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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-07-10 · Heft 28 (10.7.1883) · p. Seite 449

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 28 (10.7.1883)
Date
1883-07-10
Page
Seite 449 (sequence 3)
Language
German
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449 sich dort auf einer äußerst niedrigen Stufe, und waren viele' Fischforten, für die gegenwärtig kolossale Summen jährlich erzielt werden, damals fast gar nicht oder in ganz geringem Umfange im Handel verbreitet, weil die örtliche Bevölkerung, die meistentheils sich mit Fischfang beschäftigt, wegen Mangel an Absatz und Käufern für ähnliche Fischsorten, cs nicht als werth erachtete, sich mit dem Fangen solcher abzugeben. Die dorthin vor ca. 25 Jahren aus den benachbarten Äiewschen und Podolskischen Gouvernements herbeigeströmten Juden förderten in dieser Beziehung eine solche grandiose Umwälzung zu Tage, welche den dortigen geringen Handel total umänderte und nach und nach denselben zu derjenigen hohen Stufe brachte, auf welcher er sich gegenwärtig befindet. Sogar Diejenigen, welche den Juden äußerst wenig hold sind, gaben indeffen einstimmig zu, daß Astrachan seinen in den letzten Jahren so sehr bedeutenden Fischhandel einzig und allein den Juden zu verdanken habe, und letztere mit ihrem bewundernswcrthen Fleiß und stets beweglichen Unternehmungsgeist förderten immer mehr und mehr solche Betriebszweige zu Tage, die in früherer Zeit dort gar nicht gekannt wurden und wodurch der Wohlstand der einheimischen Bevölkerung sich natürlich progressiv verbesserte. Allein, wie schon so oft in den Annalen unserer Geschichte, so auch hier: „der Jude hat seine Schuldigkeit gethan, der Jude kann gehn". Wenigstens rechnete man schon, nachdem die Juden es bis dahin gebracht, dieselben nunmehr entbehren zu können, und so konnte man schon noch vor mehrern Monaten hie und da in der russischen Presse auf manche Mittheilung stoßen, wo von verschiedenen Ausweisungs- und Beschränkungsmaßregeln die Rede war, welche die „eifrige" astrachansche Polizei gegen viele solche Juden unternahm, bei denen das sogen. Dvmicilrecht zum Aufenthalte im Innern des Reiches nicht in gehöriger Ordnung war, und die in Folge desien die schriftliche Bersicherung geben mußten, nach Ablauf von drei Tagen Astrachan „Valet“ zu sagen und diesen „heiligen Boden" gänzlich zu verlassen. Meldete doch vor nicht langer Zeit eine Korrespondenz des ,Uu>sky Jewrei“ aus Astrachan, daß die dortige Polizei sogar die jüdische Synagoge nicht schonte, um an „einem schönen Samstage" in einem, wenn auch „jüdischen", so doch „Gottes- Hause" eine Art „Treibjagd" aus Juden zu veranstalten, um von ihnen die betr. Pässe und Zeugnisse sich vorzeigen zu lasten, obschon unsere Glaubensgenossen bekanntlich nicht die Gewohnheit haben, in ihren Gotteshäusern mit Legitimationen in der Tasche zu erscheinen. Wie dem aber auch sein mag, die Ereignisse schritten ihren Gang und die Polizei that das Ihrige dazu. Und nun veröffentlichen in der allerletzten Zeit die „^owosti" ein längeres schreiben aus Astrachan, das zu seinem Autor einen dortigen einstußreichen Kaufmann, Namens W. Platonow, hat und hinter welchem, wie man behauptet, noch viele andere dortige Kaufleute sich befinden sollen. Das gen. Schreiben beginnt damit, daß es in Hellen Farben alles das aufzählt und klarlegt, was die Juden in den letzten zwanzig Jahren für den Handel Astrachans gethan haben, und welches im Wesentlichen alle unsere obigen Angaben vollkommen bestätigt. Zugleich aber eonstatirt dasselbe die Thatsache, daß, seitdem von dort viele Juden im vorigen Winter „fortgeschickt" wurden, der örtliche Handel einen mächtigen Stoß rückwärts erlitten habe, und schließt endlich mit dem Ansuchen, die Regierung möge den Juden wieder gestatten, fortan in Astrachan ungehindert Handel zu treiben. B—n. Die französische presse über -en Tißa-Eßlarer proceß. Paris, 29. Juni. Als ein guter Deutscher sehe ich mich auch hier täglich in den deutschen Blättern um, besonders wenn mich ein aus der Tagesordnung befindlicher Gegenstand lebhaft intercssirt. Ist dieser allgemeiner Art, so liegt es nahe, die Behändlungsweise zu beobachten, welcher er in der deutschen und in der französischen Presse unterliegt. Eine solche Lergleichung lag bei der außergewöhnlichen Aufmerksamkeit, welche der Tißa- Eßlarer Proceß in der ganzen civilisirten Welt auf sich gezogen hat, sehr nahe. Offenbart sich hierin doch die Gesinnung recht deutlich und wird uns ein Gradmesser für die wirkliche Aufklärung und das Rechtsgesühl geboten. Zu meinem tiefen Bedauern fand ich nun in der Mehrzahl der deutschen Blätter, daß man in ihnen nur zwischen dem Ungarnhaß und dem Judenhaß schwankt. Bereitwillig gaben sic dem Unwillen über die schlechte, zum Theil noch barbarische Justiz in Ungarn Ausdruck; dennoch ließen sie nicht undeutlich verstehen, daß sie über den „rituellen Mord" noch sehr im Zweifel seien, ja stellten sich, als ob dessen Existenz doch möglich wäre. Rur wenige deutsche Zeitungen sprachen sich entschieden dahin aus, daß hier nur ein gewöhnlicher Mord oder eine antisemitische Lüge, eine teuflische Erfindung zur 'Aufreizung des Bolkes gegen die Juden vorliege. Tie Berichte, die sie über den Gang des Proccffes bringen, sind so lückenhaft, so unverständlich, daß der Leser nur in Berwir rung geräth und schließlich einstweilen zum Glauben an die Schuld der Angeklagten kommt. Ganz anders die französischen Blätter, die von vornherein die ungarische Justiz über diesen ungeheuerlichen Proceß, der jeder criminalistischen Grundlage entbehrt und in seiner Führung die abscheulichste tendenziöse Methode aufweist, verurtheilen und die ungarische Regierung anklagen, nicht rechtzeitig den legalen Gang in der Untersuchung bewirkt zu haben. Wer hier die Aufgabe der Kultur und des Rechts innerhalb der civilisirten Welt mit größerer Aufrichtigkeit verfolgt, ist leicht erkennbar. 'Als ■28*

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