Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1883)
- Date
- 1883-08-07
- Page
- Seite 518 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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518 Bonn, 27. Juli. (Privatmittheilung.) Wenn wir in vor. Nummer bemerkten, daß vor der unwiderstehlichen Kraft der Thatsachen viele deutsche Blätter von ihrer kühlen Reserve zurückkämen, in welcher sie die Schuld der in Tißa-Eßlar angeklagten Juden, also den rituellen Mord, immer noch als möglich voraussetzten — so meinten wir selbstverständlich dies nicht von allen. So sind es die Wiener und Pester Correspondenten der „Köln. Ztg.", welche, unter dem Vorwände, daß die Semitenfreundlichen und antisemitischen Blätter Wiens und Ungarns ihrer Richtung nach Alles übertrieben und deshalb nur verworrene Bilder von dem gäben, was in ‘ Nyiregyhaza vorgeht, die ärgsten Verleumdungen verbreiten helfen. So bringen sie — aber auch die Allg. Zeitg. (jetzt in München) — einen Artikel aus der Wiener alten „Presse", welcher in solchem Genre die böswilligsten Tiraden der Antisemiten wiederholt, namentlich daß der dort sungirende Staatsanwalt von der Alliance israelite bestochen sei. Daß dieser Staatsanwalt von dem Oberstaatsanwalt Kozma delegirt und selbst von dem judenfeindlichen Justizminister Pauler genehmigt ist, und daß es fast ein Verbrechen ist, auf einen solchen Mann, der sich durchaus als ein Diener der unparteiischen Gerechtigkeit bewährt hat, eine solche Beschimpfung ohne Beweise, also in leichtfertigster Art, zu werfen, darum scheinen sich diese drei deutschen Blätter wenig zu kümmern. Tritt doch ein Correspondent der „K. Ztg." auch für den Justizminister Pauler ein, der seine Tendenz und seine Parteilichkeit schon dadurch eclatant erwiesen hat, daß er den widersetzlich zum Untersuchungsrichter bestimmten Bicenotar Vary in dieser Funktion zugelassen und erhalten hat, was er als Wächter des Gesetzes, soweit es die Rechtspflege betrifft, nicht hätte dulden dürfen. Aber dieser Vary war eben ein Mann nach seinem Herzen, der alle die von den antisemitischen Führern erdachten Jntriguen in's Werk setzte. Ja, als die Ungesetzlichkeiten, deren sich Vary schuldig machte, in einer Interpellation im Abgeordnetenhaus ans Tageslicht gezogen wurden, erdrückte diese Pauler mit seinen Phrasen, daß man der Rechtspflege freien Laus lassen müffe und die Kammer jubelte ihm Eljen zu. Damals glaubte man nämlich noch, daß man die Juden doch für schuldig werde erklären und verurtheilen können. Hätte man die Wendung vorausgesehen, welche diese, wie sie meinten, so schlau und unwiderleglich angelegte Sache vor dem Lichte der Oeffentlichkeit, des einfachen Menschenverstandes und der Wissenschaft genommen hat: so würde man sich doch anders betragen haben. Diese Thatsachen vereiteln denn auch die Bemühungen jener Correspondenten, die all' das Scheußliche, was in der Jnstruirung dieses Processes vor sich gegangen, auf die Polizei, die Sicherheits-Commissare und die Panduren schieben wollen. Aber diese gingen ja mit Vary Hand in Hand, spielten und griffen in die Untersuchung immer hinein und waren so nur die gefügigen Werkzeuge Bary's und seiner Genossen, z. B. des Ortsrichters Gabriel Forkas. Schließlich können jene Correspondenten ihren Schützling Pauler nur halten, indem sie ihn vom König und Hofe stützen und sich bei seinem Eintritt Bedingungen zusichern lassen, daß er nur mit dem ganzen Ministerium abtreten dürfe. Dies ist gewiß keine genügende Vertheidigung. Aus diesem ganzen Gebühren dürfen wir uns den traurigen Schluß nicht ersparen, daß cs große deutsche Zeitungen giebt, welche sich sehr gefreut hätten, wenn jene armen Juden verurtheilt worden wären. Denn wenn auch in diesem Augenblick, in welchem wir dies niederschreiben, das freisprechende Urtheil noch nicht gefällt ist, so find diese unglücklichen Opfer der > Bosheit doch schon freigesprochen vor dem Forum der ganzen civilisirten Welt. Ein Mitgefühl für diese Opfer und deren . unbeschreibliche Leiden suchen wir vergebens in der deutschen Tagespresse. Jedoch hierauf haben wir längst resignirt. Hamburg, im Juli. (Privatmitth.) Bor einiger Zeit l erfuhren wir aus den Zeitungen, daß der Grundstein zu den Gebäuden gelegt worden, die auf dem neuen Friedhofe der j hiesigen jüdischen Gemeinde errichtet werden sollen. Bei dieser i Gelegenheit haben auch, wie berichtet wurde, zwei der Herren! Gemeindevorsteher Reden gehalten, die nur von sehr wenigen Leuten gehört wurden. Die Cultus-Verbände und deren Rabbiner und Prediger waren nicht verständigt worden, daß der doch gewiß bedeutsame Act sich vollziehen solle. Dieses befremdliche Vorgehen hat seinen Grund darin, daß der Rabbiner des Synagogen-Verbandes den neuen Begräbnißplatz nicht als den gesetzlichen Bedingungen entsprechend ansieht, weil er, der Platz, nicht als unentziehbares Eigenthum der Gemeinde auf ewig zugewiesen worden. Deshalb will er in seiner amtlichen Eigenschaft dort nicht fungiren, und es wäre daher nur übrig geblieben, dem anderen Organe für die Cultus Angelegenheiten, dem Tempel- Berbande die Mitwirkung bei dem Acte der Grundsteinlegung zu übertragen. Das wollte man wohl nicht, da ja beide Verbände in Bezug auf den Cultus gleichberechtigt sind, und so hat man sich lieber ganz ohne dieselben beholfen. Wie man sich Rath schaffen werde, wenn es sich darum! handelt, den neuen Friedhof seiner Bestimmung zu weihen, das steht noch nicht fest. Doch das ist eine Sache von rein localem Interesse und von sehr geringer Bedeutung; wichtiger ist ein Gegenstand, den ich in Ihrer geschätzten Zeitung zur Sprache bringen möchte. Vor einiger Zeit war in einer anderen jüdischen Zeitung eine Correspondenz aus Stockholm! abgedruckt, in welcher von dem Amtsantritte des dortigen; neuen Rabbiners berichtet wurde. Dieser Herr scheint keine große Gnade in den Augen des Redacteurs jenes Blattes zu finden, denn er fügte dem Artikel allerlei Gloffen hinzu, von : denen uns aber nur eine interessirt. Mit unverkennbarer