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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-07-10 · Heft 28 (10.7.1883) · p. Seite 455

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 28 (10.7.1883)
Date
1883-07-10
Page
Seite 455 (sequence 9)
Language
German
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4 55 geben, auch selber erst in offener Sitzung, in dem Augenblick, als -er Staatsanwalt Bary's Zuschrift verlas, und war von dieser Wendung der Dinge sehr betreten. Daher erklärt sich wohl auch seine ziemlich ärgerlich vorgebrachte Bemerkung an Herrn v. Szeyffert: „Ich weiß wirklich nicht, ob es denn gar so dringend war, dies hier zur Sprache zu bringen." Vary traf mit seiner Assistenz um 3 Uhr Nachmittags in Eßlar ein; er begab sich ins Gemeindehaus, ließ Frau Cseres berufen und Frau Großberg unter Eskorte von zwei Gens darmen vorführen. Die Panik unter der jüdischen Bevölkerung, zumal unter den Frauen — denn die Männer waren zum größten Theil in Nyiregyhüza bei Gericht — kann ich nicht beschreiben; die Leute waren wie vom Donner gerührt und schier verzweifelt, als sich plötzlich wie ein Lauffeuer die Nachricht verbreitete, der schreckliche Untersuchungsrichter; sei wieder im Orte und beginne wieder zu funktioniren jetzt, wo sie ihre Ruhe, ihr Recht, ihre persönliche Freiheit und > Sicherheit unter den höheren Schutz des öffentlich tagenden: Gerichtshofes gestellt glaubten. Als sie dann gleich darauf i die Großberg zwischen den blinkenden Bajonneten nach dem; Gemeindehause wanken sahen, drückte sich auf den schreckensbleichen Gesichtern nur der eine Gedanke aus: Nun sind wir trotz alledem doch wieder dem vorjährigen Regime preisgegeben! Niemals als an diesem Nachmittag ist so klar gewesen, welch' ein neronisches Andenken dieser Mann bei dieser Bevölkerung hinterlassen hat. Gerichtsnotär Bary vernahm einzeln die beiden Frauen, allein unter vier Augen; Frau Cseres wurde sodann wieder entlassen, Frau Großberg aber mit der Weisung in ihr Wohnhaus geschickt, daß sie dasselbe bis aus Weiteres nicht verlassen dürfe. Bor das Haus stellte man einen Gendarmerie-Wachposten. Als um 2 Uhr der gemeldete Gerichtsbeschluß in dieser Angelegenheit publizirt worden war, schickte der Präsident Herrn Bary sofort eine reitende Estafette nach. welche ihn zurückberief; der Bote traf indeß erst um 7 Uhr Abends in Eßlar ein, stellte das Schreiben um halb 8 Uhr Bary zu, und dieser fuhr um k) Uhr nach Nyiregyhüza zurück, woselbst er nach Mitternacht wieder eintras. Auch noch von anderer Seite sucht man Hindernisse zu schaffen: christliche Advokaten sammeln Unterschriften zu einer Petition an den Justizminister, den Staatsanwalt Szeyffert abzuberufen. Natürlich — er will nur Wahrheit und Recht — und das gefällt den Leuten nicht: Am Beginn der Verhandlung am sechsten Tage (den 25. Juni) erklärte der Präsident: „Im Laufe dieser Verhandlung machte Moriz Scharf in Folge der Frage der Bertheidigung vor dem Gerichtshöfe die Aeußerung, daß der Minister des Innern für ihn sorgen werde, wenn er sich gut aufführe. Er sagte ferner, er sei im Archiv gewesen und habe den Erlaß gelesen, den der Minister des Innern gesendet. In Folge Mittheiluug des Bizegespans und auf Grund Weisung des Ministers des Innern erklärt man seitens des Vizegespans mit voller Bestimmtheit, daß die Zeugenaussage in dieser Beziehung unbegründet ist, denn ein Ministerialerlaß dieses Sinnes existirt nicht." — Im Uebrigen wurde das Verhör der jüdischen Zeugen fortgesetzt. Es ergab sich, daß die Juden nach dem Verschwinden der Esther diese eifrigst aussuchten, daß einige von ihnen hoch ins Gebirge reisten, um das Mädchen wiederzn finden, was einem derselben (Rosenberg) eine Untersuchungs Haft von drei Monaten zuzog, ohne daß das Geringste gegen ihn vorgebracht werden konnte. Die Verhandlung des sechsten Tages gewann eine höhere Bedeutung erst gegen Ende, als der seit 1872 vom Gerichtshöfe als Kanzlist und Gerichtsschreiber angestellte Peczely als Zeuge eingeführt worden. Es war derjenige, welcher ganz ohne Besugniß dem Knaben Moriz Schars das erste Geständ niß auf den Mord der Esther durch die Schächter und seinen Vater, wie er behauptet, durch süße wohlwollende Ansprache abgelockt.hat, darüber ganz widergesetzlich ein Protokoll ausgenommen und den Untersuchungsrichter Bary noch in der Nacht berufen hat. Der Sicherheits-Commifsarins Recsky soll dabei nur eine passive Rolle gespielt haben. Schon hier konnte Peczely mehrfachen „Mißbrauch der Amtsgewalt" nicht ableugnen. Aber es kam noch ärger. Beim Beginn der!Verhandlung des siebenten Tages richtete der Vertheidiger j Eötvös an den Gerichtshof folgende Ansprache: „Hoher Gerichtshof! Nie noch habe ich die Schwierigkeit meiner Amtspflicht so hart empfunden, wie in diesem Augenblicke, wo es! sich darum handelt, das traurige Ereigniß aufzuklären, daß j ein Sohn seinen Vater und dessen Genossen eines todeswür - digen Verbrechens zeiht, und ick werde daher meine Fragen! richten. Ich sage, gestern hat der Zeuge einen Theil seines! Vorlebens erzählt, den anderen Theil kenne ich nicht; indessen j roill ich an den Zeugen eine Frage richten, welche ans offizieller Kenntniß gewisser Umstände beruht. Ich war vor 15—17 Jahren städtischer Fiskal des Veßprimer Komitats; in dieser Eigenschaft erhielt ich damals eine ministerielle Verständigung , dergemäß das Ministerium mehrere Zuchthaus- Häftlinge noch vor Verbüßung ihrer vollen Strafe probeweise in Freiheit gesetzt hat. Unter diesen befand sich auch Koloman Peczely, welcher wegen Mordes, verübt in Gesellschaft Mehrerer mit Grausamkeit, zu fünfzehn Jahren Zuchthaus verurtheilt worden war. Bon diesen 15 Jahren hatte er 12 bereits verbüßt, als er aus dem Jllavaer Zuchthause entlassen wurde und die Behörden des Landes anfgefordert wurden, ihn sammt den übrigen Kameraden streng zu beaufsichtigen. Waren Sie jener Koloman Peczely? Zeuge: Das geht den Herrn gar nichts an! Präs.: Ich meinerseits kann nur soviel darauf erwidern, 28

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