Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1883)
- Date
- 1883-06-12
- Page
- Seite 386 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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3B6 Ernest Rena«: Die ursprüngliche Identität und die allmähliche Trennung des Iudenthums und -es Christenthums. i. Ueber dieses Thema hielt Ernest Renan am 27. Mai eine Vorlesung in der „Loeietö des Etudes juives“. Ein zahlreiches, auserlesenes Auditorium war versammelt, um mit großer Spannung den Worten des glänzenden Redners zu lauschen. So hoch aber auch die Erwartungen gespannt waren, sie wurden durch die Anschauungen, die Renan hier zum Ausdruck brachte, sowie durch die Wärme und die Ueberzeugungskraft, die sich in jedem Worte kundgab, weit übertroffen. Was die Lehrer des Judenthums namentlich seit einem halben Jahrhundert von der Kanzel, in Lehrbüchern und vielen Schriftwerken, was insbesondere Schreiber dieses in seinem großen Bibelwerke, in seinen Vorlesungen, seinem Religionsbuche und in zahllosen Leitartikeln über den universellen Gedankeninhalt des Judenthums und über die Mission des jüdischen Stammes in der Weltgeschichte entwickelten und was von so vielen christlichen Theologen und Kritikern als Selbstüberschätzung, Anmaßung und Verblendung verworfen zu werden pflegte, das wird hier von einem christlichen Gelehrten und Redner ersten Ranges unumwunden, bestimmt, unzweideutig, lichtvoll bestätigt, bekräftigt und als unumstößliche Wahrheit kundgegeben. Bon einem christlichen Gelehrten, denn dem Berfaffer des Lebens Jesu und des bändereichen Werkes über den Ursprung des Christenthums wird man dieses Epitheton nicht absprechen können. Die Vorlesung wird auf viele Gegner stoßen, und z. B. schon der Temps vom 28. Mai, der uns die Skizzirung des ersten und die stenographische Aufzeichnung des zweiten Theiles der Vorlesung bringt, sucht die Wirkung derselben durch die Annahme einer gefälligen Connivenz gegen seine jüdische Zuhörerschaft abzuschwächen. Das ist aber unhaltbar, denn Renan wußte, daß er seine Worte nicht blos vor diesem engen Kreise, sondern vor der ganzen gebildeten Welt aussprach; er selbst veröffentlicht seinen Bortrag in der nächst erscheinenden Uevue politique et litteraire und viele Pariser der zweite Theil, den wir deshalb in wortgetreuer Uebersetzung nach der stenographischen Aufzeichnung wiedergeben. Renan begann mit der Darlegung derselben Ansichten über die Entwickelung der Religion im Judenthume, die er in der früheren Vorlesung über die jüdische Race ausgesprochen. Er datirt die Universalität der religiösen Idee vom Propheten Jesaias, also von 725 vor d. gew. Ztr., und findet dieselbe sich immer weiter entwickelnd in den übrigen Propheten und in mehreren Psalmen, von welchen er den Ps. 15 besonders citirt. Wir halten es heute nicht für unsere Aufgabe, hierüber mit ihm zu rechten, namentlich daß er die mosaische Urkunde gänzlich mit Stillschweigen übergeht, vielleicht weil es ihn im Rahmen einer Vorlesung zu weit geführt hätte, seine Ansichten darüber zu äußern. Aber er hätte doch nicht übersehen dürfen, daß diese Universalität ihren fundamentalen Ausspruch in den 5 Büchern Mosis gefunden hat. „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst", „Gerechtigkeit, Gerechtigkeit folge nach, damit du lebest" , die Einheit des Menschengeschlechts, die Gleichheit Aller vor dem Gesetze u. s. w. sind Momente, welchen in einer Entwickelung der universellen Ideen der Platz nicht entzogen werden darf. Er sagt: „Diese Verkündigung der Gerechtigkeit und des fleckenlosen Lebenswandels als wahrhafter Inhalt der Religion war ein neues Wort, das Israel zuerst gesprochen und welches das Charakteristikum seines Glaubens geblieben ist. Und der Geist Jesaias', der Geist der Propheten wurde immer mehr und mehr herrschend. Dies war der Geist Israels nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft und dieser Geist resumirt sich in der Richtung zu einem reinen Cultus, welcher für die ganze Menschheit geeignet sein könne, der in dem Ideal der Moral und des Guten wohnt. Die Herrschaft der Gerechtigkeit auf der ganzen Erde, das ist die fundamentale Idee der alten Propheten. Das Christenthum drückte dies später in einer populäreren Sprache aus, aber mit einem weniger erhabenen Schwünge als die Propheten des 8. Jahrhunderts vor Jesus. Diese Propheten sind die wahren Erfinder der Idee der Gerechtigkeit. Die ganze erste christliche Generation, fährt er fort, war durchaus jüdisch. Selbst Paulus glaubte niemals, sich von den Juden zu trennen. Renan nennt ihn aber den Störenfried (trouble-fete) in der Blätter brachten schon am andern Morgen ausführliche Auszüge. In diesem Sinne sprach Renan, und in diesem allein j primitiven Kirche. Noch die Apokalypse (verfaßt im Jahre 68) ist es gestattet, seine Rede aufzufassen. Wenn wir daher be- > ist ein jüdisches Buch im höchsten Sinne. Damals erstanden denken, in welch' anderer Weise Renan sich früher über viele jüdische Bücher: das Buch Judith, das 4. Buch Esra, Judenthum und Juden mit derselben Offenheit ausgesprochen,! die Apokalypse des Baruch, das Buch Tobias, und wer hat wie diese Wendung aber bereits seit mehreren Jahren in ihm sie uns erhalten? die Christen. DaS Band, welches die vorgegangen und sich immer klarer in ihm entwickelt hat, so Kirche an die Synagoge knüpfte, war noch nicht zerrissen, können wir seine gegenwärtigen Anschauungen als aus weiteren Der Brief des römischen Clemens (um 98) ist Ausfluß eines Forschungen und tieferen Erwägungen hervorgegangen annehmen.orthodoxen Judenthums. Erst ungefähr 125 nach Jesus Und dies kann uns nur zu um so größerer Befriedigung schlagen die dem Johannes zugeschriebenen Schriften einen dienen. Das Wichtigste in dieser Vorlesung ist auch für uns ganz anderen, einen gegen das Judenthum feindseligen Ton