seit undenklichen Zeiten befindet, hat nichts zu schassen gestattet/' Sehen wir uns nur ein wenig in der Gemeinde um. 1. Die unter Oberaufsicht der Gemeinde-Verwaltung stehenden Institute „Krankenverpslegungs- und Beerdigungs- Gesellschaft", „israelitische Waisen - Knaben - Anstalt" und „Ritsche Flatowsche Waisen-Erziehungs-Anstalt für Mädchen" entfalten seit einer langen Reihe von Jahren eine segensreiche Thätigkeit. 2. Im Jahre 1808 erbaute die hiesige Gemeinde ein