Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1883)
- Date
- 1883-06-12
- Page
- Seite 393 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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393 daher größtentheils anderen Zwecken zugeführl werden, wie! namentlich Unterstützung armer Rabbinen und Vorsängers Wohnungsentschädigung u. dgl. Es mag hier erwähnt fein, | daß in dem Orte Consenvoye (Meuse) nur e i n Jude wohnt,! Salomon Scheuer, und daß diesen die Gemeinde zum Bürger-, meister gewählt hat, nachdem er schon mehrere Jahre das! Amt eines Adjunkten bekleidet hat. — In diesen Tagen fanden sich in Paris an mehreren Orten geschriebene Plakate, welche zu einer großen Volksversammlung gegen die Juden und die Regierung aufforderten. Die Plakate wurden sofort obgeriffen, doch bemerkt die I^nnterne, daß dies eine unnütze Mühe gewesen; man hätte die Afffchen ruhig hängen lassen können, die Pariser hätten sich doch nicht darum gekümmert. Paris, 29. Juni. Nach neueren Nachrichten sind in Tlemsen die Unruhen dadurch entstanden, daß die „Musikalische Gesellschaft" einen Ball geben und die Juden ausschließen wollte; der Bürgermeister verweigerte ihr deshalb das Stadtlokal, das sie beanspruchte. Deshalb Reibereien, Einschlagen von Fensterscheiben und Wiederherstellung der Ruhe durch das Einschreiten der Behörden. — Fünfzig polnische Israeliten erschienen am 28. Morgens 9 Uhr im Hotel des Barons von Rothschild und forderten Geld und Brod, wobei sie drohten, sie würden im andern Falle Alles zerschlagen. Rothschild ließ die Polizei holen, welche ihn von den unliebsamen Gästen befreite. — Ebenso zogen einige 20 vor das Haus des Herrn Braun, Mitgliedes des Unterstützungsvereins. Dieser ließ sie ebenfalls durch die Polizei entfernen, spendete aber jedem Bittsucher 10 Frcs. — was Rothschild nicht gethan — der wandte nur Polizei an. Man kann sich denken, wie groß das Elend dieser Unglücklichen ist, um sich zu solchen Exceffen Hinreißen zu lasten'. Rußland. Petersburg, 24. Mai. Aus Rostoff am Don wird unterm 23. Mai gemeldet: Gestern Vormittag begann hier eine große Judenhetze. Die Ursache soll die Tödtung eines Rüsten durch einen jüdischen Schankwirth gewesen sein. Ter Pöbel plünderte, sengte und zertrümmerte mehrere jüdische Häuser und Magazine. Der Krawall dauerte bis spät Abends. Drei Sotnien des Kubanschen Kosakenregiments, welche herbeigerufen worden, erwiesen sich zu schwach zur Wiederherstellung der Ordnung und es werden neue Ruhestörungen befürchtet. Nach einem Telegramm der Köln. Zeitung waren diese Exceste von großem Belang: Hundert Häuser wurden zerstört, mehrere Menschen getödtet, viele verwundet. Rostost ist eine sehr aufstrebende, meist von Griechen und Kosaken bewohnte Handels- und Hafenstadt im Bezirke Taganrog. — Einem Privatschreiben entnehmen wir: Wenn die Deutschen schon öfter darauf aufmerksam gemacht worden, daß die allgemeine Ursache der Judenverfolgungen in Rußland der Panslavismus sei, für den die Juden nur das erste Objekt der Ausscheidung seien, auf welche die Deutschen an die Reihe kommen würden, so vollzieht sich dies, wenn auch geräuschloser und unblutiger, doch nach und nach. Hat man zuerst die Juden aus allen öffentlichen Stellungen, z. B. aus dem Eisenbahndienste entfernt, so geschieht dies jetzt nun mit den Deutschen. Man drängt sie aus jedem Amte hinaus und besetzt dies dann mit einem Nationalrussen. Biele Hunderte von Deutschen sind auf diese Weise bereits beseitigt worden, und noch weniger kann ein Deutscher darauf! rechnen, jemals wieder in ein Amt eingesetzt zu werden. Petersburg, 30. Mai. Zur Beglückwünschung des Czars anläßlich der Krönung sandten auch die karaitischen Juden eine Deputation. In Charkow und Kiew fanden wieder Juden- Ercesse statt, wobei die jüdische Bevölkerung arg mißhandelt wurde. Ob das auch zur Feier der Kaiserkrönung geschah'? Aus Rußland, 1. Juni (PrivatmitthO. Kaum sind die vielen Freudenstimmen und Jubelrufe verhallt, welche das so eben vorübergegangene Krönungsfest Ihrer Majestäten im weiten und breiten Zarenreiche unter allen Schichten der Bevölkerung hervorrief und woran auch unsere Glaubensgenosten überall sich betheiligten, kaum ist das öffentliche Leben ins gewöhnliche, alltägliche Geleise zurückgetreten, aus welchem dasselbe während der letzten Zeit herausgerückt war, und ein neues, gewaltiges Geschrei durchzittert schon wieder die öffentliche Athmosphäre, ein Hilferuf, der sich der Brust beplünderter und beraubter Glaubensgenossen entringt und der uns an die gräßlichen Ereignisse des vorigen Jahres im südlichen Rußland erinnert. Es handelt sich für jetzt wieder um einige derjenigen unglückseligen Excesse und Gewaltthaten, welche vom rohen Pöbel, am Hellen, lichten Tage, gegen Person und Vermögen unserer Glaubensgenossen schon so oft ausgeübt wurden, die, wie ihre vorjährigen Vorläufer dazu geeignet sind, viele wohlhabende Familien an den Bettelstab zu bringen und dem Hungertode preiszugeben. Als Arena für die gegenwärtigen Gräuelscenen diente die Stadt Rostow, eine nach Bevölkerung und Handel große Ortschaft im sogen. Tonischen Kosakengebiete, wo unsere Glaubensgenossen weder durch ihre bedeutende Seelenzahl, noch durch große Reichthümer den Neid der Einwohner auf sich ziehen konnten. Die dortige jüdische Einwohnerschaft, an Zahl etwas über 1000 Seelen, besteht aus verschiedenen, ihr Fach betreibenden Handwerkern und beurlaubten Soldaten, denen, wie bekannt, laut Gesetz, das Recht zusteht, sich überall in Rußland niederzulasten. Und gegen diese arme Einwohnerschaft wurden, wie die russischen Blätter jüngst meldeten, solche Brutalitäten in Scene gesetzt, die nach Intensität und innerer Kraft denen in Elisawetgrad, Kiew :c. nicht nachstehen, und welche nach Art und Weise ihrer praktischen Ausführnng 24*