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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-06-26 · Heft 26 (26.6.1883) · p. Seite 417

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 26 (26.6.1883)
Date
1883-06-26
Page
Seite 417 (sequence 3)
Language
German
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entziehen und einen mit den Interessen der übrigen Bevölke-: rung in Antagonismus stehenden Clan zu bilden. Achnliche Ideen scheinen auch in der mit dem Studium der Judenfrage betrauten Commission zum Durchbruche zu kommen; so hat Herr Demidow de San-Donato dieser Tage ein durchdachtes und unparteiisches Memoire in dieser Angelegenheit ' veröffentlicht, das sehr bemerkt und ziemlich allgemein mit Zustimmung ausgenommen wurde. So wenig Bestimmtes sich auch zunächst über die weitere Entwickelung dieser brennen-, den Frage sagen läßt, ist es doch beruhigend, daß einzelne Anzeichen auf eine günstige Wendung schließen lassen." Bis jetzt haben wir von einer Einwirkung der Tenden-! zen der Börse aus die Behandlung der russischen Juden noch! nichts wahrgenommen. Auch bilden die Juden keinen „Clan", der „sich hinter ihre exclusive Stellung verschanzt", sondern sie sind zu dieser exclusiven Stellung von dem Gesetze und von der Berwaltung gezwungen, in dieselbe hineingcbannt, während sie doch nur nach Befreiung und Erlösung seufzen. Dagegen ist das hier entwickelte Programm das einfachste und entspricht allen Forderungen des Rechts und des vernünftigen Sinnes. Möge es sich daher Bahn schaffen mitten durch die dichten Nebel, welche Borurtheil und Haß über die richtige Lage der Dinge und den einzigen angemessenen Weg verbreiten. II. Das Memoire des Fürsten Demidoff von San-Donato. Aus Rußland, 13. Juni. Gestatten Sie mir, die Leser Ihres gcsch. Blattes mit einem Schriftstücke bekannt zu machen, das wieder einmal die „alte und stets neue" Judenfrage — diesen gegenwärtig gordischen Knoten Rußlands — zum Objekt hat und welches in den maßgebenden Kreisen hier zu Lande, mit seinem Erscheinen vor der Oefsentlichkeit, bedeutendes Aufsehen erregte. Wenn schon überhaupt jedes Wort, welches sich über diese Frage unparteiisch und nüchtern ausspricht,! unsere volle Aufmerksamkeit zu feffeln im Stande ist, schon deshalb allein, weil das Urtheilen über diesen Gegenstand unserer einheimischen „patentirten Judenforschcr" durch Klarheit der Argumente, Parteilosigkeit und Nüchternheit des Blickes sich am wenigsten auszeichnet, so verdient obiges Document eS noch mehr, weil es einerseits dazu geeignet ist, bei der Lösung unserer Frage, in naher oder längerer Zeit, auf legislativem Wege eine nicht unbedeutende Rolle zu spielen, andererseits ist dasselbe noch mehr dadurch bemerkenswerth, weil es aus einer solchen Sphäre kommt, welche, durch Zusammenstoß verschiedener historischer Zufälle, gegen unsere Glaubensgenossen von jeher von Borurtheilen durchdrungen war, und bei der die vermeintliche sogen. „Exploitation", das Aussaugen der einheimischen Bevölkerung durch die .4 Juden — eine Beschuldigung, die so wenig Wesentliches, dafür aber so viel Unheilvolles nach ihren Folgen für unsere Brüder an sich hat — als vollkommen unleugbare Thatsache angesehen wird. Als eine solche Sphäre konnte stets diejenige des Handels und der Industrie betrachtet werden, und ist Autor dieses von uns angegebenen Schriftstückes, oder Memoires, wie dasselbe der Berfaffer selbst nennt, gerade ein wichtiger und einflußreicher Repräsentant dieser Sphäre, dessen vollkommene Parteilosigkeit im gegebenen Falle ganz außer Zweifel beruht. Derselbe, der vielfach berühmte P. P. Demidow, alias Fürst San- Donato, wegen seines maßlosen Reichthumes „der russische Krösus" genannt, wurde unlängst in die „Commission zur Erledigung der Judenfrage" zum Mitgliede erwählt, und hat derselbe ein „Memoire" über die Judenfrage ausgearbeitet, worin er, frei und offen, seine Anschauung, so zu sagen seine -i-rokession lle toi-, über diesen Gegenstand vollständig auseinandersetzt. Für seine Competenz spricht ferner, erstens, daß er eine Reihe von zwölf Jahren den Posten eines Stadthauptes in Kiew bekleidete, in einem solchen Orte folglich, wo ihm vollkommen die Möglichkeit geboten war, mit dem ganzen Thatbestand der Judenfrage practisch sich bekannt zu machen, andererseits hat er noch dazu, auf Ansuchen des damaligen Kiewer General - Gouverneurs, sich speciell mit dieser Frage beschäftigt. Daher hoffen wir, daß es den Lesern nicht uninteressant sein wird, diese wichtige Meinung, die wir hier in treuer Uebersetzung wiedergeben wollen, zu erfahren. „Die antisemitische Bewegung der jüngsten Epoche rückte aufs Neue die sogen. „Judenfrage" in den Vordergrund bei uns. Gegenwärtig, bei der Ernennung eines Präsidenten , des Gr. Pahlen) in die Allerhöchst bestätigte Commission zur Erledigung dieser wichtigen Frage, ist es zu hoffen, daß diese Frage endlich eine rationelle Lösung erhalten werde, die in der Beseitigung sämmtlicher anormaler ökonomischsocialer Verhältnisse des jüdischen Lebens, was doch die Wesentlichkeit dieser ganzen Frage ausmacht, bestehen soll. Die Haupteigenthümlichkeit in der Lage der jüdischen Bevölkerung Rußlands besteht darin, daß es den Juden nicht gestattet ist, außer dem für sie bestimmten Rayon, sich überall, wo es ihnen gefallen mag, niederzulaffen und anzusieveln. Zufolge dieses Gesetzes ist diese ca. 3 Millionen starke Menschenmasse nur auf die bekannten nord- und südwestlichen , Gouvernements angewiesen, und dies buchstäbliche Zusammenpreffen einer so bedeutenden Menschenmenge auf einen verhältnißmäßig so kleinen Flächenraum hat zur Folge eine außergewöhnliche und unmögliche Concurrenz beim Erbeuten der unentbehrlichen Lebensmittel, stellt diese Bevölkerung in eine sehr kritische und schiefe Lage und veranlaßt sie, sehr gleichgültig im Wählen von Beschäftigungen zum Unterhalte , ihrer Existenz zu sein. Allen ist genügend bekannt diejenige 28*

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