Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-07-24 · Heft 30 (24.7.1883) · p. Seite 484

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 30 (24.7.1883)
Date
1883-07-24
Page
Seite 484 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3227447-3227478--40982-3309417
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Friedmann: Wir bitten Maßregeln dafür, daß die Zeugen in ihrem Zimmer von verständigen und pflichtbewußten Leuten bewacht werden, damit zumindest die Zeugen nicht unter das Publikum gerathcn können. Denn das Auditorium läßt sich auf keine Weise einschränken. Auch heute geschah es durch Mißbrauch der Gutherzigkeit des Herrn Präsidenten, daß hier Leute hcrumlungerten, unter Anderen auch Einer, der einen Urlaub verlangt hatte, um sich nicht in dem Zeugenzimmer aufhalten zu müsien. Seine Anwesenheit im Saale war aber ein Mißbrauch der Freiheit, die ihm gewährt worden. Nicht weniger wichtig ist die Charakterisirung des Ignaz Matcj, auf dessen Aussage allein jetzt die ganze Anklage des Leichcnschmuggels beruht, welche Charakterisirung der Verthcidiger Eötvös in folgendem Anträge aussprach: Eötvös: Löblicher Gerichtshof! Den Ausführungen des Herrn öffentlichen Anklägers und meines Kollegen Friedmann schließe ich mich vollkommen an, doch habe ich noch ein Detail cinzufügen. Wir stehen vor der Thatsache, daß dieser sogenannte Zeuge Ignaz Matej fünf feierliche Aussagen in dieser Angelegenheit gemacht hat, vier vor Gericht, eine vor einer Verwaltungs-Behörde. Alle seine fünf Aussagen erfolgten vor Zeugen, seine erste Aussage machte er in Nyiregyhaza vor dem Untersuchungsrichter des kön. Gerichtshofes, er erklärte damals, daß er von dem Leichenschmuggel keine Nenntniß habe, und zwar erklärte er dies auf die wiederholt an ihn gerichteten Fragen auf das bestimmteste. Diese Erklärung erfolgte in Uebereinstimmung mit derjenigen seiner 15 Gefährten, so, daß jedes Detail seiner Aussage mit den detaillirten Aussagen seiner 15 Gefährten in Allem übereinstimmt. Sodann wurde er von Eßlar nach Tißa Lök gebracht, hier machte er bereits eine Aussage, dergemäß er die Angelegenheit des Leichenschmuggels, wie sich dieselbe von Tag zu Tag und von Stunde zu Stunde zugetragcu, erzählte. Dieselbe Aussage erweiterte, bestätigte, rechtfertigte und modificirte er hier vor dem Gerichtshöfe, wenn ich mich gut erinnere, im Wege der Authentifikation, dies wäre also schon seine dritte feierliche Erklärung. Nachdem er hier aus der Haft entlassen wurde, meldete er sich freiwillig bei der Verwaltungsbehörde und dem Vorstände seiner Gemeinde und erzählte, auf welche Weise er von Eßlar nach Lök geschleppt wurde, wie er durch moralische und physische Mittel gezwungen wurde, falsche Aussagen zu machen, wie er nun diese Aussagen zurückziehe, und wie sehr er bereue, unschuldige Menschek ins Unglück gestürzt zu haben. Hierauf wurde er auf Grund dieser seiner Aussage über Ersuchen des löbl. Gerichtshofes vom königl. Gerichtshöfe in Marmaros-Sziget vernommen, noch dazu auf die korrekteste Weise der Rechtspflege, und in Gegenwart zweier hervorragender Zeugen, dort machte er wieder freiwillig, von Niemandem gezwungen, eine detaillirte Aussage darüber, auf welche Weise er in Tißa¬ Lök seine falsche Aussage gemacht habe, und dortfelbst bestätigte er seine in Nyircgyhaza gemachte erste Aussage, und bestätigte unter Einem seine in Szeklencze und Hußt gemachten früheren Aussagen. Dieser Zeuge ist -daher, wie immer sich die Sache zugetragen habe, ein falscher Zeuge, in der einen oder andern Richtung. Gegen diesen Zeugen ist somit das komplicirte Verbrechen der falschen Zeugenaussage hier vor dem löblichen Gerichtshöfe vollkommen erwiesen, objektiv und subjektiv erwiesen. Der Bcrtheidiger trägt daher darauf an, den Matej in Anklagestand wegen falschen Zeugenaussage zu stellen. Der Staatsanwalt lehnt diesen Antrag vorläufig ab, weil Matej bis jetzt auf keine Aussage einen Eid abgelegt. — Zum Schluffe dieses Tages ereignete sich noch eine aufregende Scene. Es ist üblich, daß der Gerichtshof zum Schluß der Verhandlung sich behufs Beschlußfassung über die Beeidigung von Zeugen und sonstige Jncidencien zurückziehrt, zuvor aber der Präsident den Sitzungsschluß verkündet und das Publikum sich großentheils entfernt, ohne die Eidesleistung abzuwarten. Als nun heute der Gerichtshof nach viertelstündiger Berathung wieder erschien, verkündete der Präsident zwei Meldungen. Der Privatvertreter der Frau Johann Solymosi, Advokat Szalay, habe neuerlich zwölf Eßlarer Einwohner als Zeugen angemeldet; ferner daß das Vizegespans-Amt dem Gericht angezeigt habe, die Eltern der Julie Vamosi, die bekanntlich über die Vorgänge im Hause Recskrs belastend ausgesagt, haben bei der politischen Behörde die Anzeige erstattet, ihre Tochter habe falsch ausgesagt und geschworen. Beide Meldungen riefen scharfe Repliken der Verthcidigung hervor. Eötvös erklärte, auch er habe Privatberichte über Julie Vamosi, welche besagen, sie sei von ihren Eltern, als diese hörten, sie habe zu Gunsten der Juden gezeugt, tüchtig durchgcprügclt worden. Friedmann erklärte bezüglich der zwölf Zeugen, cs liege auf der Hand, daß man mit denselben irgend Absonderliches im Schilde führe. Es sei bekannt, daß man in Eßlar Zeugen zusammenfange. Es müsse auffallen, daß cs diesen Eßlarern erst jetzt einfalle, sich zu melden, wo sie doch seit Jahr und Tag von der eifrigen Inquisition in ihrem Orte Kcnntniß haben. Betreffs der Vamosi sagt Friedmann: wenn die politische Behörde immer wieder in das Gerichtsverfahren hincinspiele, so sei nicht abzusehen, ob der Proceß vor diesem Gerichtshöfe zu einem gedeihlichen Ende werde geführt werden können. Die Scene war äußerst erregt, hatte aber mehr den Charakter einer Privatdiskussion ohne Auditorium und es wurde auch kein Protocoll darüber ausgenommen. In der 13. Verhandlung kam Amsel Vogel zum Verhör, welcher beschuldigt ist, den Smilovics 500 Gulden für den Transport einer Leiche versprochen zu haben. Er ist derjenige, der unter den schmählichsten Mißhandlungen kein

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.