Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1883)
- Date
- 1883-08-07
- Page
- Seite 512 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227447-3227480--41012-3309455- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
512 beschäftigt. Diese Arbeit ist die schwerste und für das erste! Jahr sehr wenig gewinnbringend. Denn auf der frisch aufj gebrochnen Prärie können wir nur Mais bauen, was im! ersten Jahre eine geringe Ernte abwirft. Dadurch wird aber! der Boden urbar gemacht, so daß wir im nächsten Jahre mit dem berühmten Dakota-Weizen Vorgehen können. Wir pflügen unser Land mit 2 Pflügen und 3 Joch Ochsen, haben bereits 60 Acker gebrochen und 50 unter Saat und hoffen in diesem Jahre bis 100 Acker bearbeiten zu können. Da unsere Mittel nicht ausreichen um die Arbeitskräfte aller Mitglieder auf unser Land zu verwenden, so ist ein Theil derselben auf Erwerb in die Stadt gegangen und arbeitet da an der Eisenbahn. Die Mitglieder der Colonie Bethlehem-Judah bestehen blos aus der ersten Gruppe der Krementschuger Gesellschaft „Bne-Chorin", der übrige Theil dieser Gesellschaft arbeitet gegenwärtig in den östlichen Staaten Amerika's aus Farmen und harret mit Ungeduld, bis wie sie ihrem Ziele näher bringen. Das Streben unserer Gesellschaft ist nicht mit der Colonie Bethlehem-Judah allein abgefunden, unser ganzes Wirken und Trachten ist dahin gerichtet, hier in Dakota eine ganze Gruppe kleiner Colonien aufzubauen. Auf diesem Wege haben wir bereits einen Schritt vorwärts gethan. Um uns herum ist alles Regierungsland vergriffen. Doch gelang e» uns, 26 engl. Meilen von uns ein gutes Stück Land aufzufinden und haben wir dort 480 Acker ausgenommen, mehr erlaubten uns vorläufig die Mittel nicht; das soll der Grundstein unserer zweiten Colonie für unsere zweite Gruppe sein. — Doch woher die Mittel nehmen? Diese Frage legt sich hemmend auf unfern Weg, doch so schwer, unendlich schwer und dornig unsere Bahn auch sein mag, wir schauen mit Zuversicht in die Zukunft. Wir verzehren das im Schweiße des Angesichts so schwer verdiente Stück Brod blos zur Hälfte, um den Ertrag der andern Hälfte auf dem Altäre der Idee zu opfern. Nicht eine Ruhestätte, ein Heim für uns zu gründen, sind wir hergekommen, ruhelos wollen wir weiter wandern, so weit und so lange unsere Kräfte uns tragen werden. Erwartungsvoll wenden wir uns gegen Osten mit dem Mahnrufe: Helfet, folget uns! Doch vergebens. — Taub bleiben die Mächtigen unserer Brüder in Rußland, zu fest sind sie an den falschen Glanz der russischen Ghettos gekettet und wir befürchten fast, daß eine neue Generation aufwachsen muß, um das durchzuführen, was die Nothwendigkeit des Augenblickes erheischt. Doch auch dieses soll uns nicht wankend machen, wir wollen für die Zukunft arbeiten. Präsident der Colonie Bethlehem-Judah. Saul Sokolowsky. Isidor Heffelberg, Bicepräsident. Äus Rußland. Dünaburg, den 3/15. Juli 1883. Ein von unseren Petersburger Glaubensgenossen schon lange gepflegter und herbeigesehnter Wunsch steht nunmehr auf dem Wege, noch vielleicht ganz bald in Erfüllung zu gehen. Wir meinen darunter das Erbauen in Petersburg eines der Zeit und dem Orte vollkommen entsprechenden Gotteshauses, woran es leider der nunmehr schon recht zahlreichen Petersburgerjüdischen Gemeinde bisher mangelte. Auch war es für die gesammte übrige Judenheit des weiten Zarenreiches mit Recht als eine Art Zurücksetzung und Kränkung anzusehen, daß in der Residenz eines Staates, wie Rußland, in dessen Gebiete doch fast die Hälfte unseres ganzen Stammes lebt, es bis jetzt an einer solchen Stätte fehlte. In der „alten, guten Zeit", namentlich vor der ruhmreichen Regierungsperiode des nunmehr in Gott ruhenden Kaisers Alexander II., war indessen an die Verwirklichung einer solchen Idee auch gar nicht einmal zu denken, schon deshalb allein, weil zu dieser Zeit, in Folge der damals herrschenden politischen Strömung, Petersburg für sämmtliche Juden, ohne Unterschied des Standes, seine Thore fest verschlossen hielt. Erst mit der Thronbesteigung des unvergeßlichen Kaisers, dieser lichten Periode der russischen Geschichte, welche manchen Sonnenstrahl auch auf den Horizont des jüdischen Lebens fallen ließ, fing diese heilige Idee an, in den Herzen immer fester und fester Wurzel zu fassen bei denjenigen unserer dortigen Glaubensgenossen, welche durch ihre sociale und ökonomische Stellung sowohl aus der Menge hervorragten, als auch von einer treuen Liebe zu ihrem Volke und inniger Hingebung für die väterliche Religion stets durchdrungen waren. Als der allererste in dieser Reihe der „Auserwählten" kann mit Recht der rühmlichst bekannte, nunmehr verewigte Baron Josel Günzburg bezeichnet werden, der jeglichen ihm zur Verfügung stehenden Einfluß aufbot, um die Allerhöchste Sanction zur Errichtung einer Synagoge in Petersburg zu erlangen. Kaum war diese erlangt, begnügte er sich nicht damit und spendete zu diesem Behufe die Summe von 70,000 Rubel, ein Beispiel, dem auch gleich darauf, je nach Vermögen, die übrigen Mitglieder der Gemeinde folgten. Bolle 11 Jahre vergingen jedoch über Auffinden einer dazu sich eignenden Stelle, und allzu oft hinderte leider darin eine vom Jahre 1846 datirende, veraltete Regierungsanordnung, welche blos dann den Bau einer Synagoge, resp. Bethauses gestattet, wenn der Platz auf einer Entfernung von 400 Faden von einer rechtgläubigen Kirche sich befindet, was allerdings in Petersburg schwer hält. Noch mehr; als endlich ein angemessener Platz auf der Ecke der sogenannten „Officierkaja- und Masterskaja-Straße" aufgefunden war, wurde dem gleich darauf höhern Orts eingereichten technischen Entwurf