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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-06-26 · Heft 26 (26.6.1883) · p. Seite 418

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 26 (26.6.1883)
Date
1883-06-26
Page
Seite 418 (sequence 4)
Language
German
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418 überraschende Armuth und namenlose Bedürftigkeit der jüdischen Masse, welche zu denjenigen äußerst mißlichen Verhältnissen führen, worüber wir so sehr entrüstet sind, (Exploitation der örtlichen Bevölkerung, Wucher n. m. a.) Jegliche Einschränkungsmaßregeln und Repressionen werden machtlos im Kampf mit diesem Uebel sein und ohne Resultat bleiben; nur allein durch eine Reihe von Grundreformen, im Leben der Aussauger sowohl, als auch zugleich im Leben der Ausgesaugten selbst, kann dieser gräßliche Uebelstand beseitigt werden, vor Allem aber durch das Fortschaffen und Beseitigen derjenigen künstlich geschaffenen Hindernisse, welche die jüdische Bevölkerung in den schrecklichsten Zustand versetzen und derselben nicht gestatten, sich frei nach Mitteln zu ihrem Lebensunterhalt umzusehen, — dies allein kann wirklich diesem Uebel abhelfen." „Schon allein auf Grund der einfachen Elementar-Regeln der pol. Oeconomie kann das Verbreiten dieser meistens Gewerbe und Handel treibenden Bevölkerungscategorie überall im Reiche nur dazu beitragen, diejenigen anormalen Ber hältniffe ein wenig zu regeln und denjenigen traurigen Zustand nach und nach bei Seite zu schaffen, welche gegenwärtig so sehr das Leben in den nord- und südwestlichen Gouvernements kennzeichnen, umsomehr da das fast gänzliche Ausbleiben der Juden aus den innern Ortschaften des Reu ches die Bevölkerung letzterer doch nicht davor zu bewahren vermag, vom einheimischen, echtrussischen Wucher ausgebeutet und ausgesogen zu werden." „Aber es giebt im gegenwärtigem Falle noch einen äußerst wichtigen Punkt, der nicht außer Acht gelaffen werden kann. Das im russischen Volke sich noch bis jetzt bemerkbar machende unbestimmte Gefühl gegen die Juden, durchdrungen von Haß und Verachtung, findet seinen Ursprung in einem Vorurtheile, welches durch eine Reihe von Jahrhunderten hindurch sich von einer Generation zur andern überliefert und auf einer abgeschmackten religiösen Anschauung basirt, die schon übrigens jegliche „raison d'etre** verloren hat.') Anstatt aber diesem absurden Vorurtheile, durch Erklärung und Klarlegung der historischen Facta dem Volke in ihrem wahren Lichte, die Spitze zu brechen, wird diese Spitze, im Gegentheil, leider noch schärfer dadurch, weil unsere Volksmasse wegen der gegenwärtigen Stellung der Juden im Lande — eine Stellung, welche die letzteren fast von sämmtlichen bürgerlichen Rechten ausschließt — sozusagen sogar einen indirecten Beweis für die Richtigkeit des von ihr gehegten Vorurtheilcs zu ersehen glaubt. Bon überall her ertönen Klagen: „die Inden entziehen sich jeder Gemeinschaftlichkeit mit der übrigen Bevölkerung, ihre religiösen Gebräuche suchen sie stets den Augen ihrer Umgebung zu ent- 1) Die Beziehung der Juden zu dem Gründer der christlichen Religion. Corresp. ziehen, ferner lassen sie sich von einem allgewaltigen Kohal beherrschen, der einem Staate im Staate gleicht, — ist aber bei den gegenwärtig obwaltenden Umständen und der Beziehung, welche seitens der russischen Gesellschaft den Judendargebracht wird, ein anderer Zustand auch gar nur möglich? So lange der gegenwärtigen bemerkenswerthen Lage der Juden nicht ein Ende gemacht und die vielen sic völlig beschränkenden, zu Nichts führenden Maßregeln nicht werden fortgcschafft werden, wird auch der jüdische Separatismus fortdauern, und die Feindseligkeiten gegen sic werden nicht allein nicht Nachlassen, sondern sie können bei Gelegenheit noch mächtiger losplatzen . . . Wir selbst entfremden die Juden der einheimischen Bevölkerung und wundern uns nachher, daß die erstern gar nicht mit den letztern sich vereinigen und assimiliren wollen. Wenn die Juden nicht allzusehr freundlich auf die Ruffen sehen, so liegt die Ursache dazu an uns selbst. Auch der Jude kann als vollberechtigter Bürger seinem Baterlande Nutzen bringen, und als Beleg dafür kann Frankreich dienen: ca. 3"'« der gesammten Bevölkerung von Paris sind Juden, allein dort giebt cs dennoch keine „Judenfrage." „Und nun wollen wir zu denjenigen Beschuldigungen übergehen, welche gegen die Juden so oft als möglich auf Grund besten erhoben werden, als enthielte ihr Religionscodex viele Stellen, worin gräßlichster Haß gegen Andersgläubige gepredigt wird, und gehen einige in ihrem Fanatismus so weit, zu behaupten, daß eine bestimmte und bekannte (natürlich nur im Gehirn dieser Judensrester) Religionsvorschrift ihnen befehle, zu einigen Religionszwecken sogar Christenblut zu gebrauchen. Allein diese abscheulichen Beschuldigungen sind schon an und für sich so nichtig und absurd zugleich, daß sie sogar keiner Widerlegung bedürfen, und liefern nur den schlagenden Beweis, wie weit die Kenntniste der Ankläger mit der Religionslehre der Juden hinreichcn und welchen verkehrten Begriff sie von den gesammten Principien des Judenthums überhaupt besitzen. Wir werden daher lieber eine andere Anklage in Betracht ziehen, die auf den ersten Augenblick sogar den Schein der Wahrheit an sich trägt und sich darin formulirt, daß die Juden zu physischen Beschäftigungen überhaupt, insbesondere aber zu Landarbeit gänzlich untauglich und unfähig sind; daß, ferner, wo sie auch sein mögen, ihr Haupterwerb und Betriebszweig Schacher und Wucher bilden, und daher, solle man ihnen überall im Reiche sich niederzulaffen gestatten, dies nur dazu beitragen werde, die Exploitation in denjenigen Ortschaften, wohin sie gerathen werden, zu verstärken und schärfer zu machen. Allein an allen ähnlichen Beschuldigungen ist nur dies eine wahr, daß die Juden, in Folge Zusammenstoßes vieler und verschiedener historischer Bedingungen und Umstände, von jeher meistens städtische Einwohner waren, und, als solche, sind sie mehr dem Handel und den damit in Verbindung stehen-

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