Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1883)
- Date
- 1883-08-21
- Page
- Seite 558 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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558 am ganzen Körper. Nach einiger Zeit, mich däuchte es eine Kommissärs Recsky stattfand, nach dem unwiderleglichen Be- Ewigkeit, kam Herr Recsky in's Zimmer und herrschte mich weise, daß die Hilferufe des Mädchens, wenn es im Bade an: „Verdammte Judenhexe! Verkriechst Dich in's Bett! eingesperrt gewesen wäre, sicherlich hätten gehört werden Sofort bring' den Synagogenschlüssel!" Ich stieg denn auch müssen — nach alledem verschwand wie mit einem Schlage vom Bette herab. Tie Füße haben mich kaum getragen, das Gerücht von Esthers Gefangenschaft im Bade, und es aber ich wankte doch mit dem Schlüssel zur Tempelthüre. tauchte das andere Gerücht auf, daß sie um 11 Uhr Vor- Jch konnte sie aber nicht öffnen. Herr Recsky aber riß mir mittags im Tempel ermordet worden sei. unter heftigen Flüchen den Schlüssel aus der Hand und öff- Graz, 1. August. In der Gerichtsverhandlung zu nete selbst. Erst damals bemerkte ich die glänzende Gesell- Nyiregyhaza hatte der Privatkläger Szalay eine Eurrende schüft, die nunmehr den beiden Wagen entstiegen. Die Herrder steierischen Statthalterei erwähnt, nach der zwei Juden, schafteu gingen in den Tempel hinein— es war die gnädige j die ein Christenkind gestohlen haben sollen, verfolgt werden. Frau Gräfin Korniß, ihre Tochter, die Comtessc, und ein; Diese Aussage dürfte sich auf das räthselhaste Verschwinden Fräulein, das ich aber nicht kannte, ferner sah ich den Grafen i des zehnjährigen Knaben Pensl aus Nesselbach beziehen, für Pongracz, einen mir unbekannten alten Herrn und den Panj dessen Wiederauffindung die Statthalterei bisher ohne Erfolg durenkommisfär Recsky. Im Tempel besichtigten die Gäste! eine Prämie ausgesetzt hat. Da die betrefiende Kund- Alles aufs genaueste. Nach einigen Minuten wandte sich; machung der Statthalterei der Juden mit keiner Sylbe crder Herr Graf Pongracz zu mir und forderte mich gebiete- ' wähnt und da nicht der geringste Anhaltspunkt dafür vorrisch auf, ich soll das goldene Kalb zeigen. Anfangs ver-! liegt, auf ein von Juden begangenes Verbrechen zu schließen, stand ich ihn nicht. Der Gras klärte mich dann auf, er so wandte sich die Grazer jüdische Cultusgemeinde an den meine jenes goldene Kalb, das allsiebenjährlich mit dem Statthalter, welcher sogleich eine amtliche Ricktigstelluug an Blute jungfräulicher Christenmädchen besprengt werden müsse i den Gerichtspräsidenten in Nyiregnhaza verfügte. Gleich- und das in keinem jüdischen Tempel fehlen dürfe. Ich fing j zeitig richtete die Grazer Cultusgemeinde an den Staatszu weinen an und erklärte, ich hätte nie etwas von einem j anwalt Szeyffert und an Dv. Eötvös ein Telegramm, solchen Kalbe gehört, worauf die gnädige Gräfin sehr heftig'worin sie die Aeußerung Szalay's als absolut unwahr bewarb und vor Zorn glühend, erklärte: „Jetzt seh' ich, daß; zeichnet. Esther wirklich ermordet ist, denn wenn Sie das zu leugnen! Brüderlichkeit. Wie man dem „Egyetärtvs" aus vermögen, was doch offenbar ist und was Jedermann weiß, Nagy-Körös schreibt, hat der dortige reformirte Pastor Ludwenn Sie zu leugnen vermögen, daß in einem jüdischen wig Fill'> über der Bahre einer jungen israelitischen Frau, Tempel ein goldenes Kalb ist, dann leugnen Sie auch die! aus Ansuchen des Gatten, die Trauerrede gehalten, in welcher Sonne vom Himmel weg." Ich war wie versteinert, ließ! der menschenfreundliche Seelsorger die Prinzipien der intermich auf eine Bank nieder und sprach kein Wort mehr, j konfessionellen Brüderlichkeit in der Vereinigung Aller in der Die Gäste öffneten auch die heilige Lade, nahmen die Thora-! Vaterlandsliebe in ergreifender Weise betonte. Der würdige rolle heraus, versuchten mit den Posaunen zu blasen, was Priester hat schon zu wiederholten Malen bei jüdischen Beihnen jedoch, zu ihrer großen Erheiterung, nicht gelingen! gräbnissen gepredigt und bei solchen Anlässen stets auf's wollte. Die Gäste suchten auch das rituelle Bad auf. Herr j Nachdrücklichste die Nothwendigkeit der gegenseitigen Annä- Recsky stieg ins Bad hinunter und schrie laut: „Hilfe, i herung der verschiedenen Konfessionen dargethan. Hilfe!" Die klebrigen standen während dessen im Hofe und : Tie Handschrift Moriz Scharf's. Der „Grapholauschten auf die Hilferufe. Sodann stieg auch die Comtesse , löge" des „ Deutschen Familieublattes" in Berlin äußert sich ins Bad hinunter und schrie ebenfalls: „Hilfe, Hilfe!" Die auf Grund der ihm vorliegenden Schriftprobe Moriz Scharf's Herrschaften besprachen sich dann mit einander und es hau- (Scharf Mnriz, IV. os/.t. tanulö N'yive^yhä/än 1888 ik evben delte sich darum, ob die Draußenstehcnden die Hilferufe geluniu^ h<> 29. na\0, über dessen Schrift und — Charakter hört hätten. Die Herrschaften sagten nun, daß sie die Rufe folgendermaßen: aus dem Bade ganz gut gehört haben. Tann sind sie weg- Bei der räumlichen Beengtheit des Papiers (es handelt gefahren. Zwei Tage svater ward auch ich verhaftet." Zu sich um die Rückseite einer Photographie) ist die Schrift keine jener Zeit erzählte man sich noch in Tißa-Eßlar, daß Esther ganz unbeeinflußte, so daß die erste beste Seite seines Schreibnicht augenblicklich abgeschlachtet worden sei; man erzählte , Heftes ungleich sprechender wäre. Dennoch sind in ihr viele sich, daß sie den Tag über im rituellen Bade eingesperrt ge-> markante Eigenschaften ersichtlich, trotzdem der Bursche erst Hallen wurde. Nach dem Besuche aber, den die genannten; vierzehnundeinhalb Jahre alt ist. Biele seiner Buchstaben Herrschaften im Eßlarer Tempel machten, nach der Probe, > legen sich stark vor (>', t(z), h, b und so fort), viele stehen die unter ..eundlicher Mitwirkung der Comtesse K. und des > hinwieder kerzengerade (oszt., 1, i, J, 29 und so fort).