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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-06-26 · Heft 26 (26.6.1883) · p. Seite 419

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 26 (26.6.1883)
Date
1883-06-26
Page
Seite 419 (sequence 5)
Language
German
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419 den Beschäftigungen zugewandt. Dessen ungeachtet darf man nicht vergessen, daß ein großer Theil von Juden auch mit allen körperlichen und sogar auch mit den schwersten Arbeiten beschäftigt ist. Schließlich beschäftigen sich, wie bekannt, die Juden in vielen Ortschaften auch mit Landarbeit, so giebt es, z. B. im Kiewer Gouvernement ca. 10,500 jüdische Landarbeiter, im Wilna'schen Gouvernement kamen, laut der 10. Revision, auf die Zahl der dort domicilireuden 91,6! 5 Juden 2266 Feldarbeiter. Auch im Kaukasus sind viele Juden mit Ackerbau beschäftigt, und sind z. B. im sogen. Livan'schcn Gebiete, von den dort ca. 100 Familien wohnenden Juden, dieser Zahl Landarbeiter. Auch an vielen andern Plätzen, die wir angeben könnten, sind Juden mit Ackerbau betraut, allein schon aus den obigen Daten ist es ersichtlich genug, daß auch dieser Lebenszweig den Juden nicht ganz fremd ist. Dieser Umstand ist noch deshalb bemerkenswerther, daß das Streben der Juden zur Landwirthschaft von maßgebenden Kreisen nicht allein nicht unterstützt und ausgemuntert wurde, sondern, im Gegentheil, dasselbe stieß noch sehr oft auf unüberschreitbare Hindernisse, welche von Zeit zu Zeit in Form verschiedener, in diesem Sinne bestätigter Gesetzesbestimmungen erschienen waren. Als Beleg dafür, brauchen wir nur auf das bekannte Gesetz vom Jahre 1864 hinzuweisen, welches geradeaus den Juden verbietet, jegliche Ländereien im Wilna'schen und Kowno'schen Gouvernement bei Privatpersonen zu kaufen, und den dort wohnenden Rüsten zur Pflicht auferlegt, keine Güter an Juden zu verkaufen, zu verpachten oder sogar zu verpfänden: wir brauchen also nur daran zu erinnern, und obige Thatsache ist vollkommen constatirt. Den Todesschlag aber hat dem Streben der Juden zur Landarbeit die Negierungsanordnung vom Jahre 1881 versetzt, (es ist dies nämlich eine der rühmlichst bekannten Jgnatjew'schen temporären Maßregeln), welche obiges Gesetz vom 1864 auf sämmtlichc Juden des russischen Reiches überhaupt erstreckt." „Wie dem aber übrigens auch sein mag. so bildet doch, wie bereits gesagt, das vorherrschende Element in der jüdischen Bevölkerung Rußlands die Kategorie der Handeltrcibenden, welche als Vermittler und Commissionäre, einerseits zwischen dem Erzeuger der örtlichen Produkte und andererseits dem Käufer dieser Produkte dient. Eine solche Bermittelungsrolle ist aber an und für sich auch eine der wesentlichsten und nützlichsten Functionen im ökonomischen Leben der Völker, aber natürlich nur so lange, bis dieselbe nicht die normale Grenze der Nothwendigkeit überschreitet, sonst verwandelt sie sich in ein Nebel. Und eben nur diesem alleinigen Umstande müssen mir unsere volle Aufmerksamkeit zuwenden, weil er uns den Schlüssel zu allen denjenigen bedaucrnswerthen Ereignissen, die in der letzten Zeit in den von Juden bewohnten Ortschaften sich abspielten, liefern und bieten kann: denn da in diesen Ortschaften das jüdische Element stark vertreten ist, und daffelbe keine andere Restourcen als eben diese Vermittlerrolle zum Lebensunterhalt besitzt, so sind häufige Collisionen und Zusammenstöße zwischen den Juden und der örtlichen Bevölkerung unvermeidlich. Dagegen aber die volle Gleichstellung der Juden mit der übrigen Bevölkerung und überhaupt die Erlaubniß, überall im Reiche sich niederzulassen, würde nicht versäumen, das obenerwähnte Gleichgewicht zwischen den beiden Grundfactoren im Volksleben vollkommen herzustellen. Noch mehr, es unterliegt keinem Zweifel, daß ein Theil dieser Kaufleute und Vermittler, mit der Uebertragung ihrer Geschäftsthätigkeit in solche Orte, wo daran sich ein Mangel fühlbar macht, in ganz kurzer Zeit diese wichtige Lücke eben ausfüllen würde. Diese Gleichstellung würde dann die jüdische Bevölkerung von einer gegenwärlig in mancher Art nahezu schädlichen Klasse in ein vollkommen gesundes und nützliches Glied in unserem Volksleben umwandeln, was ich, als Mitglied der Allerhöchst bestätigten Judencommission, als meine Pflicht erachte, schon jetzt als meine Meinung über die Judenfrage zu erklären." Soweit Herr Temidow. Gebe der Allmächtige, daß die humane Anschauung, welche mit den heutzutage existireudcn Thatsachen und Berhältnisten vollkommen übereinstimnlt, einen mächtigen Wiederhall bei den übrigen Mitgliedern der Commission vorsinde, und ein Theil wenigstens dieser vom verehrtesten Verfasser anempfohleuen Gleichstellung sobald als möglich praktisch verwirklicht werde. — — Unter den vielen Beschuldigungen, welche von der in Moskau erscheinenden panslavistischen Zeitschrift .lluos.j* (Rußland) und ihrem Petersburger ,alter ego^bic ,>*o\voje wremja- (Neuzeit) den Juden stets zur Last gelegt werden, kommt bisweilen auch diejenige vor, daß die Juden das russische Volk zum Trünke verleiten und dadurch dessen Ruin herbeiführen. Das Departement des Ministeriums des Innern veröffentlichte nun dieser Tage die Zahl derer, welche im Laufe von fünf Jahren, in Folge übermäßigen Gebrauchs von geistigen Getränken erlegen sind. Diese Zahl belief sich in dem Zeitraum von 1870—74 auf 22,529 Personen! Davon kommen auf ll innere Gouvernements, wo Juden Kleinhandel keineswegs betreiben dürfen, die enorme Zahl von 12,810 Personen, also fast die Hälfte der Totalsumme, während in den nord- und südwestlichen Gebieten für diese Zeit nur 788 Personen diesem Uebel zum Opfer sielen. — n. i;.

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