Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1883)
- Date
- 1883-07-03
- Page
- Seite 441 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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441 raschende Wendung haben, sehr empfänglich find, aber ebenso! schnell diesen Eindruck wieder verlieren, so daß kaum mehr I als eine allgemeine oberflächliche Beeinflussung sich daraus! ergiebt. Innerhalb der jüdischen Kreise hat selbstverständlich! diese Vorlesung eine wahrhafte Erhebung, eine tiefgehende! Befriedigung hervorgebracht. In jedem Satze, den Renan hier aussprach, gab sich die Anerkennung kund, daß wir Juden! durch unsere Glaubenstreue, durch unsere Festigkeit, durch ■ das Ertragen schwerster Leiden und Verfolgungen um unsres! religiösen Bekenntnisses willen, uns ein hohes Verdienst um die Menschheit erworben haben. Indem er dann die religiös-' sittliche Zukunft im ganzen Menschengeschlecht dem Juden-! thume zusprach, hat er zugleich ausgesagt, daß alle die! religiösen Lehren und Dogmen, die mit dem Judenthume nicht in Uebereinstimmung sind, der Wahrheit entbehren und! fallen würden. So faßt man die Rede Renan's auf, und ich glaube mit Recht. Allein Sie haben bei Ihrer Frage! die nichtjüdische Welt im Auge und da muß ich Folgendes! bemerken. In Frankreich und Belgien — diese beiden Länder kenne ich genauer — stehen sich zwei Parteien in schroffstem Gegensätze gegenüber: die Katholiken und die Freidenker (1ibrs8-peu86ui-8). Zwischen diesen gibt es gegenwärtig keine Ausgleichung, keine Versöhnung. Je entschiedener die heutigen Katholiken für ihre Kirche, deren Glaubenslehren, Formen und Hierarchie eintreten, desto schroffer ist der Widerspruch der anderen Partei, und so drängen sie sich gegenseitig immer mehr zum Extrem. Die jetzt unübersehlich große Partei der Freidenker steht daher völlig aus materialistischem und athei-! stischem Standpunkte, allen religiösen Erscheinungen feindlich,, die aus der Vergangenheit in die Gegenwart hineingewachsen! find. Ich brauche nun nicht zu sagen, daß die Katholiken die Ideen Renan's mit Abscheu zurückweisen; aber ebenso wenig find sie im Stande, die Gunst der Freidenker zu gewinnen, wenn auch ein Theil derselben sich über die vermeintliche Niederlage ihrer Gegner durch Renan freut. Sind sie doch dem Judenthume als einer positiven Religion und zwar als der Mutter aller positiven Religionen nicht minder gram. Allerdings hat Renan der Gedankenrichtung dieser Partei sich fast mehr als geziemend accommodirt. Jene nämlich richtet gegenwärtig ihr Bestreben vorzugsweise dahin, eine Moral, eine Sittlichkeitslehre ohne die Grundlage des Gottglaubens herzustellen. Hierin findet sie die größten Schwierigkeiten und allen ihren Versuchen eines Aufbaues der Moral durch sich selbst scheitern an dem trügerischen Fundament, das sie ihr zu geben suchen. Wir können nun nicht übersehen, daß auch Renan zwar die Gerechtigkeit und Sittlichkeit mit aller Kraft als den Zweck und das Wesen der Religion hervorhebt, es aber gänzlich unterläßt, die Gotteslehre als den Urgrund aller Sittlichkeit, Gott, als die Quelle alles wahren Sittlichen zu betonen. Er setzt dies wohl als selbstverständlich voraus, wenn er die Lehre der Gerechtigkeit und Sittlichkeit vom Judenthume ausgehen läßt und für die Zukunft in ihm allein findet. Aber er hat doch vermieden, jenen wesentlichen Punkt klar zu stellen, ja nur zu berühren. Wenn er hierdurch etwa einen Anstoß bei den Freidenkern vermeiden wollte, so ist ihm dies zwar im Allgemeinen gelungen, aber es versteht sich, daß diese sich hiermit nicht zufrieden geben, wenn ich so sagen darf, sich nicht davon täuschen lassen. Auf einen tieferen und bleibenden Eindruck kann daher nicht gerechnet werden. Was nämlich in Frankreich fehlt, das ist der breite Mittelgrund, der durch den Protestantismus geboten wird. Dieser theilt sich in einen rechten und linken Flügel, und der letztere ist dem reinen Gottglauben und der in ihm begründeten SittlichkeitSlehre zugewendet, und hier ist es, wo die Renan'schen Ideen Anklang zu finden vermögen. Der französische Protestantismus ist seinem Umfange wie seiner Bedeutung nach kaum mitzuzählen. Bonn, 24. Juni. (Notizen.) Zur Charakterisirung des Liebermann von Sonnenberg. der auf dem verunglückten Chemnitzer Aniisemiten-Congreß die Führerrolle spielte, dient, daß er schon wieder für zwei „Beleidigungen durch die Presse" 1 in der von ihm redigirten „Neuen Deutschen Volkszeitung" j strafrichterlich verurtheilt worden, das eine Mal tvegen Be-! leidigung des Provi nzialsch ulcollegiums zu öO Mk. und diese Tage wieder wegen Beleidigung des Gymnasiallehrers vr. Basedow zu 200 Mk. Geldbuße, event. 20 Tagen Gefängniß. — In Franzensbad starb am 16. d. M. plötzlich an Herzlähmung der als volkswirthschaftlicher Schriftsteller bekannte Banquier Adolf Samter aus Königsberg. Obgleich wesentlich Autodidact, hat er doch in dem von ihm gepflegten Zweige der Wiffenschaft Anerkennenswerthes geleistet. Bor zehn Jahren gehörte er mit Gneist, Schmoller u. s. w. zu den Gründern des Vereins für Socialpolitik (Kathedersocialisten). — Man schreibt aus Stockholm: König Oscar von Schweden verlieh in diesen Tagen, wie die „Hamb. N." melden, die Verdienstmedaille in Gold, an blaugelbem Bande um den Hals zu tragen, einer Dame, deren Arbeiten diese hohe Auszeichnung in der That verdienen. Die Decorirte ist die geschickte Münzen- und Medaillen-Gravcurin Frau Lea Ahlborn in Stockholm, welche seit 30 Jahren ihre Kunst mit einem auf diesem Gebiete seines Gleichen suchenden Erfolge ausgeübt hat. Fast sämmtliche größere und kleinere Me!daillen, die während dieser Zeit in Schweden geprägt wur-; den, sind das Werk ihres Grabstichels; die Feinheit und! Accurateffe der Ausführung, sowie in den meisten Fällen die Portraitähnlichkcit sind geradezu bewundernswerth und haben? der Künstlerin auf den großen Weltausstellungen die schmeichel haftcstc Anerkennung eingetragen.