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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-07-03 · Heft 27 (3.7.1883) · p. Seite 439

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 27 (3.7.1883)
Date
1883-07-03
Page
Seite 439 (sequence 9)
Language
German
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439 Niemand mehr den Talmud als ein mit sieben Siegeln ver- > fchloffenes Buch und die Talmudisten als Geheimnißkrämer beschuldigen könne. — Bon der bereits mehrfach besprochenen I Schrift: „Jüdische Lehre und jüdisches Leben mit besonderer Beziehung auf die Juden in Oesterreich und auf die Pflichten gegen Vaterland und Mitmenschen. Von Joseph Ritter von Wertheimer" ist eine zweite revidirte und vermehrte Auflage (Wien, Holder, 1883) erschienen. Vermehrt ist sie durch einen Anhang, welcher die dem Vers, zugekommenen Zustimmungserklärungen aus c. 80 Orten, zum Theil dem Wortlaute derselben nach, enthält. Möge die Schrift in immer weiter ausgedehnten Kreisen ihre Wirkung üben. — Auf Wunsch des Vorstandes der israelitischen Religionsgemeinde zu Offenbach ist der „Festbericht über das 50 jährige Dienst-Jubiläum des großherzoglichen Rabbiners vr. S. Form stecher am 1. Oktober 1882" im Druck erschienen (Offenbach a. M., Forger, 1883). Er enthält den ausführlichen Bericht über die Festlichkeiten, die treffliche geistreiche Predigt des vr. I. Landsberger von Darmstadt und die bei dieser Gelegenheit gehaltenen Reden und Toaste. — Goethe und das alte Testament. Bortrag gehalten im „Verein Merkur" zu Nürnberg von vr. Bernhard Ziemlich (Nürnberg, Korn, 1883). Der Redner fügt hier in ansprechender Weise Alles zusammen, was uns lehrt, welchen Einfluß das Alte Testament auf Goethe schon in dessen frühester Jugend und auf seinem weiteren Bildungsgang gehabt und welche Liebe und Verehrung er für die heilige Schrift in allen Zeiten seines laugen Lebens empfunden hat. Wer die Bedeutung eines Genius wie Goethe zu faffen versieht, der wird es immerhin würdigen, welchen Einfluß auch auf dessen Entwickelung unsere heilige Urkunde geübt hat. Es versteht sich, daß der Redner hier nur die Convergenzen hervorhebt, die Divergenzen mit Stillschweigen übergeht, da es nicht sein Thema war, die Verschiedenheiten in der Weltanschauung zu beleuchten, vielmehr nur uns einen Einblick in die stille Werkstätte des Goethischen Geistes zu eröffnen, inwiefern in derselben die immer wiederholte Lectüre der heiligen Schrift zu einem lebendigen Faktor geworden. Deutschland. äRhtfeea, 20. Juni. (Privatmitth.) Herr vr. Boas, Sohn unseres hiesigen Vorstehers M. Boas tritt, nur von! seinem Diener begleitet, Ende dieses Monats eine auf 15/•> Jahre berechnete Forschungsreise in die arktischen Gegenden Nordamerikas an, um die geographischen, ethnographischen und meteorologischen Verhältnisse noch nicht der Wiffenschaft erschlossener Regionen zu stndiren. Er wird sich zu diesem Behuse längere Zeit unter den Eskimos aufhalten und an deren Wanderungen theilnehmen. So weit mir bekannt, ist Herr vr. Boas der erste Jude in der Zahl der Polarreisenden. Hamburg, im Juni. (Privatmitth.) Als ein neues Beispiel der vielen Inkonsequenzen, die in dem jüdisch-religiösen Leben unserer Zeit herrschen, mag Folgendes dienen. Hier starb vor einigen Tagen im Alter von mehr als 90 Jahren ein Mann, der letztwillig verfügt hatte, daß seine Leiche zunächst von der jüdischen Beerdigungs-Genoffenschaft, dem Herkommen gemäß behandelt, dann aber nach Gotha überführt werde, um dort verbrannt zu werden, und daß endlich der Äschenkrug auf dem jüdischen Begräbnißplatze in dem von ihm gekauften Grabe beigesetzt werde. Die hiesige neue israelitische Beerdigungs-Gesellschaft hat den ihr gewordenen Auftrag ausgeführt, einen ihrer Unterbeamten mit der Leiche nach Gotha gesandt, und so ist doch wohl zum ersten Mal der Fall eingetreten, daß ein Leichnam, angethan mit dem Betmantel und den jüdischen Sterbegewändern, in Asche verwandelt wurde. Der Gemeindevorstand weigert sich aber, wie wir hören, dem Aschenkruge einen Platz auf dem hiesigen Friedhofe zu gewähren, so daß möglicher Weife die Sache noch zu einem gerichtlichen Verfahren führen könnte. Hildesheim, 18. Juni. (Privatmitth.) Eine Erscheinung darf uns nicht entgehen, welche ein helles Streiflicht auf das „praktische Judenthum" wirft. Wir haben jetzt in Deutschland eine ganze Anzahl von Unterstützungsvereinen für hülfsbedürftige jüdische Lehrer, deren Wittwen und Waisen. Diese Vereine, wie die Achawa, der in Westphalen und Rheinland, in Württemberg, Hannover, floriren in befriedigendster Weise! Sie vergrößern ihre Fonds von Jahr zu Jahr und vertheilen dabei verhältnißmäßig recht bedeutende Unterstützungen, selbstverständlich genau nach den obrigkeitlich genehmigten Statuten. Vergeffen wir nicht, daß wir hier ganz auf dem Boden der Freiwilligkeit stehen, weder gesetzliche Vorschriften, noch Staatszuschüffe vorhanden sind. Woher dies nun? Daß hier der Grundsatz der Gegenseitigkeit, also die Beiträge der Lehrer selbst nicht genügen würden, sahen die Stifter dieser Art Vereine, zu welchen ja auch der Redakteur dieser Zeitung gehört, bald ein: Sie erkannten, daß hierbei mit der Gegenseitigkeit die Wohlthätigkeit sich verbinden müsse. Sie rekurrirten auf die Opferwilligkeit unserer Glaubensgenossen zu guten Zwecken, d. h. im Grunde auf die Verpflichtung des jüdischen Publikums, für ihre invaliden Lehrer etwas zu thun, > die ihre Kräfte in ihrem Dienste für geringen Sold verzehrt 27

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