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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-07-10 · Heft 28 (10.7.1883) · p. Seite 456

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 28 (10.7.1883)
Date
1883-07-10
Page
Seite 456 (sequence 10)
Language
German
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456 daß weder der königl. Gerichtshof noch das Präsidium hiervon Kenntniß hat. Ich kann nur sagen, daß der Zeuge seit! 1872 als Diurnist, später als Kanzlist hier in Verwendung steht. — Zeuge: Es schmerzt mich sehr, daß der löbl. Gerichtshof mir, als einem Zeugen gegenüber Solches zu gestatten beliebt, was nichts Anderes ist, als eine niederträchtige Insulte. Ich glaube nicht, daß Spanka, der den Judex curia« ermordete, einer derartigen Tortur unterworfen worden wäre. Ich habe Alles gewissenhaft ausgesagt, es schmerzt mich, wenn man mich derart mißhandelt. Szeyffert übergiebt dem Präsidenten die betreffende Note der Jllavaer Strafanstalt. Eötvös: Ich werde gegen Schluß der Verhandlung um die Verlesung dieser Note bitten." Es ist wohl ein ganz unerhörtes Vorkommniß, daß ein auf fünfzehn Jahre verurtheilter Mörder als Kanzlist und Gerichtsschreiber eines kön. Gerichtshofes angestellt wird! Welcher Glauben den Aussagen eines solchen Zeugen beizulegen sei, vermag Jedermann zu beurtheilen. Und wenn es dieser Zeuge nun ist, der dem unmündigen Knaben eine Aussage gegen seinen Vater und seine Glaubensgenoffen entriffen hat, welch' Gewicht kann dieselbe haben?! Und doch beruht auf ihr allein die Einkerkerung der Angeklagten während vierzehn Monate und die ganze gerichtliche Verhandlung. Vor solchen Thatsachen verhüllt jede geordnete Rechtspflege das Haupt! Dieser siebente Tag (der-26.) brachte aber noch mehr Enthüllungen. (Forts, folgt.) >W<XC 'ZA'C^GW. Deutschland. Berlin, 2«'». Juni. (Privatmitth.) In der Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses vom 25. Juni wurde die dritte Berathung des neuen kirchenpolitischen Gesetzes zu Ende geführt. Wir Juden haben an dem ganzen „Kulturkämpfe" durchaus nicht als religiöse Partei irgend welchen Antheil gehabt, sondern nur als Staatsbürger und Männer der Zeit, also als Individuen. Hatten im Anfänge einige jüdische Parlamentarier und Publizisten ihre Meinung abgegeben, so war das Judenthum als solches gar nicht daran betheiligt. Dennoch hat man es oft genug hineingezerrt, und dies geschah auch in dieser letzten Debatte. Es zeigte sich übrigens auch hier abermals, daß das Judenthum ebenso wenig von der radikalen wie von der orthodoxen Seite richtig gewürdigt wird. Als der Abg. Stöcker sehr salbungsreich über die Herstellung des confessionellen Friedens sprach, da „die consessionellen Gegensätze Deutschland ruiniren müssen" — erschollen Zwischenrufe: „ Judenhetze". Er fuhr deshalb fort: „Es ist doch merkwürdig, die Herren vom Fortschritt, mag man reden was man will, sie sehen immer Israel vor Augen. (Große Heiterkeit.) Israel steht nickt aus der Tagesordnung und die jüdische Religion hat bekanntlich in Preußen vollkommene Freiheit, ein Zustand, an dem auch für unsere Kirche mitzuarbeiten für die Herren von der Linken eine sehr dankbare Aufgabe wäre (Unruhe), obwohl mir ihre Zwischenrufe beweisen, daß Sie sehr wenig Lust haben, für die christliche Sache etwas zu thun, daß Sie aber die ganze Begeisterung, deren Sie fähig sind, für die jüdische Macht cinsetzen. (Zustimmung rechts, Lachen links.) Ihm antwortete Abg. Virchow. Im Laufe seiner Rede sagte er: „Herr Stöcker sagte, der Fortschritt habe immer Israel vor Augen; ich muß dagegen wiederholen, daß gerade Herr Stöcker im Herzen völlig jüdisch ist, er ist so vom alten Testament absorbirt, daß für das neue nur ein geringer Raum bleibt, er hat den Gott des Zornes noch immer im Herzen, die versöhnliche Gesinnung hat er nur der katholischen Kirche gegenüber, mit der er gern in nähere Verbindung träte, wenn der Papst sich z. B. verheirathete." Man sieht hieraus, daß auch Birchow sich von jenem unwiffenschaftlichen und vorurtheilsvollen Begriff vom Judenthume nicht frei machen kann, den man ihm in seiner Kindheit beigebracht und den er von Lippen und Federn wiederholt hört, denen ein solcher Kritiker keinen Glauben schenken sollte. Uebrigens sagt er weiterhin : „Ich will für die Juden nichts Besseres in Anspruch nehmen, als für die andern Leute, aber ich habe an Israel immer bewundert, wie es ohne klerikale Organisation und unter dem schwersten Druck mit religiösem Pflichtgefühl sein dogmatisches System aufrecht erhielt, während Sie drüben immer als Wesen der religiösen Continnität die klerikale Organisation, als Kernpunkt der Religion die Kirche ausgeben." — Diesem völlig begründeten Ausspruch suchte später Herr Windthorst abzuschwächen, indem er sagte: „Die Sympathie des Herrn Virchow für Israel theile ich, weil Jsrael der Vorläufer des Katholizismus ist; aber er irrt doch, wenn er glaubt, Israel habe keine klerikale Organisation; hat es doch einen ganzen Prieslerstamm!" Der Jrrthum ist hier auf Seiten des Herrn Windthorst. Tie harmlose Ueberlieferung der Abkömmlinge Aarons, deren Befugniß sich auf einige wenige ceremonielle Formalitäten beschränkt, hat innerhalb des Judenthums seit der Zerstörung Jerusalems auch nicht den geringsten Einfluß geübt und kann hierbei von einer „klerikalen Organisation" auch nicht im Entferntesten die Rede sein. Herr Windthorst bezeugt hierbei eine völlige Unkenntniß der Sachlage.

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