Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1883)
- Date
- 1883-06-26
- Page
- Seite 425 (sequence 11)
- Language
- German
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425 Polizei - Organe abgehalten werden mußte. — In Toln a damalige Grundbesitzer, der Graf Festetics, hatte ihm in (Ungarn) starb den 10. d. M. im hohen Alter Markus Form einer Einladung die Erlaubnis zur Niederlassung er- Hofbaum, der erste Jude, der sich dort niederließ. Ter^theilt und ihn auch materiell viele Jahre unterstützt. Keuilteton. Simon Freiherr v. Winlerstein.*) Wien, 11. Juni. In Vöslau ist heute Nachts Freiherr Simon v. Winter-; stein in seinem 64. Lebensjahre gestorben. Der Verstorbene j war im besten Sinne des Wortes das, was die Engländer! einen Self-macle man nennen. Aus den kleinsten und dürftigsten Anfängen hat er sich durch großen Fleiß, kauf-1 männisches Talent und durch die Zähigkeit seines Willens | emporgearbeitet bis zu den höchsten finanziellen Vertrauensstellungen und zu einer parlamentarischen Position, welche ihn zwar nicht in die erste Reihe stellte, aber doch als ein! hervorragendes Mitglied der Verfassungspartei im Abgeord-! netenhause und später im Herrenhausc erscheinen ließ. Frei-! Herr v. Winterstein ist 1819 in Prag geboren. Er hat eine! gründliche kaufmännische Bildung empfangen, trat später in Wien in ein Speditionshaus ein und gründete bald darauf eine selbständige Speditions-Firma. Es giebt vielleicht heute noch Leute in Wien, welche sich daran erinnern, wie der damalige Spediteur Winterstein zwischen Kisten und Ballen j umherschritt und sein kleines Geschäft mit demselben Eifer versorgte, welchen er später den größten finanziellen Transactionen und der Leitung großer Transport-Institute zuwendete. Ein kleines Local im Jacoberhofe bildete sein Bureau, und von dort aus hat er seine glänzende Carru-re gemacht. Freiherr v. Winterstein trat später mit der Nordbahn als Spediteur in Verbindung. Wer ahnte damals, daß er einige Decennien nachher der Präsident dieser Gesellschaft und — was mehr ist — der leitende Geist dieser Bahn durch viele Jahre werden sollte? Bei dem Interesse, welches er den öffentlichen Angelegenheiten schon frühzeitig zuwendete, und bei dem Ansehen, dessen er sich in der Kaufmannschaft erfreute, war es kein Wunder, daß er sofort nach der Organisirung der Handelskammern als Mitglied der Wiener Kaufmannschaft in dieselbe gewählt wurde und — wenn wir nicht irren — der dritte Präsident der Wiener Kammer war. In die parlamentarische Laufbahn trat Freiherr v. Winterstein im Jahre 1861 ein, als ihn die Handelskammer in den niederösterreichischen Landtag wählte, welcher ihn in den Reichstag entsendete. Im Abgeordnetenhanse entwickelte Winterstein namentlich in den schwierigen Fragen der Staatsfinanzen eine hervorragende Thätigkeit. Er wurde in den \) Nach der »N. fr. Pr." bis auf den letzt.» Absatz, der von unserm Corresp. hinzugefügt ist. Aedact. Budget-Ausschuß gewählt, später mit der General-Berichterstattung über das Budget durch viele Jahre betraut. Auch in die Staatsschulden-Control-Commission wurde Winterstein entsendet und fungirte als Mitglied derselben während der traurigen Sistirungs-Periode und während des Krieges vom Jahre 1866, wo die Regierung genöthigt war, mehr als 300 Millionen Gulden in neuen Staatsnoten zu emittiren. Es war eine Art Berhängniß, daß gerade jene Männer, welche den hervorragendsten Antheil an der Ordnung des Notenwesens in Oesterreich genommen und die Gesetze versaßt hatten, welche die Bank befähigen sollten, ihre Baarzahlungen wieder aufzunehmen, selbst Hand anlegen mußten an die Zerstörung dieser großen legislativen That. Im Anfänge der Sechziger-Jahre hat sich Winterstein von der kaufmännischen Thätigkeit zurückgezogen, um sich ganz dem parlamentarischen Leben zu widmen. Er hatte einen hervorragenden Antheil genommen an der Abfassung jener Gesetze, welche den Ausgleich mit Ungarn regelten, und erst nach vollständigem Abschlüsse derselben wurde Winterstein vom Kaiser als lebenslängliches Mitglied ins Herrenhaus berufen. In dieser conservativen Versammlung, welche damals unmittelbar nach Berathung der Schulgesetze auf der Höhe ihrer Bedeutung und Popularität stand, wußte sich Winterftein durch sein maßvolles Wesen, durch seine sachliche Auffassung, wie durch seine Arbeitskraft rasch eine hervorragende Stellung zu erwerben. Er war der Berichterstatter des Herrenhauses für das Budget und für alle wichtigen finanziellen Angelegenheiten bis zu dem Augenblicke, wo durch die Ernennungen, die unter dem Ministerium Taaffe vollzogen wurden, das ganze Herrenhaus eine vollständige Umwandlung erfuhr, die Mitglieder der Verfaffungspartei sich enttäuscht zurückzogen und die wichtigsten Referate, welche sie bekleidet hatten, zurücklegten. Es war für Winterstein ein schmerzlicher Augenblick, als er auf ein Referat, das er so viele Jahre im Abgeordnetenhause und später im Herrenhause geführt hatte, verzichtete und als er in dem Fürsten Czartoryski seinen Nachfolger erblickte. Es ist charakteristisch für das Ansehen, dessen sich dieser Mann erfreute, daß öfter davon die Rede war, ihn als Finanzminister ins Cabinet zu berufen, und daß die Gerüchte, die diesbezüglich coursirten, niemals in authentischer Weile widerlegt worden sind. Freiherr v. Winterstein war kein Schönredner, aber er zeichnete sich immer durch seine präcise Darstellung, durch Beherrschung des Stoffes, sowie durch politische Treue aus, der es, wie man- 26'