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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-07-03 · Heft 27 (3.7.1883) · p. Seite 437

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 27 (3.7.1883)
Date
1883-07-03
Page
Seite 437 (sequence 7)
Language
German
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437 gegend nicht gebräuchlich find, verweigert auch durchaus! Deutsch zu sprechen, was er in seinem väterlichen Hause gesprochen, obschon einige -er Angeklagten nur Deutsch verstehen. Am zweiten Tage der Verhandlungen fand das Verhör des Joseph Scharf statt. Er gab aus alle Fragen einfache und bestimmte Antworten, welche den Stempel der Wahrhaftigkeit an sich trugen. Es ergab sich daraus nichts Neues, nur daß einige Weiber seinen vierjährigen Sohn Samu an fich gelockt, ihm Zucker gegeben, um zu sagen, es wäre ja sein Vater gewesen, der die Esther geschlachtet. Es wurde überhaupt im Dorfe von dem die Juden anschuldigenden Gerüchte alsbald so viel gesprochen, daß die Kinder davon hören mußten, ohne es zu verstehen. — Die widerwärtigste Scene spielte sich bei der Confrontation des Vaters und des Sohnes ab, und die Feder sträubt sich, das Benehmen dieses ver stockten, durch Versprechungen verleiteten Knaben zu schildern. Als ihn der Vater der Lüge zieh, rief er ihm zu: «Sie lügen!" Er habe auch seinen Vater nie sehen wollen, weil das doch nichts nütze, er habe keine Osterkuchen essen wollen, denn er habe jetzt Besseres zu essen. Dennoch verfiel er in offenbare Widersprüche, so oft der Präsident ihm auch daraus verhelfen wollte. Es ergab sich auch, daß er die Zehn Gebote nicht kannte und Moralunterricht nicht genossen habe. Nur eine Episode wollen wir wörtlich hervorheben. Präs, (zu Moriz): War Taub (bei der Scene mit Esther in der Synagoge) anwesend? — Moriz: Nein. — Verteidiger Dr. Heumann: Hast Du diese Aussage schon vor Gericht gemacht? — Moriz: Ja. — Dr. Heumann: Ich bitte zu constatiren, daß diese wichtige Aussage im Protokoll fehlt. (Anhaltende Bewegung.) Dr. Heumann: Warum glaubst Du, daß die Juden das Mädchen umgebracht haben? — Moriz: Sie haben viel leicht Gesetze, die dies befehlen. — Dr. Heumann: Wer sagte Dir das? — Moriz: Katholische Geistliche. ^Sensation.) — Dr. Friedmann: Dieselben haben mit Dir gesprochen? — Moriz: Nein! Sie haben es erzählt und Andere haben es mir gesagt. Auf die Frage, wer diese „Anderen" sind, bemerkt der Präsident, daß es genug fei. — Bertheidiger Alexander Funtak erhebt sich. (Großer Lärm im Publikum und Rufe: Genug für heute.) — Dr. Funtak: Ich will nur eine Frage an den jungen Mann richten, er erzählt Alles so genau, so ausführlich schildert er. wie das Messer war, wie die Schnitte gewesen feien, nur Eines hat er vergessen uns zu sagen; ich frage Dich, mein Sohn, wie floß das Blut? — Moriz: Es floß ganz langsam, in einem kleinen Strom. — Dr. Funtak: Diese Aussage ruinirt Tick, es ist nicht möglich, daß das Blut langsam fließt, wenn der Schnitt so ausgeführt wurde, wie Du es angiebst. das Blut müßte dann in einem Bogen aufspringen, (schreiend) Deine Aussage ist erlogen! (Unruhe im Publikum). Staatsanwalt Szeyffert: Da in der That diese Aussage des Moriz Scharf bezeichnend ist, verlange ich die Bor» ladung von Experten, damit diese über die angeregte Frage ihre Meinung äußern. Gleichzeitig muß ich dem Gerichtshöfe bekanntgeben, daß ich die Nachricht erhielt, der junge Moriz Scharf habe in der Zeit, in welcher er sich unter gerichtlicher Aufsicht befindet, einmal das Geständniß abgelegt, seine ganze Aussage sei vom ersten bis zum letzten Wort erlogen, er habe nichts gesehen und was er gestanden, sei ihm eingelernt worden; da ich weiter höre, daß der Beamte Daniel Barcza hierüber Authentisches berichten kann, verlange ich dessen Vorladung als Zeuge. (Hierauf entsteht ein ungeheurer Lärm; ein Ruf wird laut: „Ist denn auch der Staatsanwalt Vertheidiger der Schächter?") Das Verhör mit Moriz Scharf ist wohl beendet, der Knabe aber theilt auf die Frage eines der Vertheidiger noch mit, daß er einmal mit einem Messer nach seiner Mutter gestochen, weil sie ihn bestrafen wollte. Vor Schluß der Sitzung nimmt noch Vertheidiger Dr. Friedmann das Wort. Ich habe zu denjenigen Personen, bei welchen sich Moriz Scharf befindet, kein Vertrauen und ich verlange, daß derselbe nach dem gestrigen Ausspruche des Präsidenten auf freien Fuß gesetzt werde; dort, wo Moriz Scharf jetzt ist, wird ihm der Haß gegen Vater und Mutter eingcprägt; er wird auf Abwege geführt (Lärm im Auditorium), es wird ihm Furcht eingeflößt! — Präsident (zu Moriz): Sage uns aufrichtig, fürchtest Du, daß Du bestraft wirst? — Moriz weiß hierauf nichts zu antworten.—Dr. Friedmann: Sie sehen, Herr Präsident, man hat Moriz Scharf Furcht eingeflößt und will ihn zwingen, bei seiner ersten Aussage zu beharren. (Großer Lärm im Auditorium und Rufe: „Man will auch Moriz Scharf den Juden in die Hände liefern!") (Forts, folgt.) Literarischer Wochenbericht. Bonn, 19. Juni. Während die Grammatik der griechischen Sprache schon in Alexandrien eine reichliche Bearbeitung fand, ist dies für die hebräische Sprache verhältnißmäßig sehr spät, nachdem sie schon Jahrhunderte zu den todten Sprachen gerechnet werden konnte, geschehen. So Tüchtiges nun auf diesem und dem Gebiete der hebräischen Lexikographie, namentlich auch feit Geienius. geleistet worden, so find wir doch noch weit vom Ziele entfernt. Liegt auch noch die gründliche Beantwortung der Frage, ob die semitischen und die indo-germanischen Sprachen aus einem Urstamm entsprossen sind, noch lange nicht gelöst vor uns; denn es war ein durchaus leichtfertiges Verfahren, auf irgend welche Klang- ähnlichkeit hin semitische Stämme mit denen des Sanskrit, ja sogar mit griechischen, lateinischen und slavifchen Wort-

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