Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1883)
- Date
- 1883-08-21
- Page
- Seite 549 (sequence 7)
- Language
- German
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549 wäre, wenn sie ein solches Gebot enthielte. Er wies ferner Gerichtsverfahrens, das Heiligthum der Familienbande, der darauf hin, daß man sich die Persönlichkeiten der Angeklagten Hausfriede, Alles was weise Gesetzgeber zum Schutze der doch ansehen müsse. Da er der Bertheidiger des Salomon persönlichen Freiheit ersonnen und statuirt haben, wurde den Schwarz war, so charakterisirte er diesen in einer Weise, daß Juden gegenüber straflos suspendirt." Aber auch das jetzt nur wenige Augen von Thränen trocken blieben. Er sagte: erfundene Schlagwort „Mord aus Fanatismus" zeigt der „Als nach der langen Untersuchungshaft der Angeklagten mir, Redner prägnant in seiner Unstatthaftigkeit nach. Und nun dem Bertheidiger des Salomon Schwarz, endlich gestattet war, mit diesem zu sprechen und in Betreff seiner Lage einige Fragen an ihn zu richten, da sagte er mir mit thränenfenchteu Augen und erstickter Stimme: „Mein Herr, ick bin kränklich, von meiner Familie getrennt; unter den vielen Uebeln meiner Haft betrachte ich es für das größte Uebel, daß man mir — was ich in meiner Freiheit sehr gewohnt war — nicht zu lesen gestattet." Und als nach langer, langer Untersuchung ihm endlich gestattet wurde, sein Weib und seine Kinder zu sehen, da lief sein jüngstes Kind, ein dreijähriges kleines Mädchen schluchzend auf ihn zu und reichte dem gefangenen Vater Backwerk in einem Körbchen. Bom Schmerz zerwühlt, übernahm der Mann das erste Geschenk des Kindes und rief schluchzend aus: „Mein theures Kind'. Die Finsterniß des Kerkers hat bisher Deinem unschuldig leidenden Vater den Anblick Deines Engelsangesichts verhüllt; aber der Gott der ewigen Gerechtigkeit wird mir helfen und wir werden wieder beisammen sein." Meine Herren, ein Mann, in welchem die Wißbegierde und die liebevollen Gefühle des Familienlebens, selbst m der schmerzlichsten Lage sich so lebhaft, so unwider stehlich äußern — ein solcher Mann begeht einen vorsätzlichen Mord weder Menschen noch Gott zuliebe, wenn sein Gott solches fordern würde; von einem solchen Mann ein solches Verbrechen vorauszusetzen, ist psychologische'Unmöglichkeit." Hierauf zerlegte der Redner die Aussagen des Moriz Scharf von Anfang bis zu Ende und zeigte Satz für Latz die Unwahrheit und Unmöglichkeit derselben. Am 2t«. Juli er öffnete l>r. Bernhard Fried mann, der Bertheidiger Leopold Brauns, die Reihe der Redner. Er spricht ruhig aber warm, ohne Aufwand rhetorischer Mittel und doch eindringlich. Er hebt zunächst sein eigenes treues Be kenntniß der mosaischen Lehre hervor, und wie dies mit seinem Patriotismus in völligem Einklang steht. Tann läßt er sich über den Charakter der Untersuchung aus. wie diese Untersuchung vom Gedanken des rituellen Mordes ausgegangen sei und sich aut diesen allein beschränkt bade. Er widerlegt dann seinerseits diese „Mähr", und zwar besonders vom vsvchologischen Standpunkr. Mit der feinsten Ironie häuft er die Anklagen gegen die Roheit des Untersuchungsrichters gegen Juden, dessen Mißachtung der versönlichen Freiheit, wo er mit den Worten schließt: „Fürwahr, das Wort ist nicht stark genug, wenn ich sage, das sei keine Untersuchung, sondern ein im heiligen Namen das Gesetzes verübter Vandalismus gewesen. Das Gesetz, die Formen des geht er auf die Erklärung ein. wie Moriz Scharf zu seiner Aussage bewogen, präparirt und abgerichtet wurde. Mit großem Geschick findet er, was er gesagt, auch in dem Benehmen des Auditoriums bestätigt. Alle Umstände, welche die Aussage des Knaben als eine Ausgeburt der boshaftesten Jntrigue erweisen, werden erörtert. Er sagt unter Anderem: „Er ist in der That ein großes Glück für diese bedauernswürdigen Menschen, daß diejenigen, welche diese Märchen ausgesonnen haben, um unter solchem Vorwände gegen die Juden wühlen zu können, zwar vom Teufel List und Bosheit empfangen haben, derlei Verleumdungen zu erdichten, nicht aber auch von Gott genügenden Verstand, um die Fabel nicht gar so albern anzulegen. Sonst hätten sie die Schaudergeschichte nicht in einer Weise erzählt, daß der letzte Feldscheer dazu sagen muß: das ist eine Unmöglichkeit!" Die Beschuldigung, daß die Juden Zeugen erkauft hätten, widerlegt der Redner an der Hand der Thatsachen. Er spricht die Ueberzeugung aus, daß nach kurzer Zeit auch Seitens der falschen Zeugen die Wahrheit an den Tag kommen und in den Herzen zahlloser Mitbürger die an den Juden verübte Ungerechtigkeit eine wohlwollende Gesinnung Hervorrufen werde. — Dr. Szekelu, der Bertheidiger von Junger, Lustig und Abraham Braun, die beschuldigt sind, aus dem .Tempel in die Vorhalle nach geschehenem Morde getreten zu sein, bedient sich scharfer juristischer Logik, um zuerst zu zeigen, daß, wenn diese wirklich verübt Hütten, was ihnen die Untersuchung zur Last legt „selbst die Voruntersuchung nicht hätte eingeleitet werden dürfen, um wie viel weniger durfte man sie eine dreizehnmonatliche Haft erdulden lassen!" Er beweist dies aus dem Gesetzbuche und aus den Worten der Untersuchungsakten selbst. Es war also eine reine Willkür des Untersuchungsrichters, eine Befriedigung seines Judenhasses. Der Redner weist dann das Alibi seiner Klienten nach und wünscht, daß „dieser Strafprozeß der Schlußstein der Erniedrigungen sei, in welche das Vaterland durch Religions- und Raffen haß gebracht' worden." Haben doch früher eben solche Prozesse gegen die Protestanten stattgefunden. Die Schlußrede an diesem Tage hielt Dr. Ignaz Heumann, der Bertheidiger für Taub und Weißstein. Er ist es, welcher der tiefen Entrüstung Worte lieh, die einen jeden Menschen- und Wahrheitsfreund bei diesen Vorgängen erfüllen muß. Er sprach sich unumwunden über die Vergehen aus.