Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1883)
- Date
- 1883-06-19
- Page
- Seite 401 (sequence 3)
- Language
- German
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401 und Odillon Barrot berief, von denen der erste damals sehr unpopulär war, wie dann am Abend des 23. Februar vor dem Hotel Guizvt's eine Fufillade auf das Volk erfolgte, ohne daß jemals aufgehellt worden, von welcher Seite diese gekommen, wie hierauf in einer Nacht ganz Paris mit Barrikaden bedeckt wurde, die Truppen bald zum Volke standen und ein blutiger Kampf nur zwischen diesem und der Munizipalgarde stattfand. Am interessantesten ist hier, wie die Abreise des Königs und der königlichen Familie vor sich ging. Es liegen darüber zwei Originalberichte Cremieux' vor, die in allen Punkten mit einander übereinstimmen. Cremieux hatte den unmittelbarsten Antheil daran, und man hat ihm daraus von verschiedenen Seiten herbe Borwürfe gemacht. Aber aus diesen Aufzeichnungen geht überzeugend hervor, wie ungerecht sie waren. Cremieux geht in die Tuillerien, um den König mit der Sachlage bekannt zu machen. Der König abdicirt zu Gunsten des Grafen von Paris und der Regentschaft der Herzogin von Orleans. Cremieux eilt mit dieser Nachricht durch die Bolkshaufen, aber Niemand will etwas davon wisten. Der blutige Kampf dringt bis in den Tuillerienhof: Cremieux eilt zurück zum König, räth ihn zur Abreise, weil das Schlimmste zu befürchten war. Der König eilt, dieselbe zu bewerkstelligen und Cremieux begleitet ihn und die Königin bis auf den Concordienplatz zu einem Wagen. In die Kammer geeilt, tritt er noch für die Herzogin von Orleans ein, wird aber von dem Brausen der Volksmenge überlönt, welche die Republik und eine provisorische Regierung verlangt. Alles dies ist thatsächlich. Hieran schließen sich nun viele schätzbare Notizen über die Einsetzung der letzteren und die drei Monate ihrer Dauer. Die Anstrengungen, die Selbstaufopferung, die unbegrenzte Hingebung, welche diese Stellung forderten, treten in charakteristischen Zügen hervor. Am ö. März schreibt Cremieux: „Welche Existenz führe ich seit ganzer zehn Tage. Seit jenem bewunderungswürdigem Tage, wo wir durch Acclamation zur Regierung erhoben wurden, kannte ich den Schlaf nicht mehr, erst in den letzten drei Nächten fünf Stunden. Nun, was thut's! Mein schönes Vaterland, dieses Frankreich, das ich so sehr liebe, mein Idol, Frankreich rief mich, verlangte mich. Gehöre ich ihm also nicht ganz und gar an? Ich bin abgemagert, ein wenig gealtert, aber das ist die Ermüdung, ich werde mich schnell wieder erholen. Mein Eifer erkaltet nicht: ich schöpfe jeden Tag in der übermäßigen Anstrengung selbst neue Kräfte." Man lese nur, was diese Männer aushalten mußten, wie viele Reden sie zu halten, wie viele Deputationen sie zu empfangen hatten u. s. w. Wir übergehen dieses Alles, und heben nur noch mit der größten Befriedigung hervor, welche Streiflichter die Briefe auf das häusliche, auf das Familienleben Cremieux' werfen. Welche Liebe zwischen Mann und Iran, welche Fürsorge für die Kinder, wie wenig Geschmack hat die Frau für die äußere Größe und den Glanz, wenn auch die Huldigungen, die man ihrem Manne bringt, sie beglücken. Sie schreibt am 14. März: „Man ist im Allgemeinen sehr zufrieden mit meinem „braven Manne". Sein Name ist ein Pfand der Mäßigung und der Menschenfreundlichkeit, welche nicht Alle einflößen." Am 18. April schreibt Cremieux aus dem Finanzministerium: „Die Regierung in solcher Ausnahmszeit ist eine unermeßliche Last. Ich spreche nicht von Gefahren. Als ich in die provisorische Regierung berufen wurde, sah ich vor mir den Abgrund oder den Ruhm, vielleicht den einen und den anderen zugleich: mein Entschluß war sofort gefaßt. Ein großes Volk vor der Anarchie zu retten, die es bedrohte, uns vor den Abgrund zu stellen, und uns energisch am Rande desselben entgegenzustemmen, damit Niemand hineinfalle: das war so schön'. Ich hoffe wohl, daß wir dieses Ziel erreichen." Sie erreichten dieses Ziel nicht; die furchtbare Junischlacht zwischen den sozialistischen Arbeitern und der geordneten Gesellschaft stand noch bevor. Aber ehe sie noch stattfand, ehe man sie nur noch voraussah, hatte Cremieux das Justizministerium wieder verlassen. Die Undankbarkeit, die Ränkesucht, die Stellenjägerei hatten ihm den Antrag auf seine Demission leicht gemacht. Bezeichnend sind die Worte, welche er gleich nach seinem Rücktritt am 9. Juni schrieb: „Theure Freunde, lastet mich einige Worte Euch sagen, da ich mich im Anfang meiner Freiheit wiederfinde. Welche gute und beglückende Sache ist es doch, nicht mehr an der Gewalt zu sein. O, wie wünschte ich den Ehrgeizigen nur einen Monat meiner hundert Tage!" Frau Cremieux setzt den Brief fort: „Wie würde es Euch freuen, die glückliche Veränderung zu sehen, die sich in meinem theuren Manne vollzogen. Sein Aussehen ist nicht mehr dasselbe, er erholt sich wieder, es war Zeit, daß er herauskam, er hätte es nicht mehr ausgehalten. Wir sind wieder zu Hause, wie wenn wir niemals unsre Wohnung verkästen hätten, ruhig, friedlich und glücklich, nicht mehr in der garstigen Bude zu sein, welche man Ministerium nennt." — Cremieux dachte sogar einen Augenblick daran, wieder ganz Advokat zu werden und seinen Sitz in der Kammer aufzugeben. Dies währte jedoch nur einen Augenblick. Er schreibt am Ende dieses Briefes: „Ich habe diesem theuren Frankreich Alles gegeben; ich habe mit Eifer ihm mein Leben gewidmet, sei es in der Anstrengung, sei es in Gefahr; meine Gefühle, mein Herz, meine Seele gehörten ihm; es scheint mir, daß ich einen guten Theil in diesem schönen Drama gehabt, und daß ich die Scene verlassen kann. Unsere ' Häuslichkeit, immer so einträchtig und zärtlich, verleiht unserem Familienleben so viele Reize! Ich kann Euch nicht sagen, wie wohl wir uns zusammen befinden und wie wir die düstre Außenwelt vergestcn." Dennoch während jener