Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1883)
- Date
- 1883-07-17
- Page
- Seite 469 (sequence 7)
- Language
- German
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gewalt liegt, sieht eben nicht was hinter seinem Rücken vor-- geht." — In der achten Verhandlung wurde zuerst die Frau des Josef Scharf vernommen, die durch ihre Einfachheit, ihre wahrheitsgetreue Aussage und ihr correktes Ungarisch einen einnehmenden Eindruck machte. Sie gab Aufschluß, wie man im Dorfe ihren kleinen Samu durch Geldgeschenke und Zucker dazu brachte, nachzusagen, was man ihm vorgesaqt. lieber den Charakter deS Moriz gab sie in verständiger Weise Auskunft, ein Feigling, der sich vor kleineren Knaben fürchtete, zum Zorne geneigt, ungehorsam und störrisch, dabei häufig auf Lügen ertappt. In zwei verschiedenen Fällen hat er ein Messer nach seiner Stiefmutter geschleudert, rvobei er sie das eine Mal am Arme verwundete. Aus'S Bestimmteste verneint sie, daß Moriz an jenem Samstag beim Mittags mahle von dem Morde gesprochen und sie ihm Schweigen auferlegt habe. Er habe niemals davon gesprochen und sei wiederholt sehr böse über die dummen Reden gewesen, die der kleine Samu den Weibern im Dorfe nachgesprochen. Bei der Eonfrontation hielt Moriz alle seine Aussagen aufrecht, während die Mutter ihn überall der Lüge zeiht, Auch seinem Vater gegenüber bleibt er verstockt, und stellen wir hier den Passus des stenographischen Berichtes her. Josef Schars: Willst Du denn, daß auch ich ein ewig Gefangener bleibe? — Moriz: So werden Sie es denn! Josef Schars: Und wenn Du es sein wirst, mein Sohn? — Moriz: Ich werde es nicht fein. Josef Scharf: Es haben ja Hunderte gegen Dich geschworen, so daß Du es sein wirst. - Moriz: Gegen mich kann Niemand schwören. Angeklagter Weißstein: Gestatten Sie mir nur eine Frage, gnädiger Herr Präsident. Präs.: Jetzt schweigen Sie! Josef Scharf: Was ist der Grund dessen, mein Sohn, daß Du vor unserer Religion einen solchen Abscheu bekommen hast? — Moriz: Nor welcher Religion? Josef Schars: Vor der jüdischen Religion? — Moriz: Ich habe eben einen Abscheu vor ihr bekommen. Josef Schars: Es muß doch aber einen Grund haben. Wenn sich Jemand erhenkt oder in die Theiß springt. so hat es doch wohl einen Grund? — Moriz: Ich will kein Jude bleiben. Joses Schars: Das ist kein Grund. Es muß irgend einen Beweggrund haben, weshalb Du kein Jude bleiben willst. — Moriz: Ich will eben kein Jude bleiben, well ich die jüdische Religion verabscheue. Joses Schars: Seit wann hast Du einen solchen Ab scheu vor ihr bekommen? — Moriz: Seitdem ich beim Eo mitat bin. Joses Schars: Warum hast Du vorher keinen Abscheu 469 vor ihr gehabt? — Moriz: Weil ich damals noch glaubte, daß Sie frei werden werden, da hätte ich sie halten müssen. Joses Scharf: Weißt Du denn, daß ich nicht frei werde? — Moriz: Das kann ich nicht wissen. Josef Scharf: Warum hast Du also einen Abscheu vor ihr bekommen? — Moriz: Weil jetzt eine solche Zeit für die Juden in Ungarn gekommen ist, daß man sie beinahe aus dem Lande jagt. Ich würde mich daher fürchten, ein Jude zu sein. (Bewegung im Publicum.) Friedmann: Wer hat Dir das gesagt? Josef Scharf: Es ist nicht wahr; warte nur. Tu wirst allein drin bleiben. Moriz: Ich werde nicht drinbleiben. Joses Scharf: Es wird Dir so ergehen, wie Jenem, der einem Anderen eine Grube gräbt und dann selbst hineinfällt. — Moriz: So werde ich eben drin sein. Josef Schars: Kennst Du die Geschichte des Haman, der alle Juden tödten lassen wollte imd den man dann selbst henkte? — Moriz: So würde man mich aufhenken. Josef Scharf: Aber wenn Du die Wahrheit sagen würdest, daun thäte Dir Niemand etwas zu Leide. Präs.: Auch Jene verschlang die Erde, welche falsche Zeugenschaft ablegten, weißt Du das auch? Josef Schars: Das weiß er nicht. ,Zu Moriz:) Ich bitte Dich noch einmal schön. Ich habe keinen Abscheu vor Dir, weil Du mein Sohn bist. — Moriz. Liegt mir nichts dran. Josef Scharf: Gelten Dir also Andere mehr? — Moriz: Das nicht, aber was wahr ist, das sage ich." Der SicherheitS Eommissarius Daniel Bareza vermochte den Kastellan Henter, der mit der Aufsicht über Moriz Schars in strengstem Gewahrsam beauftragt war, in seiner Gegenwart mit Moriz Schars ein Verhör anstellen zu dürfen, und machte hier eine Auszeichnung. Anfangs erzählte er auch ihm seine bekannte Lügenscene, verwickelte sich aber bald in Einzelheiten. Tann heißt es weiter: „Moriz, mein Sohn, Du sprichst nicht offen; so kann ich mich nicht orientiren. Schau, mein Sohn, ich weiß, daß Du Verstand hast. Du weißt ja, daß ich ein paarmal bei Deinem Unterrichte zugegen war. Vergiß also nicht, daß es einen Gott gibt, der die Menschen straft, wenn sie in solchen Fällen lügen. Tu willst Jemanden verschonen. und deshalb willst Du nicht die Wahrheit ivrecken. Ich aber iage Dir, schone keine Seele, sprich die volle Wahrbeit und bringe keinen Unschuldigen in Verdacht." „..Wenn ich die Wahrbeit sprechen soll, so habe ich Nichts geieben."" „Warum hast Du bisher behauptet, daß Du es gesehen hast? Hat man Dich mißhandelt oder geschlagen bei Herrn Recski?" „„Man hat mich nicht geschlagen, sondern nur einigemal an den Ohren gezaust; aber Peczely sagte, daß wenn ich nicht erzähle, daß ich gesehen habe, wie mau