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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-07-10 · Heft 28 (10.7.1883) · p. Seite 450

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 28 (10.7.1883)
Date
1883-07-10
Page
Seite 450 (sequence 4)
Language
German
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450 Beispiel führe ich den Leitartikel des Journal des Debats vom 25. Juni an, der auch, wie man liest, in Pest großes Aufsehen erregt hat. Es heißt da: „Seit einigen Tagen spielen sich in Ungarn Scenen ab, die uns in das volle Mittelalter zurückführen. Zehn Juden erscheinen vor der Justiz unter der Anschuldigung, ein junges Mädchen geschlachtet zu haben, um sich ihres Blutes zu religiösen Mysterien zu bedienen. Es genügten einige Worte eines vierjährigen Kindes, um für diese Legende den Stoff zu bieten. Sein älterer Bruder, noch nicht vierzehn Jahre alt, versicherte, daß er keine Kenntniß von solchem Verbrechen habe und erzählt oder vielmehr rezitirt schließlich die Mordscene mit einer höchst verdächtigen Präcision. Die von den beiden Kindern, von denen das eine noch nicht das Alter des Verstandes hat, während das andere in zahllose Widersprüche verfallen ist, hingeworfenen Anklagen haben schnell ihren Weg gemacht. Die antisemitischen Leidenschaften wurden auf's Heftigste aufgeregt und die Justiz hat eine Untersuchung begonnen, welche nicht weniger als ein ganzes Jahr gedauert. Wie man erwarten mußte, haben diese langen Untersuchungen, denen die ungarische Justiz sich hingab, um den Volksvorurtheilen eine Befriedigung zu schaffen, so geringe Resultate geliefert, daß der Präsident in der gestrigen Audienz eine Supplementaruntersuchung verordnen wollte. Allerdings hatte das öffentliche Ministerium das Recht und die Pflicht, Licht zu suchen über die Ursachen des Verschwindens jenes Mädchens. Es mußte nachsuchen, ob hier ein Mord oder ein Selbstmord vorliege. Was unerklärlich ist, das ist, daß seit dem 18. Juni 1882 das Personal des Gerichtshofs von Nyiregyhaza sich von Grund aus auf das Zeugniß zweier Kinder in einem Proceß engagirt hat, um zu beweisen, daß ein christliches Mädchen in eine Synagoge gezogen worden, um hier nach den mysteriösen Riten einer Religion geopfert zu werden, welche Menschenopfer fordert? Auf die Gefahr hin, ein wenig ihre Popularität zu compromittiren, muß eine europäische Regierung bei Gelegenheit gegen das Wiedererwachen blinder und wilder Borurtheile zu reagiren wissen, welche so lange Zeit die Fortschritte der Civilisation verzögert haben. Die abscheulichen Anklagen, über welche der vernünftige Sinn der occidentalischen Völker seit mehreren Jahrhunderten abgeurtheilt hat, erscheinen noch bald hier, bald dort im orientalischen Europa. Dieses Vorurtheil erscheint jeden Augenblick in den Verhandlungen des Tißa-Eßlarer Processes. Die Mutter der Unglücklichen beruft sich auf die „Eingebungen Gottes". Dieses eine Zeugniß offenbart uns genügend den Zustand der Geister in den unteren Klassen der ungarischen Bevölkerung. — Uebrigens dürfen wir uns nicht gar zu sehr über den Ausbruch der Vorurtheile wundern, der in dem Audienzsaal von Nyiregyhaza sich bekundet. Die Männer, deren wesentlichste Pflicht es wäre, Worte der Mäßigung und der Vernunft hören zu lassen, geben sich Mühe, den Zorn der Menge zu erwecken. Um ihre Popularität zu schonen, hat die Regierung während länger als einem Jahr eine doch nur erfolglose Untersuchung hinausziehen lassen; um in einem Partei-Interesse einen Proceß auszunutzen, der im Lande einen tiefen Eindruck gemacht, folgen zwei Mitglieder des Pester Parlaments, die sich durch ihren Eifer in dem antisemitischen Feldzuge hervorgethan, mit Ausdauer den Gerichtsverhandlungen. Sie geben das Zeichen zu Beifalls- oder Unwillensbezeigungen. Das Verschwinden der Esther wurde für sie ein politischer Zwischenfall, aus welchem sie Nutzen zu ziehen rechnen. Der Staatsanwalt verräth durch seine Mäßigung in Haltung und Rede die delikate Rolle, die ihm auferlegt worden. Aber jeden Augenblick erheben sich die beleidigendsten Demonstrationen gegen das öffentliche Ministerium im Sitzungssaale, und es sind wiederum die beiden antisemitischen Teputirten, welche die Initiative zu diesen Kundgebungen ergreifen. Es wäre zu wünschen für den Ruf Ungarns in den Augen Europas, daß solcher Scandal bald sein Ende erreiche und daß die Regierung sich endlich entschließe, die unvermeidlichen Maßregeln zu treffen, um zugleich die Sicherheit der Angeklagten und die Würde der Justiz zu schützen." Dieser Artikel hat in Pest großen Eindruck gemacht. Die ungarische Regierung läßt in einem Regierungsblatte erklären: „Die ungarische Regierung konnte die gerichtliche Verhandlung nicht verhindern, sie erklärte aber durch jeden ihrer berufenen Factoren überall und zu jeder Zeit, daß sie an einen rituellen Mord nicht glaube. Dies erklärte auch der Staatsanwalt gleich bei Beginn der Gerichtsverhandlung." Eben so lassen es Nachrichten aus Pest als glaubwürdig erscheinen, daß schon in den nächsten Tagen in aller Stille eine königliche Commission in Nyiregyhaza eintrifft, welche die Führung des Processes zu überwachen haben wird. Man empfindet cs in den richterlichen Beamtenkreisen sehr tief, welch' ungeheurer Nachtheil für die ungarischen Justizzustände und ihren Ruf durch die großen Fehler entstanden, die während der Untersuchung und während der Verhandlung begangen worden sind. Jndeß steht das Journal des vebats durchaus nicht vereinzelt da, sondern alle namhaften französischen Blätter schließen sich ihm an und protestiren im Namen der Civilisation und Rechtspflege gegen die Vorgänge in Ungarn. Ich will nur einige namhaft machen. Die Republique fran<;aise , vom 28. Juni spricht ihre Sympathien für Ungarn aus, verurtheilt aber um so kräftiger den ganzen Proceß. Sie sagt u. A.: „Der Gerichtshof von Nyiregyhaza giebt uns heute ein Schauspiel, welches der Scandal des ganzen civili- : sirten Europas ist und das morgen, wenn es das von den dortigen Torquemadas gehoffte Ende hätte, die Schmach

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