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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-07-31 · Heft 31 (31.7.1883) · p. Seite 504

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 31 (31.7.1883)
Date
1883-07-31
Page
Seite 504 (sequence 10)
Language
German
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504 überall in der Minderheit sind, so geben doch solche Minderheiten überall, wo sich zwei Gegner in ziemlich gleicher Anzahl gegenüber stehen, den Ausschlag. In dieser Position wird wohl so leicht keine Veränderung Vorgehen. Ich erinnere mich aus meiner Jugend, daß bei den polnischen revolutionären Bewegungen, z. B. 1831 ein Theil der jüdischen Jugend für den Polonismus schwärmte und an dessen Aktion thätigen Antheil nahm: Ich habe jüdische Jünglinge gekannt, die auf den russisch-polnischen Schlachtfeldern und auf den Wällen von Wola ihren Tod fanden. Aber die Polen wußten ihnen wenig Dank und konnten sich damals nicht zu dem Gedanken der Gleichstellung erheben. — — Was die inneren Zustände unsrer hiesigen Gemeinde betrifft, so sind sie höchst unerquicklich. Alles ist in streitende Parteien und Fraktionen gespalten: Orthodoxe gegen Orthodoxe, Liberale gegen Liberale, und jene gegen diese. Der Hauptstreitpunkt in der letzten Zeit war: Umbau oder Neubau der Synagogen. Die „Altschul" und „Neuschul" sind nämlich von der Sicherheitsbehörde geschlossen worden, wegen ihrer außerordentlichen Bedrohlichkeit für das Leben der dort Anwesenden, wenn irgend eine Panik entstünde. Nun stellt es sich heraus, daß ein Umbau derselben nur wenige tausend Thaler weniger kosten und dabei immer nur mangelhafter bleiben würde, als ein Neubau. Dies nun der Erisapfel, statt jeder Verständigung und einträchtigen Strebens. Da nun gerade Neuwahlen für die Repräsentanten stattfanden, so warfen sich die für den Umbau Stimmenden ins Zeug und brachten eine größere Zahl ihrer Anhänger in die Versammlung als die Gegner. Natürlich behielten sie nun auch den Sieg, und es wird umgebaut, wobei die innere Einrichtung nichts gewinnen wird. An eigentlichen Gemeindeinstituten ist hier nichts vorhanden. Die Stagnation, in welcher sich die Gemeinde seit undenklicher Zeit befindet, hat nichts zu schaffen gestattet. Es hat dies allerdings zur Folge, daß die Cultusbeiträge sehr gering sind. Nur Eines hat die Verwaltung zu Stande gebracht, und zwar durch die Bemühungen des Stadtraths Katz, die Abtragung der großen Schulden, die aus alten schlimmen Zeiten herrührten. München, 16. Juli. Der k. Verwaltungs-Gerichtshof hat, wie der „Nürnberg. Corresp." berichtet, folgende Entscheidung publicirt: Statutarische Bestimmungen einer israelitischen Cultusgemeinde vermögen nur Angehörige der letzter» zu verpflichten. Erbschaftsabgaben können daher auf Grund solcher Bestimmungen von Personen, welche der betreffenden Cultusgemeinde nicht zugehören, nicht erhoben werden. Die Zugehörigkeit einer Person zu einer israelitischen Cultusgemeinde bemißt sich ohne Rücksicht auf die Heimath nach dem Wohnorte. — Baden, 14. Juli. (Berichtigung.) Dem Privatmittheiler aus Minden, vom 20. Juni a. c., diene zur Kenntniß, daß Herr Dr. Boas durchaus nicht der einzige Jude in der Zahl der Polarreisenden ist. Es gibt deren mehrere, als besonders hervorragend nenne ich hier Herrn vr. Emil Beffels aus Heidelberg, Sohn der früheren Jnstitutsvorsteherin, Frau Wwe. Beffels, dato in Frankfurt a./M. Herr Beffels hat schon einige mit Erfolg begleitete Forschungsreisen nach den Polargegenden gemacht und befindet sich, wenn ich nicht irre, momentan in Washington, als Leiter des dortigen Museums. Sie finden in einer „Gartenlaube" der letzteren Jahre, die Schilderung eines Aufenthalts bei den Eskimos, von Beffels verfaßt. A. Frankreich. Paris, 18. Juli. Die „Repl. Franyaise" schreibt: „Die ungarischen Reisenden, welche anläßlich des Nationalfestes Paris besucht haben, werden nicht bloß die Erinnerung herzlicher Gastfreundschaft und Sympathie mitnehmen, welche unser Land für das ihre empfindet, sondern auch den Eindruck, daß der Prozeß von Tißa-Eßlar alle Freunde Ungarns, alle gebildeten Leute, welchen nichts Menschliches fremd bleiben darf, lebhaft bewegt hat. Victor Hugo, Leffeps, Henry Martin, diese großen Franzosen, welche Ungarn mit Respekt begrüßen und welche ihnen legitime Sympathie bezeugten, haben gesagt und wiederholt, die Anklage, welche gegen den unglücklichen Synagogendiener von Tißa-Eßlar erhoben wurde, erscheine uns Allen, ohne Unterschied der Partei oder des Glaubens, als eine abscheuliche Sache. Namens der Menschlichkeit waren wir entrüstet und für Ungarn gekränkt, daß mitten in der vollsten Civilisation, ein Jahrhundert nach der Revolution, das Mittelalter mit seinem greulichen Gefolge von Folter und Unduldsamkeit eine letzte Gelegenheit finden konnte, sich auf Arpad's Erde zu manifestiren. Das Mittelalter muß für immer zurückgewiesen werden. Wir haben die innerste Ueberzeugung, daß die ehrenwerthen Reisenden, heimgekehrt, nicht verfehlen werden, den einmüthigen Eindruck mitzutheilen, welchen dieser Calas-Prozeß von Tißa-Eßlar bei uns hervorgebracht, und ihre entrüsteten Stimmen beizugesellen der des bereiten und edlen Schülers von Voltaire, welcher sich Advokat Eötvös nennt, zur Ehre ihres Vaterlandes und zum Triumph der Gerechtigkeit." (Wir bemerken hierbei, daß, nach einem Berichte aus Turin, die 150 Ungarn auf ihrer Reise nach Paris auch Koffuth, der in Turin wohnt, einen Besuch abstatteten, und dieser sich mit großer Entrüstung und nachdrücklichster Warnung über den ungarischen Antisemitismus und den Tißa- Eßlarer Prozeß aussprach. Er sprach als seine Ueberzeugung aus, daß diese „Hetzer" gar keinen Zweck und kein Ziel hätten als zu „hetzen" und Ungarn in vielfache Gefahren stürzen werden.)

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