Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1883)
- Date
- 1883-06-26
- Page
- Seite 422 (sequence 8)
- Language
- German
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422 Beziehung vollständiger Gleichachtung der Culte befleißigt. Bor Kurzem z. B. passirte er das Städtchen. Ingweiler und besuchte daselbst die Synagoge, begleitet von einem großen Gefolge höherer Beamten. Selbstverständlich empfing ihn die Gemeindeverwaltung mit aller Ehrfurcht; junge Mädchen überreichten ihm Blumensträuße, und die Gemeinde äußerte auf jede mögliche Weise ihren Dank für die Achtung, die der höchste Vertreter des Kaisers der Gemeinde erwiesen hatte. Oesterreich-Ungarn. Pest, 10. Juni. (Privatmitth.) Die ungarischen Blätter hören nicht aus, fich mit der Tißa-Eßlarer Affaire zu beschäftigen , obschon die Schlußverhandlung nahe bevorsieht. Bemerkenswerth ist, was wohl in keinem anderen Lande geschieht und geschehen darf, daß die Tagesblätter aus dem Akten-Material des Processes ausgewählte Stücke veröffentlichen , wobei sie natürlich der Tendenz pro oder eontrn folgen. So theilen sie ein Gutachten des chemischen Landesinstituts mit, welches die vielen Flecken an der Kleidung der Esther Salomoffy untersucht und bei der chemischen Analyse gefunden hat, daß keiner derselben ein Blutfleck sei. — In Nr. 23 hat ein Correspondent auf die in der Provinz noch öfter angewandten Torturen hingewiesen. Daß dieselben auch in der Tißa-Eßlarer Affaire nicht fehlten, geht aus zwei Berhörsprotokollen hervor, welche die hiesigen Blätter aus dem Aktenmaterial des gedachten Proceffes veröffentlichen. Das eine lautet: Berhörsprotokoll. Ausgenommen beim Untersuchungsgerichte des Marmaros-Szigeter königl. Gerichtshofes am 25. Septemper 1882. Ich wurde vom Uutersuchungsrichter des Nyiregyhazaer kön. Gerichtshofes bezüglich des Tißa-Eßlarer Straffalles verhört. Ich gab der Wahrheit gemäß an, was ich wußte. Nach meiner Vernehmung wurde ich in der Nacht von zwei Hajduken und einem berittenen Panduren nach Tißa-Lök eskortirt, wo der Sicherheilscommiffär mich neuerdings ins Verhör nahm. Ich sagte vor ihm genau so aus, wie ich vor dem Untersuchungsrichter ausgesagt. Ta schrie der Sicherheitscommiffär mich an und forderte mich auf, die Wahrheit zu sagen, worauf ich meine frühere Aussage wiederholte und betheuerte, nichts Anderes zu wiffen. Nun ließ er mich binden, schlug mich auf den Kopf. Ich erschrak und sagte nun Alles, was er wollte und als wir fertig waren, ließ er den Untersuchungsrichter Hereinrufen, der das Protokoll aufnahm; ich aber, unter dem Zwange befindlich, den Sicherheitscommissär hinter meinem Rücken wissend, wiederholte das schon früher verlangte Geständniß. Zur Bekräftigung dieser meiner Angaben bitte ich die eskortirenden zwei Hajduken und den berittenen Panduren vernehmen zu wollen, denn außer diesen war bei jener Gelegenheit Niemand anwesend. Einmal schlug mich der Sicherheit Commissär mit seinem eigenen Stabe und drohete mir, mich, wenn ich vor dem Untersuchungsrichter nicht so spreche wie er es verlangt, zu zerschmettern und mit Nägeln zn zerreißen. Ich ließ es nicht darauf ankommen. . . . Vor dem Gerichtshöfe bestätigte ich meine vor dem Untersuch nigsrichter gemachte Aussage aus dem Grunde, weil ich bei dieser Gelegenheit im Nyiregyhazaer Gefängniß eingesperrt war, wohin man keinem Arzte Zutritt gewähren wollte. Bevor ich vor oen Nyiregyhazaer Gerichtshof geführt wurde, ließ der Untersuchungsrichter mich zu sich bescheiden und sagte, daß man mich, wenn ich die vor ihm gemachte Aussage aufrechthalte, freilassen werde, wo aber nicht, so werde man mich dort behalten und auf's neue peinigen. Und als ich vor dem Gerichtshöfe erschien, sah ich dortselbst den Uutersuchungsrichter und fürchtete mich, anders zu handeln, als er mir befohlen: jetzt jedoch ziehe ich mein Geständniß zurück und beharre bei meiner ersten Aussage, in welcher ich die Wahrheit bekannte. Sonst nichts. David Hersko. (Kreuz — die Namensunterschrift von der Hand Bercczy's.) Seine Aussage hat derselbe, nachdem sie ihm vorgelesen und erklärt worden, bestätigt. Vernommen hat ihn Untersuchungsrichter Vezery. Vor uns: Szaplonczay. Gabr. Mihalyi. Das andere Protokoll, von demselben Gerichtshöfe unter gleichem Datum ausgenommen, isi fast gleichlautend, und enthält die Aussage von Mathias Jknat Fern. Pest, 13. Juni (Privatmitth.) Die an tragischen Momenten so reiche Tißa-Eßlarer Affaire wird nun endlich in einigen Tagen vor dem Nyiregyhäzaer Gerichtshöfe vorläufig ihren Abschluß finden; wir sagen vorläufig, denn, wie leicht vorauszusehen, wird die Angelegenheit auch noch vor die K. Tafel, die höchste Instanz, gelangen. Es wird ein großartiges Schauspiel werden, in dem nicht bloß die des Mordes beschuldigten Juden, sondern auch die Organe der Behörde eine Rolle spielen. Bei dem allgemeinen Jntereffe, das die Verhandlung bietet, ist die Nachfrage wegen Eintrittskarten in den Berhaudlungssaal eine enorme. Die Dauer der Verhandlungen wurde vom Präsidenten Kornis für jeglichen Berhandlungstag von 9 Uhr Morgens bis 2 Uhr Nachmittags anberaumt und soll während dieser Zeit kontinuirlich, ohne Unterbrechung, verhandelt werden. Für die Dauer der Schlußverhandlung des Tißa-Eßlarer Strafprocesses werden mehrere Reichstags-Stenographen fungircn, auch verorduete die Telegraphen-General-Direction — wie die „Ungar. Post" meldet — die Aufstellung zweier Hughes-Telegraphen-Apparate in Nyiregyhüza und werden dahin drei Beamte exmittirt. Auch das Kassenpersonal wird vermehrt und der Dienst wird ein permanenter sein. Im