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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-06-19 · Heft 25 (19.6.1883) · p. Seite 410

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 25 (19.6.1883)
Date
1883-06-19
Page
Seite 410 (sequence 12)
Language
German
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410 lebendiger, frischer Geist voll markiger, entschiedener Kraft weht uns aus dem Ganzen entgegen. Schöne musikalische Gedanken im großen Stil mit außerordentlichem musikalischen Berständniß durchgeführt, wechseln in reicher Fülle in kunstgerechter Bearbeitung mit einander ab. Die Melodien sind j leicht und weich und fließen geschmeidig dahin; die Harmoni! sirung trägt den Stempel der modernen, ausgesprochen Wagnerischen Richtung; auch in den Rccitativen, namentlich! in den „Lecho dodi Piecen" der I. Lieferung ist eine; ähnliche Wahrnehmung zu machen. Es soll dies ebensowenig j ein engherziger, durchaus unangebrachter Borwurf sein, als! daß man sich darüber wundern darf, daß Wagner'sche Musik! überhaupt und speciell in München, der Cultusstätte derseben, an einem Cantor, ohne einen unauslöschlichen Eindruck zu hinterlasien, vorübergehen könnte. Die Stilisirung der Chöre, ihre contrapunktische Bearbeitung und Struktur, sowie die Orgelbegleitung verrathen sammt und sonders eine Meisterhand, deren durchgeistigte Gestaltungskraft unsere Bewunderung verdient. Auf die einzelnen Nummern einzugehen, gestattet hier der Raum nicht; doch sei auf die musikalisch hervorragendsten Piecen kurz hingewiesen. In erster Linie gehört hierher „En komocho“ für Cantor und Chor, „Vaihi binsou“, in welchem leider die beiden Sätze „Schrna“ und ,Echod elohenu“ unberücksichtigt geblieben sind; dagegen sind „Lecho adonoi hagedulah“ und ,Romamu‘ mit dramatischer Belebtheit und mit feiner Nüancirung durchgeführt. Eine Tonschöpfung von ganz besonderer Bedeutung ist der Psalm 29: ,IIowu radonoi bene elim!“ Im schönen, weichen E-dur- Andante beginnt der Prolog zu dem herrlichen Gewitterpsalm, in welchem die furchtbar-prächtige Naturerscheinung bis in ihre kleinsten Details gezeichnet wird, so daß das Ganze sich zu einem Tongemälde gestaltet, das allen Respekt verdient; originell ist die Stelle: „wagarkidem kemo egel“ zum Ausdruck gebracht. Das über die Wüste Kadesch abziehende Gewitter mit seinem Tosen und Toben hat die Atmosphäre gereinigt, und aus regenfrischer, gewürzter Luft tönt uns das liebliche und friedliche „Adonoi os leamo jitenu entgegen, um die Seele zu beruhigen. In der Mussaf- Keduschah auf S. 22 u. ff. sind außer dem ersten Chor „Kadosch* nur die Recitative des Cantors enthalten, was sehr zu bedauern : ist. „Baruch kefod adonoi mimekomo“ und die übrigen Chorsätze fehlen. Auf die grammatikalisch richtige Aussprache und Accentuirung ist dagegen musterhafter und nachahmungswerther Fleiß verwendet worden, so daß das Werk auch in dieser Richtung alles Lob verdient. Die Ausstattung ist eine ganz luxuriöse; der Preis (pro Lieferung 21/., M.) ein mehr als bescheidener, so daß jeder Cantor und jede Gemeinde sich die werthvolle Sammlung anzuschaffen vermag. Die folgenden Lieferungen enthalten die Festgesänge, auf die wir in einem besonderen Berichte zurückkommen werden. L. Levi. Feuilleton. Die Familie Furta-o. Am 21. Mai fand in Bayonne die feierliche Bestattung August Furtado's statt, der in seinem 86. Lebensjahre verschieden war. Mit ihm erlosch die Familie Furtado, die1 im französischen Judenthume eine bedeutende Stellung einge; nommen. Die Familie Furtado stammte aus Portugal, das sie nach dem verhängnißvollen Erdbeben von Liffabon im Jahre 1755 verließ. Wie durch ein Wunder aus den Trümmern des Hauses gerettet, trug damals die Großmutter des jetzt verstorbenen unter ihrem Herzen Abraham Furtado, der, in Bordeaux geboren, später als Präsident der von Napoleon 1806 zu Paris berufenen Versammlung der jüdischen Notabeln, welche die bekannten Beschlüffe faßte, die nachher vom Sanhedrin 1807 bestätigt wurden, einen unsterblichen Ruhm sich erworben hat. Einige Jahre später wurde er zum Adjunkten des Maire's von Bordeaux ernannt und erwarb sich als solcher so viele Verdienste, daß der Munizipalrath einer der neuen und schönen Straßen seinen Namen verlieh. Sein Bruder, August Furtado, erwarb sich eine angesehene Stellung in Bayonne. Von deffen drei Söhnen ging Elie nach Paris und heirathete ein Frl. Fould und wurde, Schwager von Benoit und Achille Fould, einer der Theilnehmer jenes großen Bankhauses. Seine Tochter wurde Frau Charles Heine, deren großes Vermögen jetzt der Wohlthätigkeit nach allen Richtungen hin gewidmet ist. Der zweite Sohn Tibulle Furtado lebte einsam auf dem Lande. Der jüngste, August, wurde durch einen ausgezeichneten Geometer und Hellenist aus dem Elsaß, Einsheim, erzogen, und lebte dieser bei ihm bis zu seinem hohen Alter. Er trat frühzeitig an die Spitze seines Handelshauses und heirathete eine Nichte, welche ihm treu zur Seite stand, ohne daß jedoch , ihre Ehe mit Kindern gesegnet worden. Frühzeitig trat er in die Verwaltung der jüdischen Gemeinde ein und als 1846 das Confistorium von Bayonne gebildet wurde, wählte es ihn zum Präsidenten, eine Stellung, die er bis zu seinem i Tode einnahm. Schon gleich nach der Julirevolution wurde I er auch in den Munizipalrath gewählt, und füllte hier seine! Stelle so trefflich aus, daß seine Wiederwahl niemals bestritten wurde. Als 1851 die revolutionäre Bewegung die Mairie unbesetzt ließ und 1869 als während des Krieges ,die Munizipalität unmöglich geworden, vertrat August Furtado den Maire und leitete die Angelegenheiten der Stadt

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