Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1883)
- Date
- 1883-07-31
- Page
- Seite 498 (sequence 4)
- Language
- German
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498 „Was den angeblichen Passus im Talmud betrifft, daß den Juden die Uebervortheilung anderer Confessionen erlaubt sei, so verweist der öffentliche Ankläger darauf, daß die heiligen Kirchenväter des Christenthums alle insgesammt, etwa mit Ausnahme des heiligen Augustin, die Benachtheiliguug der Nichtchristen, der Heiden, nicht blos als verzeihlich und entschuldbar, sondern sogar lobenswerth erklären. Die Conscqucnzen der Lehre des Heiligen Thomas von Aquino auf die Scene zu bringen, und zu diesem Zwecke im Volke, namentlich unter den christlichen Bewohnern von Tißa Eßlar Meinungen zu verbreiten, welche falsche Zeugenaussagen rechtfertigen sollen. So wurde bereits zu Beginn des 14. Verhandlungstages von der Berthcidigung konstatirt, daß die Meinung verbreitet worden: die Reputation der ungarischen Justiz fordere die Berurtheiluug der Juden, und dieser Forderung gegenüber brauche man auf Recht uud Wahrheit führten einen spanischen Mönch, Namens Simancas dahin, j nicht zu halten. Später wurde erwiesen, daß man dem Volke daß derselbe frei und unverhohlen predigte, die Ermordung; die Meinung beibringe, den Juden gegenüber sei ein falsches der Nichtchristen, der Heiden und Juden, sei ein gottgefälliges Werk. So gab und giebt es Extravaganzen nicht blos in der jüdischen, sondern auch in der christlichen Religion." Er meint auch, daß die Antisemiten selbst an den rituellen Mord nicht glauben. Verbrecher giebt es unter den Juden sogut wie unter den Christen, ja unter den Christen noch mehr. Hierauf große Unruhe und Lärm im Publikum. Der Präsident erhebt sich energisch gegen jede Störung. Nach einer Duplik des Bertheidigers und einer Rede von Jstoczy, der in gewohnter Weise seine Schmähungen noch einmal Zeugniß keine Sünde, und endlich motivirten die neuen Zeugen ihr bisheriges, anderthalbjähriges Stillschweigen damit, daß sie erfahren hätten, „die Juden würden gewinnen und die Christen verlieren", und darum träten sie jetzt als Zeugen auf. So betrübend der geistige Zustand ist, den hiermit ein Theil des ungarischen Volkes erweist, und so schuldbelastet hierdurch diejenigen erscheinen, welche hinter allen diesen Vorgängen als Motoren stehen: so bedeutsam ist es doch, um volles Licht über diese ganze Erscheinung, über die gegen die Juden und das Judenthum erhobene Anklage zu verwiederholte und sämmtliche ungarische Deputirte, mit Aus-! breiten. Befriedigend ist denn auch, daß sich hier abermals nähme von etwa 50, als bestochen erklärte, schloß die Bej bewährt, wie die Wahrheit schließlich über die Lüge siegt und weisaufnahme. Das Berdict der Geschworenen haben wir! die letztere ihre Niederlage durch ihre eigenen Ränke und bereits gemeldet. Die Geschworenen von Pest haben hiermitI Tücken befördert. eine Nummer mehr zu der langen Reihe von schiefen Ur-! Die Dadaer Leichengeschichte umfaßt zwei Momente: theilen gefügt, deren sich Geschworene in politischen Prozessen schuldig gemacht. den den Juden imputirten Leichenschmuggel und dann die Agnoscirung der Leiche. Wie wir schon bemerkt, vermochten die des Leichenschmuggels angeschuldigten Juden mehr und minder bestimmt ihr Alibi nachzuweisen und die beiden Hauptzeugen gegen sie und sich selbst, Smilovitz und Hersko, nahmen ihre Zugeständniffe vollständig zurück, da sie ihnen durch Mißhandlungen und Drohungen seitens des Sicherhcits- Commiffars und des Untersuchungsrichters entriffen worden. Infolge dessen hatte man neue 12 Zeugen aus Eßlar herbcigcschafft, um zu bezeugen, daß der Jude Großberg und seine Frau die Kleider der Esther zur Bekleidung der betr. Leiche übermittelt hatten. Bon allen diesen blieb jedoch nur die Aussage eines Weibes von Bedeutung und diesem gerade versagte der Gerichtshof die Beeidigung, weil es in offenbarer! Feindschaft mit den Großbergs stand und anderthalb Jahre geschwiegen hätte. Diese Versagung der Beeidigung bedeutet so viel, wie eine Erklärung falscher Zeugenaussage. Nicht unbemerkt wollen wir lasten, daß hierbei der Präsident, Die Schlußverhandlung im Tißa-Eßlarer proceß. v. Wir sind heute im Besitz der stenographischen Berichte über den 14. (tJ. Juli) bis 18. Verhandlungstag. Der lange Verlauf dieser Gerichtsverhandlung darf uus nicht leid thun. Denn durch ihn wird vor den Augen der civilisirten Welt immer klarer und zweifelloser, durch welches Lügengewebe die völlig unschuldigen Juden in diese Anklage gebracht und bereits 14 Monate im Kerker gehalten und vielfach mißhandelt worden. Wie sich bereits die eigentliche Mordanklage auf das einstudirte Zeugniß des kurzsichtigen Moriz Scharf beschränkt und hingegen das Alibi der angeklagten Personen erwiesen ist, so kommen auch die des Leichenschmuggels angeklagten Juden immer mehr außer Betracht, da positive Beweise nicht vorhanden, die Alibis erwiesen und die durch j während er vielfachen Tumult des Auditoriums und die gröb- Mißhandlung erwirkten Zugeständniffe auf's Entschiedenste! sten Beleidigungen der Vertheidiger, der Entlastungszeugen zurückgenommen worden. Je durchsichtiger nun die Art und! und selbst des Staatsanwaltes, wenn nicht ungerügt, doch Weise wird, wie die Anklage fabricirt und durch die Conniunbehindert läßt, das jüdische Ehepaar Großberg, als es sich venz polizeilicher und richterlicher Behörden zu Stande ge-' durch die Aufregung verleiten ließ, vor der ihm feindseligen bracht worden: desto größer werden die Anstrengungen der Zeugin auszuspeien, mit je 48 Stunden Arrest belegte, und Antisemiten, neue Zeugen zur Verdunkelung der Thatsachen j nur durch das Ansuchen der Vertheidiger gestattete, daß Mann