Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-08-21 · Heft 34 (21.8.1883) · p. Seite 546

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 34 (21.8.1883)
Date
1883-08-21
Page
Seite 546 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227447-3227482--41048-3309493
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

o4b legt. Die -Sicherheit des Vertreters der Anklage war ernst-! lich bedroht, er mußte seine Wohnung verlassen, ins Hotel übersiedcln, und der Mann, der wochenlang alle Insulten ruhig ertragen, ward krank vor Ausregung. Pflichtgemäß berichtete er den Vorfall seinem Chef, der wieder telegraphisch die Anordnung traf, daß die gesammte Gefängnißwache eventuell für den persönlichen Schutz Szeyffert's aufgeboten werde, und Letzterem ertheilte er die gemcffene Weisung, sofort den Gerichtssaal und Nrsiregyhaza zu verlaßen, wenn er sich bedroht sehe. Diese ^rdre wurde auch dem Justizminister mitgetheilt, der nichts Eiligeres zu thun hatte, als dieselbe in einem im Wege der Sber-Staatsanwaltschaft an Szeyffert gerichteten Erlasse aufzuheben. Ter Minister sprach abermals seine Mißbilligung aus, daß man überhaupt die Absicht hege, den Saal eventuell zu verlassen; cs sei Pflicht und Aufgabe des Präsidenten, die Ordnung im Saale aufrecht zuerhalten; sollte ihm dies nicht gelingen oder er den Willen dazu nicht zeigen, so bleibe dem Staatsanwalt immer noch das Rechtsmittel der — Nullität. Mit diesem Erlasse schließt vorläufig die Gestion des Justizministers in der Affaire von Tißa Eßlar. Wir haben aus dem reichen uns zur Verfügung stehenden Material nur einige eclatante Fälle aufgezählt , die so drastisch sind, daß sie jeder Commentar nur abschwächen könnte. Aber Eine Frage schwebt auf allen Lippen: Darf ein Justizminister so Vorgehen, der einem Kabinete angehört, das den Namen Koloman Tißa's trägt? Es gicbt zwei competente Factoren, die hierauf Antwort ertheilen können: der ungarische Reichstag und der ungarische Ministerpräsident. Zweifellos ist, daß man die Frage im Reichstag stellen wird, und man darf auf die Antwort begierig sein." Ueber die weiteren Folgen werden wir also geraume Zeit noch zu warten haben. Andererseits knüpften sich jedoch die betrübenden Ereignisse in Preßburg, Pest und Tißa-Eßlar u. Zeitungsnachrichten) an die Freisprechung. Tie Antisemiten, welche durch den Ausgang des Prozesses eine so große moralische Niederlage erlitten haben, wollen sich durch Volksaufläufe, Plünderungen und Mißhandlungen das verlorene Terrain wiedererobern. Tie unsägliche Rohheit geht so weit, daß man die Familie des Josef Scharf, die so viel gelitten, nach ihrer Ankunft in Pest auf die schmählichste Weise verfolgt. Hierin zeigt sich eine sittliche Entartung des Volkes, wie sie ärger uichl gedacht werden kann. Da die Tißa - Eßlarer Bauern ruhig die Freigesprochenen ausgenommen, zündete man Häuser an, und bezichtigte die Juden, die Fcuersbrünste angelegt zu haben. Tie Energie des Biccgespans brachte die wirklichen Urheber bald heraus, berüchtigte Eßlarer Weiber, die selbstverständlich nur Werkzeuge der antisemitischen Hetzer sind. Auch hier werden diese Werkzeuge getroffen und die intelleetuellen Urhebe gehen straflos aus. In Pest und Preßburg werden wohl die Behörden bald der Tumulte Herr werden. Endlich ist als eine Folge der Freisprechung der Widerruf des Moriz Scharf hervorzuheben. Wie wir bereits berichtet, ist er seinem Vater zurückgegeben worden, ist seitdem wie ausgewechselt und widerruft die Aussage, die er vor dem Gerichte aufrecht erhalten hatte. Der „P. L." berichtet: „Scharf, der Vater, macht einen durchaus sympathischen Eindruck. Er ist ein Vierziger von robustem Körperbau, und von unerschütterlicher Gesundheit. Kein Mensch sähe es diesem blühend aussehenden Manne an, daß er soeben eine vierzehnmonatliche Haft und eine siebenwöchentliche, an Aufregungen der erschütterndsten Art überreiche Schlußverhandlung überstanden hat. Auch ist sein Aeußercs recht proper, und ist cs in der That rührend zu sehen, mit welcher Zärtlichkeit der Vater seinen Sohn behandelt, der ihn — sei es wider seinen Willen — ins Unglück gestürzt und sich noch gestern so beharrlich geweigert, dessen väterliche Rechte anzuerkennen. Scharf, der Sohn, macht einen minder günstigen Eindruck. Er hat nicht das, was man ein gutes Gesicht nennt. Er ist wohlgenährt und scheint offenbar die feste Constitution seines Vaters, jedoch ohne dessen offene Physiognomie, geerbt zu haben. Wohl blickt er Jedermann, der zu ihm spricht, ins Gesicht, doch wendet er dann die Augen rasch ab, während seine Hände stets beschäftigt sein wollen; entweder blättert er in einem Buche oder hält er eine Sessellehne festumklammert, aber Augen und Finger ruhen keinen; Augenblick. “ Der Berichterstatter des „P. L." fragte ihn, ob er noch immer Furcht habe, daß ihn die Juden vergiften oder morden würden? — Jetzt fürchte ich mich nicht mehr, sagte er. — Gefällt es Ihnen hier besser, als in Nyiregyhaza? — Ganz gewiß, denn dort war ich wie ein Gefangener. — Hatten Sie Furcht, als man Sie zu Recski brachte? — C ja, er sagte mir, man werde mich in die Theiß werfen. — Wie ging das zu? — Er sagte mir, Pvczely sei ein Geistlicher und der werde mir die Beichte abnehmen. Dem solle ich Alles gestehen. Die Uebrigen hätten schon gestanden. Und dann sagte man mir, was die Uebrigen gestanden haben. Ich fürchtete mich sehr, denn man zeigte mir eine Grube, in die man mich werfen wollte, und da sagte ich Alles, was man wollte. Wenn ich ein Wort nicht wußte, half man mir. Und wenn ich nichts mehr zu sagen wußte, sagte man mir, man werde mich in ewiger Gefangenschaft halten. — Wußten Sic denn damals, was das sei, „ewige Gefangenschaft"?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.