Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1883)
- Date
- 1883-08-21
- Page
- Seite 555 (sequence 13)
- Language
- German
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DOi) immer, wo der Religionshader auf der Tagesordnung steht. Nicht jene Städte sind maßgebend für die Wohlfahrt Ungarns und Preßburgs. Hier, wo die Religionsfreiheit vom Reichstage ausgesprochen und vom Könige sanctionirt wurde, ist jede Hetze ein verbotener Akt, und für Religionshetzen giebt es hier keinen Platz." Auch Kosfuth hat sich dieser Tage an Eötvös aus demselben Anlaß vernehmen lassen. Er schrieb:! „daß es in Ungarn einer Bande von Wesen, an denen das geschmeidige Aeußere das einzige Menschliche ist, gelungen ist, die ganze Nation moralisch auf die Anklagebank zu drücken."! Kosfuth sprach Eötvös seinen Dank für die vorzügliche Vertheidigungsrede und seine Freude darüber aus, daß cs in Ungarn doch noch immer edle Männer giebt, welche Herz, und Kopf auf dem rechten Fleck haben. Am Schluß theilt er ihm eine Geschichte aus seinen eigenen Erfahrungen mit. welche der auf die in Ungarn herrschende Religionsfreiheit so stolze Graf Stephan Esztcrhazv mit Aufmerksamkeit lesen sollte. Kosfuth erzählt: „Am Ende der dreißiger Jahre lebte in einem Dorfe des Nentraer Komitats ein geistlicher Herr. Der hatte auf eine gewiffe Julia Weiß, eines der schönsten Judenmädchen der ganzen Gegend, ein Auge geworren und wollte sie taufen und sie dann zu seiner Haushälterin machen. Doch sie wollte ihn niemals anhören. Aber sie sollte es bereuen. Eines Tages wurde ihre beste Freundin, die Berees Julia, ein Christenmädchen, vermißt. Sie war trostlos über ihr Verschwinden. Da wurde sie eines Abends zum Pfarrer gerufen. „Wo ist die Julia?" herrschte er sie an. „Wie soll ich dies wissen?" entgegnete sie. — „Wohin, Jüdin, hast du sie geschaßt?" — Ich?" — „Ja du, und willst du nicht gestehen, so werde ich's dir selbst sagen: Draußen, nächst der Holzbrücke, liegt die Julia erstochen. Tu hast sic umgebracht!" — „Meine beste Freundin?" — ..Eine Christin ist keines Judenmädchens Freundin. Und weißt du auch, weshalb du! dies scheußliche Verbrechen begangen hast? Um mit dem Christenblute dich zu waschen und so dein Gesicht zu verschönern. So steht es in eurem Talmud." — Sie schwor zwar, keine Schriftgelehrte zu sein, nicht zu wissen, was der Talmud sei, überhaupt nur nothdürftig lesen und schreiben zu können. Doch man Höne sie gar nicht an. Sie wurde in's Gefängniß geworfen, vor Gericht gestellt und dort wegen „Christenmord" zum Tode verurtheilt und Alles ging io schnell, daß sie gar nicht wußte, wieso und warum. Ihrer Jugend wegen wurde sic begnadigt zu lebenslangem Kerker, und zwei Jahre schmachtete sie unschuldig iin Gefängnisse. Aber eines Tages führte man sie zur Aufseherin. Tiefe empsing sie sehr gnädig und sagte dann zu ihr in freundlichem Tone, sie fürchte, sie sei doch unschuldig verurtheilt worden. Man hätte ihr den Befehl gegeben, die Weiß unverzüglich freiznlassen, nachdem sie ihr im Namen des Kaisers 2."> Dukaten ausgezahlt. Das Jndenmäbchen glaubte zu träumen. Aber draußen vor dem Thor wurde sie schon von ihren Angehörigen erwartet und von diesen erfuhr sie Alles; daß vor zwei Wochen der Bartos Sandor mit zerschmettertem Haupte unter einem Felsenabhange gesunden worden; daß man in seiner Tasche ein Schreiben fand und auf diesem stand: Testament; daß darin zu lesen war, Bartos Sandor hätte die Berecs rasend lieb gehabt, und eines Tages, da er sie mit einem anderen Burschen scherzen gesehen, hätte er sie in feiner Raserei umgebracht; die That reue ihn doppelt, da das Judenmädchen dafür nun büßen müßte, und deshalb scheide er auch aus dem Leben, doch vermachte er ihr vorher als Entschädigung sein ganzes Hab und Gut und sie möchte bei ihrem Gotte für sein Seelenheil beten. Dies that sie freilich, doch von seinem Vermögen nahm sie keinen Kreuzer an. Ter Pfarrer jedoch, welcher bei feiner Würde vor Gericht beschworen, daß eS im Talmud stände, daß die Juden Ehristenblut zum Waschen des Antlitzes gebrauchen, wurde in eine andere Gegend versetzt." — Die ungarischen Antisemiten haben nach der Niederlage in Nnircgphaza ihr Spiel noch nicht verloren gegeben. Ist es nicht gelungen die Juden von Tißa Eßlar als Mörder zu verurthcilen, so wollen sie dieselben jetzt zu Brandstiftern stempeln. Schon während den Verhandlungen wollten einige der zeugengewandtesten Tißa- Eßlarinnen von den Angeklagten Briefe gefunden haben, die die Ortschaften mit Einäscherung drohten und siehe da, kaum waren die Freigelassenen heimgekehrt, als noch am selben Tage in Ujfalu Feuer entstand. Ter Verdacht siel sofort auf die von der Anklage des Mordes eben Reingewaschenen. "Am selben Nachmittag entstand Feuer im Dfalu, wurde jedoch im Keime erstickt. Tie Stimmung ward gereizter, der Verdacht gegen die Inden immer stärker und siehe. Montags Morgens brannte es wieder in Ujfalu. Tie Gährung nahm da gefährliche Dimensionen an. Der zum Löschen hcrbeigeeilte Wolf Wertheimcr ward von Peter Solteß mit einer eisernen Heugabel niedergeschlagen, Hanni Weißstein, die Tochter eines : der Heimgekehrten, nur durch Tazwischenkunft von Gensdarmcn davor bewahrt, ins Feuer geworfen zu werden. Tie ' sonst nüchternen Bauern erklärten, es müsse Blut fließen, so noch einmal Feuer ausbricht, denn in Tißa-Eßlar gab es seit Jahren keine Feuersbrnnst. Angesichts solcher Thatsachen hätte Graf Esztcrhazv nicht nöthig gehabt, mit Verachtung aus Deutschland herabzufehcn. Tie deutschen Antisemiten begnügen sich ja, wie cs scheint, mit Verbalinjurien. Pest,!>. August. iPrivatmitth., Sic erlassen mir wohl die ausführliche Schilderung der Sträßentumulte, die hier stattgefunden. Kaum war die Ankunft der Familie Scharf, einschließlich von Moriz Scharf, im „Weißen Schwan", bekannt geworden, als sich einige hundert Tumultanten vor dem Hotel einfanden und die Fenster zertrümmerten. Tie Polizei und ein starker Wolkeubruch trieben sie bald aus-