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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-07-10 · Heft 28 (10.7.1883) · p. Seite 451

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 28 (10.7.1883)
Date
1883-07-10
Page
Seite 451 (sequence 5)
Language
German
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451 Ungarns wäre. Konnte die Regierung von Pest sich davon' losmachen, die Affaire scharf zu instruiren? Konnte sie vom! ersten Tage an die Erfinder dieser verhaßten Komödie entlarven und diesen Individuen muthig den Beschluß der Nichtannahme entgegenstellen? Was uns betrifft, nach einem j genauen Studium dieser Angelegenheit, wir sind davon völlig überzeugt. Aber man hat diesen Muth nicht gehabt und? dieser Proceß ist unter Bedingungen beklagenswerthen Tu- | multes und Unruhen eingeleitet worden. Es ist dies traurig,; aber unverbefferlich würde es sein, wenn die Furcht vor einer! wüthenden Bande ungarischen Richtern ein Bluturtheil gegen j Unschuldige entreißen könnte." Der Soleil vom 27. Juni! spricht sich u. A. dahin aus: „Welches auch der Ausgang dieses Processes sein wird, dem allein die Torturen und die Folter fehlen, um nicht einem anderen Zeitalter anzugehören, die Sicherheit der Juden scheint sehr gefährdet, wenn die Autorität nicht mit einer Energie zu reagiren wagt, die geeignet ist, solche gefährliche und unglaubliche Gährungen zu ersticken." —- Der 6onstitntionmd vom 27. Juni charakterisirt in scharfer Weise die „regierende Klasse in Ungarn", die im Ministerium, in der Justiz, in der Centralverwaltung, in der Gemeinde und dem Distrikte und auch in der Presse herrscht, die sich aus der Zeit von 1848 herausgebildet hat. Was hat diese regierende Klaffe für das Volk gethan? Der gegenwärtige Proceß zeigt es — nichts. Man muß glauben, daß die Wahlintereffen in Ungarn jedes Gefühl der Gerechtigkeit und selbst der Menschlichkeit beherrschen. Die Masse ist dort wie überall die nothwendige Unterlage des Scrutiniums: diese Masse, ungebildet, leichtgläubig, dem Aberglauben des Mittelalters ergeben, fürchten die Teputirten, daß nämlich ihre zukünftigen Candidaturen scheitern würden, wenn sie sich nicht den Vorurtheilen der Masse anschmiegen. Um zu handeln, bedürfte es einer energischen Regierung. Aber unglücklicher Weise ist das ungarische Ministerium aus intelligenten und liberalen, aber sehr ehrgeizigen Männern zusammengesetzt: ihre Portefeuilles vor Allem! Man hätte das Verwaltungs- und richterliche Personal ändern müssen; darüber würden die Deputirten geschrieen haben, die sich durch ihre Abstimmung rächen. Deshalb das bedauernswerthe Zögern des Ministeriums, das den antisemitischen Aufhetzern die Legende dieses Mordes zu befestigen gestattete. Niemand, wir wiederholen es, hat in dieser Angelegenheit seine Pflicht gethan: weder das Ministerium, noch das Parlament und vor Allem nicht die Presse." — Ich schließe mit der 1-idsrte vom 20. Juni. Sie giebt ihren Leitartikel unter der Ueberschrift „Un proces monstrueux“ und beginnt ihn mit den Worten: „Die Ehre der französischen Presse ist es, niemals ohne einen nachdrücklichen Protest einen Act vollziehen zu lassen, welcher die Civilisation und die Humanität verletzt (un acte de l&se-civilisation et de lese humanite.)" Sie protestirt energisch gegen das verruchte Wahngebilde der Blutbeschuldigung. Sie erinnert an die Geschichte in Damaskus und hofft, daß auch diesmal sich die ganze civilisirte Welt zum Schutze der Verfolgten erheben werde, und erinnert daran, daß die Römer gegen die Christen dieselbe Anschuldigung erhoben haben. Sie schließt: „Unglücklicher Weise weht jetzt ein Wind der Unduldsamkeit und des Hasses über die moderne Gesellschaft hin. Während der Antisemitismus gegen die Juden entfesselt ist, entfesselt sich der Radikalismus gegen die Christen. Die beiden großen Zweige des biblischen Zweiges. die beiden Religionen, welche das Menschengeschlecht umgeformt haben, werden durch den Sturm eines doppelten Fanatismus getroffen, der zu ihrem Sturze losgelassen worden." Zur Ergänzung bemerken wir noch, daß auch der ,Teinps“ seine Stimme gegen diesen Proceß und dessen Tendenzen erhebt und die ungarische Regierung anklagt, „die Verhandlung in einer so gefährlichen Atmosphäre spielen zu lassen." Auch die englische Presse schließt sich jetzt der französischen an und die .Times“ drücken in einem längeren Leitartikel ihre Entrüstung über diesen Proceß und die Weise, in welcher er geführt wird, aus. Die Schlußverhandlung im Tißa-Eßlarer Proceß. n. Wenn wir in voriger Nr. sagten, daß in diesem Processe die ungarische Justiz auf der Anklagebank sitze — so können wir uns auf eine Auslassung des Pester Lloyd vom 11h Juni berufen, die folgendermaßen lautet: „Und so soll denn möglichst laut und möglichst nachdrücklich daran erinnert werden, daß der ganze Proceß vom Anfang bis heute sich als eine Verkettung haarsträubender Anomalien darstellt, welche in der Praxis gesitteter Rechtsstaaten ohne Beispiel ist. Die Untersuchung, welche auf eine bestimmte Tendenz hin mit Faktoren und Mitteln arbeitet, die schlechterdings desavouirt und abgeleugnet werben müssen, soll der Richter von heute nicht morgen dem Strafgesetze verfallen sein; die ärztlichen Funktionen, die sich nur unter den Schutz unantastbarer Ignoranz flüchten können, um einer niederschmetternden Anklage zu entgehen; die Formulirung der Klage, welche sich ein breites Thor zur Umkehr muß offen lassen, um nicht plötzlich in einen Abgrund von Unrecht zu stürzen; und die Tendenz selbst, unter welcher der Proceß erwachsen ist, die durchaus verleugnet werden muß, soll der Justiz nicht ein tödtliches Stigma aufgedrückt werden und die gleichwohl mit lapidarer Deutlichkeit hervortritt in jedem Zuge des Verfahrens — all' das repräsentirt eine solche Summe von Ungeheuerlichkeiten, daß man gar nicht nötig hat, die einzelnen Personen und ihr Thun zu kritisiren.

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