Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1883)
- Date
- 1883-07-03
- Page
- Seite 433 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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berung dieser bereits fünf Tage umfaffenden und noch nicht seinem Pfleger, bezeugt er einen freudigen Gehorsam, der beendeten Verhandlungen zu geben. Es kann nur unsere bekundet, daß er an das Unglück der Seinen schwerlich je Aufgabe sein, die prägnantesten Züge zu fixiren, um unseren gedacht hat. Seine Aussage zu schildern vermag ich nicht, Lesern und der Nachwelt das Urtheil über diese in unserer vermag keine Feder; wer je bei einer Schauprüfung fleißiger Zeit unerhörten und für sie schmachvollen Vorgänge zu er-; Schulkinder zugegen war und gehört und gesehen hat, wie möglichen. Sind wir doch selbst in diesem Augenblicke noch : ein tüchtig vorbereiteter Knabe, kaum noch der Examinator nicht sicher, daß nicht neue Anzettelungen im Geheimen andie als Signal dienende Frage ganz aus dem Munde hat, gesponnen und vom Gerichtshöfe willig entgegengenommen seine Lection anhebt und sie dann sieghaft, unaufhaltsam werden, trotz der Proteste des Staatsanwalts und der Ber sprudelnd hersagt, daß keine Zwischenfrage, kein „Setze dich" theidiger. Die Antisemiten, welche das ganze Gewebe angeihn aus dem Kontexte oder zum Schweigen bringen kann. spönnen und mit außergewöhnlicher Energie hergestellt haben, ringen mit allen Kräften danach, wenigstens die Sache möglichst zu verdunkeln, damit sie ihre Beschuldigung des rituellen Mordes aufrecht zu erhalten vermögen, und in diesem Be-! mühen werden sie leider von den sogenannten intelligenten Kreisen der ungarischen Nation nachdrücklichst unterstützt. — Beginnen wir mit einer Zeichnung der Angeklagten. Der „P. 2." äußert sich: „Behaupten wollen, daß auch nur Einer der vier der unmittelbaren Thäterschaft Angeklagten den Eindruck eines Mörders oder eines Fanatikers mache, hieße aller Physiognomik Hohn sprechen. Der Schächter Salomon Schwarz, der den mörderischen Schnitt geführt haben soll, ist ein Männchen von 38 Jahren, sieht aber weit älter aus und macht, in seinem langen Kaftan mit dem bärtigen, spitzen Gesichte und den starken- Ringellocken, den Eindruck eines körperlich herabgekommenen, schwächlichen, hectischen Menschen. Buxbaum, der zweite der angeblichen Mörder, ist ein 27jähriger Mensch, aber schon Vater von zwei Kindern, ein Mann von gesundem, hübschem, intelligentem Gesichte; er spricht ein fürchterliches Deutsch und ein mühsames, spärliches Ungarisch, das er erst im Kerker erlernt hat. Mit den Händen gestikulirt er so lebhaft und seltsam, daß er im Auditorium wiederholt die lebhafteste Heiterkeit hervorruft. Josef Scharf, der Vater des Moriz, ist eine auffällige Erscheinung, ein kraftvoller mittelgroßer Mann von gedrungenem Bau, strammer militärischer Haltung -- er hat wirklich als Soldat gedient — und hübschem vollbärtigen Gesichte. Er hieß bei seinen Leuten ,a häromvekäs“, weil er drei halbe Metzen Weizen auf die Schultern laden konnte; er macht den Eindruck eines gediegenen, verständigen Bürgermannes. Die Leute sind alle reinlich, theilweise neu gekleidet, erscheinen gepflegt, mit geordnetem Haupt- und Barthaar und haben von der Haft verhältnißmäßig nur wenig gelitten. Der intereffanteste (?) und Hauptzeuge ist der junge Moriz Scharf; man sieht dem Knaben an Kleidung und Gehaben an, daß es ihm heute bester gehe, als je im Hause seines armen und unglücklichen Vaters. Dem Präsidenten, der wohlwollend zu ihm spricht, und dem Kastellan Henter, bevor die ganze Aufgabe hergesagt ist; dem mußte diese Reminiszenz bei dieser Deposition unwillkürlich einfallen. Den Eindruck fleißigen Lernens und guten Gedächtnisses machte die Redeweise dieses Knaben Jedem, jenen der Spontaneität bewußten Verständnisses machte sie — mir wenigstens — i nicht. Styl und Coneept und Wortschatz in der Rede dieses Eßlarer Judenknaben sind geradezu bewundernswerth. Als er dem sonst selber auch recht verständig sprechenden Braun in seinem gewohnten plappernden, etwas mechanisch und monoton klingenden Tempo ins Gesicht zu sagen ansing: Sie, Levy Braun, waren am 1. April 1882 im Tempel zu Tißa- , Eßlar anwesend, als . . . und so unaufhaltsam weiter, da! mußte man dem alten Braun erst erklären, was das „anwesend" (jelen) bedeute, denn in Tißa-Eßlar sei das Wort I ganz ungebräuchlich. Beängstigend wurde die Scene, als I Buxbaum fürchterlich erregt den Jungen „Lügner" schalt! und ihm in's Gesicht spie. Das Auditorium war sehr ent-! rüstet und tobte über diesen Schächter, der sich, weil man! ihn eines Mordes zeiht, vor Gericht so unanständig benimmt!" An einer anderen Stelle sagt dasselbe Blatt: „Es würde in der That der ganze Cynismus jenes Auditoriums dazu! gehören, welches diesen Gerichtssaal füllt, wollte man die Rezitationen dieses Knaben für ernst und wahr nehmen. ' Wenn Moriz Scharf so ein in Ausdrücken und Wortfügungen, die nur einem geübten Kenner des Kurialstyls geläufig sein können, abgefaßtes Kapitel hergesagt hat und dann aufgefordert wird, dieselbe Geschichte dem betreffenden Angeklagten, der nicht ungarisch versteht, deutsch in's Gesicht zu sagen, ' darauf aber erklärt, er — der noch vor einem Jahre ganz gut deutsch gewußt — er könne deutsch gar nicht, ungarisch aber auch die Sache nicht anders sagen, als er sie eben hergesagt; wenn der Bertheidiger Dr. Fried mann bittet, es mögen bei der Vernehmung dieses Hauptbelastungszeugen alle Angeklagten zugegen sein, denn es wäre ja möglich, daß unter der Wucht dieser Aussagen Einer und der Andere zu einem offenen Geständnisse bewogen würde, und wenn dann ein ganzer Saal voll Intelligenz die bittere Malice dieser Worte gar nicht fühlt, sondern johlend und ungenirt ruft: „Ja freilich, die werden gestehen! Was sollten sie denn and) ■i't*