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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-06-26 · Heft 26 (26.6.1883) · p. Seite 420

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 26 (26.6.1883)
Date
1883-06-26
Page
Seite 420 (sequence 6)
Language
German
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420 Ernest Renau: Die ursprüngliche Einheit und die allmähliche Trennung -es Iudenthums und -es Lhristeuthums.! in.! Wir haben nun noch einen prüfenden Blick auf die eigentliche Bedeutung der Renan'schen Vorlesung zu werfen. Daß derselbe die in dieser ausgesprochenen Anschauung nicht bloß vorübergehend bekundet, sondern in sich durchgearbeitet hat, können wir aus früheren Aeußerungen ersehen. Wir wollen nur ein Beispiel anführen. Er hielt am 2!). März d. I. in der Sorbonne eine Vorlesung: „Der Islam und die Wissenschaft (Paris, Calmann Levy, 1883)", in welcher er, wie wir glauben, nicht mit Recht, den Arabern die Wissenschaft, die Kunst und die höhere Bildung überhaupt abspricht und die Juden und nestorianischen Christen als die eigentlichen Träger dessen, was man gewöhnlich arabische Wissenschaft nennt, bezeichnet. Er sagt da S. 2: „Die Wirklichkeit regiert sich nicht nach einfachen Kategorien. Wir Franzosen z. B. sind Römer durch die Sprache, Griechen durch die Civilisation, Juden durch die Religion." — Welche ist nun die eigentliche Anschauung Renan's, wie er sie in der vorliegenden Vorlesung darstellt? Er führt das Christenthum nach Ursprung und Wesen auf das Judenthum zurück, zeigt dann an der Hand geschichtlicher Fakten, wie sich das Christenthum vom Judenthum getrennt habe, und bringt endlich mit der französischen Revolution das Christenthum auf das Judenthum zurück. Indem er die Sittlichkeit und Gerechtigkeit und die einstige Herrschaft derselben im ganzen Menschengeschlechte als das wesentliche Element der Religion, als ihren Inhalt und ihr Ziel ansieht, findet er diese im Judenthume verkündet, durch das Christenthum verbreitet, und soll sie nunmehr zur alleinigen Herrschaft kommen. So groß und weit diese Anschauung ist, so dürfen wir uns doch von ihrem Glanze, namentlich von der leuchtenden Beredtsamkeit, deren Renan mächtig ist, nicht verblenden lasten. So einfach und so beweglich sind die großen welthistorischen Erscheinungen nicht, welche sich durch Jahrtausende hindurch gestaltet und die Jahrtausende hindurch die Menschenwelt beherrscht haben. Sehen wir genauer zu, so sind die von Renan angeführten geschichtlichen Thatsachen, welche die Trennung des Christenthums vom Judenthume bezeugen, doch nur äußerliche Symptome, nicht die Dinge selbst. Vielmehr wird das Wesen dieser Trennung durch zwei Momente bestimmt: einerseits durch die Aufhebung und Beseitigung des mosaischen Gesetzes, die das Christenthum mit dem Augenblicke in sich bewirkte, in dem es in die heidnische Welt einströmte, oder wenn man will, die heidnische Welt in das Christenthum eindrang; von der anderen Seite durch den Aufbau der Dogmen, welchen das Christenthum aus dem Boden des Gnosticismus errichtete. Während seines zweiten Bestandes in Palästina war dem jüdischen Volke das mosaische Gesetz zum innersten Eigenthum und Leben geworden und wurde in ihm durch die traditionelle Entwickelung und später durch die talmudischrabbinische Durcharbeitung auf's Stärkste befestigt. Die völlige Aushebung desselben von osncieller christlicher Seite mußte demnach die jüdische Maste und ihre Lehrer und Führer dem Christenthume entfremden. Mehr noch aber wirkten hierin die christlichen Dogmen. Die Lehre von der Erbsünde, von der Erlösung der Menschheit durch den Tod Jesu, von dem Glauben an diese als Bedingung zur Seligkeit, von der Menschwerdung Gottes in Jesu, von der Dreieinigkeit traten dem einfachen und strengen Monotheismus des Judenthums so schroff entgegen, so geradezu als Gegensatz, daß die Kluft eine unüberbrückbare wurde, eine Kluft, in welche denn auch alle die Anfangs entsprungenen, vermittelnden Sekten hinabstürzten und verschwanden. Die weitere Gestaltung der christlichen Kirche mit allen ihren Erscheinungsformen verstärkte diesen Gegensatz und erhielt ihn im vollen Bewußtsein. — Wenn nun Renan jetzt das Christenthum zum Judenthume zurückführt, oder im Grunde, wenn er eine Amalgamirung, eine Nivellirung beider Religionen annimmt, so dürfen wir uns von dem Umstande, daß er hierin eben nur eine Rückkehr zum Judenthume erblickt, nicht verleiten lasten. Nach seiner Ansicht ist das Wesen des Judenthums die Forderung der Gerechtigkeit und die Verheißung ihrer dereinstigen allgemeinen Herrschaft; hierin sieht er auch das Wesen des Christenthums, welches dieses nur fortgepflanzt und weitergetragen habe. Um dies aber zu erhärten, nimmt er ebenso wohl dem Judenthume wie dem Christenthume einen bedeutsamen Theil ihres Inhalts und ihrer ganzen geschichtlichen Erscheinung: er nimmt dem Judenthume das mosaische Gesetz und dem Christenthume seine specisischen Dogmen. Zu diesem Zwecke macht er es sich in seiner Vorlesung sehr leicht: er spricht gar nicht vom mosaischen Gesetze und ebenso wenig von den christlichen Dogmen; er thnt, als ob sie gar nicht vorhanden wären, als ob sie zu den längst vergangenen Schatten gehörten, während beide doch noch in voller Lebenskraft bestehen. Er geht noch weiter, er spricht gar nicht vom Gottglauben, von der Gotterkenntniß; er begnügt sich von der Sittlichkeit und Gerechtigkeit zu reden, ohne deren eigentlichen Quell, die wahre und reine Gotteserkenntniß auch nur mit einem Worte zu berühren. Dadurch hat er sich, man kann sagen willkürlich, das Feld, das er durchlaufen will, so geebnet, daß er auch nicht die geringste Schwierigkeit auf seinem Wege findet. Diese Schmierigkeiten sind aber einmal vorhanden und haben ihre schwerwiegende Bedeutung! — Indem wir, was das Christenthum betrifft, hier nicht weiter eingehen, wollen wir hinsichtlich des Judenthums nur auf ein Moment aufmerksam machen. Für Renan sind die

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