Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1883)
- Date
- 1883-06-19
- Page
- Seite 403 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- Mesha 2× ep/1006058
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„Das Studium des Christenthums erweckte in mir den Ent-1 schluß, die Geschichte des christlichen Ursprungs zu schreiben. Aber was ist die Geschichte des christlichen Ursprungs, meine Herren? Das ist hauptsächlich Ihre Geschichte. Ich gebe zu, um ganz logisch zu sein, hätte ich meine Geschichte des Ursprungs des Christenthums mit einer Geschichte des jüdischen 1 Volks beginnen sollen. Wenn ich mich, wie man zu sagend pflegt, mitten in den Gegenstand hineingeworfen, so geschah dies, weil man nicht weiß, wie lange man lebt und man deshalb an das Dringendste zuerst geht. Jetzt, nachdem ich, so gut ich es vermocht, die ersten hundertundfünfzig Jahre des Christenthums erzählt habe, möchte ich den Rest meines Lebens und meiner Kraft der vorhergehenden Geschichte widmen, wo, das erkenne ich an, sich die wahre Erklärung des Christenthums findet." „Der Ursprung des Christenthums muß in der That wenigstens 750 Jahre vor Jesus Christus festgestellt werden, zur Zeit wo die großen Propheten, die Schöpfer einer ganz neuen Religionsanschauung, auftreten." „Das ist Ihr Ruhm, meine Herren, das ist der Ruhm Israels; da liegt das große Geheimniß, deren Träger Sie sind: im Schoße Ihrer Race, ungefähr 7 oder *00 Jahre vor Jesus Christus — diese Jahre lasten sich nicht in strengster Weste bestimmen — im Schoße Israels vollzog sich in bestimmter Weise die Wandelung der primitiven Religion, die voll ungesunden Aberglaubens war, zur reinen und man kann es sagen zur definitiven Religion der Menschen." „Die primitive Religion hat, so weit uns gestattet ist, es zu erkennen, an dem rohen Zustande Theil nehmen müsten. in welchem die Menschheit bei ihrem Ursprünge sich befand. Es war eine ganz egoistische Religion. Man dachte sich Gott oder die Götter dem Menschen mehr oder weniger analog, und man suchte die Gottheit oder die Gottheiten zu gewinnen wie man die Menschen gewinnt, das heißt durch das Interesse, durch Gaben, durch Geschenke. Man suchte sich ihre Gunst zu gewinnen, indem man ihnen irgend etwas Angenehmes darbot, besonders Opfer, die man von ihnen wohlgefällig ausgenommen glaubte." „Das war ein wesentlich eigennütziger Cultus. Der Mensch war von Schrecken, von unbekannten Kräften umgeben und er bildete sich ein, diese zu bewältigen, indem er die Gunst dieser unbekannten Kräfte erschmeichelte, indem er sie seinem Ehrgeize oder seiner Leidenschaft dienstbar machte." Der Redner stützt sich hierfür auf die bekannte Inschrift Mescha, und als Gegensatz auf den 15. Psalm, in welchem er den Ausdruck einer sebr alten Anschauung wiederfindet. Er fährt fort: „Ich sage nicht, daß der 15. Psalm diesen Gedanken zum ersten Male ausgesprochen; aber es war Israel, das ihn zum ersten Male aussprach." Er geht deshalb aus das 1. Kapitel Jesaias über und fährt fort: „Ach, meine Herren, das ist ein ganz neuer Gott, ein Gott, völlig verschieden vom Kamosch des Königs Mescha und von allen Göttern des Alterthums. Die Moral ist eingetreten in die Religion und die Religion ist die Moral geworden. Das Wesentliche ist nicht mehr das materielle Opfer. Es ist die Stimmung des Herzens, es ist die Ehrenhaftigkeit der Seele, welche den wahren Gottesdienst ausmacht. (Lang anhaltender Beifall.) Wohlan, diese Worte rühren authentisch vom Jahre 725 vor Jesus her. Sie bezeichnen die Erscheinung der reinen Religion in der Menschheit." Renan führt nun aus, daß dieser Geist, dieser echt israelitische Geist, sich in Israel . fortwährend erhalten und ausgestaltet hat, und nach einem Cultus strebte, der für die ganze Menschheit geeignet wäre, enthalten in dem reinen Ideal der Moral und des Guten. „ Dies ist die Idee, die unaufhörlich in den alten Propheten sich aussprach: dieser gereinigte Cultus Israels wird die Religion des Menschengeschlechtes werden. Es handelt sich nicht mehr um einen partikulären Cultus; es handelt sich um den universellen Cultus, um das Reich der Gerechtigkeit. Der feste Glaube, daß, Dank Israel, die Gerechtigkeit auf Erden herrschen werde, wurde seitdem im Gedanken des frommen Juden von unerschütterlicher Festigkeit." — Bon hier aus geht Renan auf die „Gründer des Christenthums, deren Physiognomie für unsre Augen mit einem dreifachen Schleier bedeckt ist" über; „aber was sicher ist, das ist, daß das ganze erste christliche Geschlecht wesentlich jüdisch war." Wie wir in der vor. Nr. skizzirt haben, zeigt Renan, wie sich bis zum Jahre 120 die Christen noch gänzlich Eins mit dem Judenthume fühlten, wie durch den Gnosticismus die Spaltung eintrat und sich unter Constantin vollendete. Er zeigt dies an den christlichen Schriften und namentlich an denen der ersten Kirchenväter. Endlich im Mittelalter hatte „die Welt die religiöse Wahrheit dem Judenthum entnommen und behandelte es dafür in der grausamsten Weise." Er charakte risirt die Kreuzzüge, die Scholastik, welche darauf ausging, den Talmud und bisweilen mit dem Talmud den Juden zu verbrennen. Die Art, wie man die Juden zum Geldhandel zwang und sie dann gerade deshalb verfolgte, schildert er drastisch. Den folgenden Theil möge der freundliche Leser in der vor. Nr. noch einmal lesen. — Wenn wir nun mit dem allgemeinen Jdeengange und den Schlußfolgerungen Renan's einverstanden sind, so mögen wir doch einige Bemerkungen hinzufügen. Wir haben schon darauf aufmerksam gemacht, daß Renan in der Erforschung des Judenthums nur bis zu den Propheten geht, und es unterläßt, die Quellen des Prophetismus weiter hinauf zu verfolgen. Könnte er doch diese bereits im ersten der 5 Bücher Moses finden, wo die auf Gerechtigkeit begründete allgemeine Moral in starken Zügen hervortritt, und wenn er den 15. Psalm anführt, so wären seinen Gedanken die