Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1883)
- Date
- 1883-07-17
- Page
- Seite 470 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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470 die Esther mordete, ich im Kerker verfaulen werde. Wenn der „Ahnung" aus, die ihr „Gott ins Herz gegeben", daß ich aber erzähle, daß ich es gesehen, so läßt er mich morgen ihre Tochter durch die Ruchlosigkeit der Juden umgekommen nach Hause. Ich sagte dasselbe, als man mich von Nagyfalu nach Nyiregyhaza brachte, daß ich nämlich nichts gesehen habe. Auch dem Staatsanwalte Nagy und Herrn Vary sagte ich dies. Aber sie erwiederten mir, daß ich dies nicht aussagen dürfe." Hieraus erwiderte Henter: „Es ist wahr, daß er dies gesagt, aber am folgenden Tage widerrief er es wieder und blieb bei seiner früheren Aussage." — Es versteht sich, daß Henter diese Aussage zu entkräften versuchte. Aus den Aussagen des Kastellans Henter, der den Knaben seit zwölf Monaten in Gewahrsam hat, geht hervor, daß dieser niemals allein gelassen wird, niemals mit Jemandem sprechen darf, daß selbst seiner Mutier mit ihm zu sprechen verweigert ward, daß er nur die extremsten antisemitischen Blätter zu lesen bekommt, von einem katholischen Lehrer unterrichtet wird und ihm zwei katholische Gebetbücher gegeben worden, woraus zu beten er angehalten wird. Ueber den neunten Verhandlungstag (28. Juni) geben wir folgenden allgemeinen Bericht. Die heutige Verhandlung verlief still und geräuschlos; es wurde noch eine Serie von Zeugen bezüglich der Thatumstände des angeblichen Mordes vernommen; die Aussagen der entlastenden Zeugen sind übereinstimmend mit den bisher vernommenen Depositionen und bieten nichts besonders Interessantes. Hermann Feuermann, der ehemalige Lehrer des Moriz Scharf, stellt dem Knaben ein ziemlich gutes Leumundszeugniß aus. Die Vertheidigung richtete auch an diesen Zeugen die schon an Mehrere gestellte Frage, wo und wann man in Eßlar die Osterbrode zu backen pflegt? Alle bekundeten , daß dieselben im Hause Weißstein's gemeinschaftlich gebacken werden, am fraglichen Samstag vor dem Osterfeste längst fertig und bereits im Besitze der Gemeindemitglieder waren, da ist es denn völlig unerfindlich, daß sich die Juden erst noch an diesem Samstag „Christenblut zum Mazzothbacken" hätten schaffen sollen. Mit der Beistellung von Belastungszeugen hat die Anklage-Partei in den letzten Tagen besonderes Malheur. Heute producirte man wieder einen Zeugen Namens Nicolaus Csabai, einen zungengeläufigen Burschen, seines Zeichens Schmied, der von Salomon Schwarz die Aeußerung gehört sein müsse. Damit war das Beweisverfahren bezüglich des angeblichen Mordes geschlossen. Zwei oder drei Zeugen, die nicht zur Hand waren, werden nachträglich vernommen werden. Nach der Pause wurden zunächst drei ruthenische Flößer vorgenommen; man anticipirte den zweiten Theil des Processes, den angeblichen Leichenschmuggel, um die aus weiter Ferne gekommenen Zeugen in ihre Heimath entlassen zu können. Die Leute haben insgesammt prachtvolles schwarzes, langwallendes Haar und ausdrucksvolle Gesichter; wetterharte Gestalten, die aber durchaus nichts von Wildheit oder Verwahrlosung an sich haben; sie gehen in der Arbeitertracht aus grobem Leinen, Opintschen an den Füßen, breite Leibgurte um die Hüften und den unvermeidlichen Brodsack über die Schulter gehängt. Der Eine, eine hohe stämmige Gestalt , trägt ein Hemd, dessen Rücktheil so kurz geschnitten ist, daß er eben nur Nacken und Schultern bedeckt, den ganzen breiten von der Sonne der Theißebene tief kupferfarbig gebräunten Rücken des Mannes aber völlig bloß läßt. — Die Leute deponirten bescheiden manierlich, aber in bestimmtester Weise, mit Hilfe des Dolmetsches, zu Gunsten des auf freiem Fuß befindlichen, des Leichenschmuggels angeklagten Amsel Vogel's. Vogel war die ganze fragliche Theißreise über Tag und Nacht ununterbrochen bei ihnen auf den Flößen, entfernte sich niemals von ihnen und verkehrte auch mit keinem Fremden. Amsel Vogel ist der gewöhnliche Typus des Marmaroser oder polnischen Juden. Nachdem dies abgethan war, begann die Verlesung der auf den ersten Theil des Proceffes bezüglichen Actenftücke. Zunächst kam das mit dem kleinen Samuel Scharf aufgenommene Protokoll zur Verlesung, in welchem noch „der Vater Schars das zum Opfer ausersehene Christenmädchen in der Wohnstube in einer Mulde wäscht und Bruder Moriz ihr den Kops hält." Die ganze Geschichte ist so kindisch albern, die zahlreichen Spitz- und Spottnamen, mit denen die einzelnen in dieser Phantasmagorie agirenden Personen bezeichnet sind, klingen so burlesk und erheiternd, daß man beim besten oder vielmehr beim bösesten Willen nicht zu begreifen vermag, wie es denn nur möglich war, solches Geplapper und die „Ahnungen" eines alten, hysterischen Weibes haben will, es sei von den Juden eine große Dummheit gewesen, daß sie die Tißa-Dadaer Leichengeschichte in Scene setzten. Gleich beim Eintritte Csabai's überreichte indeß der Staatsanwalt ein Certificat, welches bestätigt, daß der Zeuge wegen Anserttgung von Nachschlüsseln in Untersuchung ist. Der Stuhlrichter von Vellencser, Eugen Jarmi, deponirte über die erste Anzeige der Frau Solymosi von dem Verschwinden der Esther und seinen getroffenen Verfügungen. Frau Solyzum Ausgangspunkte einer so furchtbaren Geschichte zu machen. Freilich, der Bau ist genau so widersinnig wie diese Basis selbst. Die Vertheidigung faßte jedoch dieses Actenstück weitaus ernster auf, als das Auditorium. Karl Eötvös weist nach, daß dieses Protokoll unmöglich die Aussagen des kleinen Samu, sondern nur willkürliche, subjective Kompilationen der Untersuchungsorgane enthalte, und auch in formeller Hinsicht ist der Act inkorrekt, denn er ist von der mofi kramte bei dieser Gelegenheit wieder die alte Mähr von! Hand Bary's geschrieben, während die Fertigung Herrn Ko-