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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-06-12 · Heft 24 (12.6.1883) · p. Seite 385

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 24 (12.6.1883)
Date
1883-06-12
Page
Seite 385 (sequence 3)
Language
German
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385 Juden eine Spaltung vorhanden. Der eine und zwar der I größere Theil der Judenmissionäre betreibt seinen Beruf! handwerksmäßig, und läßt sich, wie jeder Handwerker, von? Gefühlen beherrschen, die aus dem Gelingen oder Mißlingen! in seinem Gewerbe hervorgehen. Und da nun ihre Erfolge! weder den aufgewendeten Kosten, noch ihren Bemühungen! entsprechen, so faßen sie die gehässigste Gesinnung gegen die,! mit welchen sie operiten woSen und die sich ihren Opera-! tionen nicht unterziehen. Wir haben ein Beispiel von sol-? chen in Herrn de le Roi gesehen. Diesen gegenüber steht? aber eine kleine Zahl von Männern, die von einer aufrich- ' Ligen Ueberzeugung und einem warmen Herzen geleitet sind; Männer, die sich einmal in die alt-, auf Paulus gestützte Meinung versenkt haben, daß die Erfüllung des Christenthums erst mit der Bekehrung des gesammten Israel zu ihm eintreten werde, und denen es ein Glaubensdogma ist, daß dies, und mögen Jahrtausende darüber hingehen. auch geschehen wörde. Wir Mögen nun von dieser Glaubensmeinung halten, was wir wollen, sie steht fest in Liesen Männern, und sie sind deshalb von der Geringfügigkeit ihrer persönlichen Erfolge unabhängig, haben wirklich eine freundliche, ja liebevolle Gesinnung für „Israel" und bezeugen diese, wenn es Noch thut, auch durch die Thal. Wir erkennen dies an, sowie die Wahrhaftigkeit dieser Männer, wobei ungewiß Niemand zutraut, wir ließen uns von sanften und süßlichen Redensarten fangen. An der Spitze dieses Theils der Missionäre stehk Prof. Franz Delitzsch, der seit zwanzig Jahren eine Vierteljahrsschrift herausgiebt: „Saat auf Hoffnung, Zeitschrift für die Mission der Kirche an Israel". «Erlangen, Deicherl, 1883). Schon der Titel dieser Zeitschrift ist charakteristisch: es ist eine „Hoffnung", die sie hegen, und bei der Geringfügigkeit ihrer Erfolge, die sie eingestehen, sehen sie ihr Werk, ihre Thätigkeit nur als eine „Saat" an, für deren Aufsprießen und Reifen sie eben nur ihren Glauben haben. Wir haben persönlich Prof. Delitzsch vor nunmehr 46 Jahren kennen gelernt, als er sich noch als einen Schüler des sel. Dr. Julius Fürst auf dem Gebiete des hebräischen Schriftthums darstellte. Seitdem hatten wir keine Gelegenheit, persönlich oder briesiich ihm zu begegnen. Aber so weit uns auch unsre Ansichten und Ueberzeugungen trennten , die erfolgreichen Arbeiten Delitzsch in der biblischen Exegese wie in der jüdischen Literaturgeschichte flößten unstets eine aufrichtige Werthschätzung ein. Die Art, wie er unerschrocken und rücksichtslos für die Juden, und insbesondere für den Talmud in den letzten Jahren eintrat, nöthigt uns auch zu wahrhaftem Danke. Hier ist es, wo er seine Wahrheitsliebe und sein Wohlwollen für „Israel" durch die That bewies. Dabei hat er die Augen offen genug, um. wie er sich S. 135 seines jüngsten Heftes ausdrückt, zu sehen „wie tief die Kluft ist", die uns von ihm und seiner Partei trennt. Bei seiner Anschauung nämlich ist es erklärlich, daß et für jede Aeußerung eines Juden gegen die christlichen Dogmen sehr empfindlich ist, ohne zu erwägen, wie tief gereizt die Stimmung manches Juden durch die täglichen Schmähungen ärgster Art sein muß, welche von christlicher Seite gegen das Judenthum und seine Bekenner geschleudert werden. Aus dieser Empfindlichkeit ist seine Broschüre über „Die Juden und die Preffe" gefloffen. Mögen wir daher hier einen Blick in das uns vorliegende II. Heft des 20. Jahrgangs werfen. Die erste Stelle in demselben nimmt ein Artikel ein: „Der Schauerroman von Tißa-Eslar". Es ist dies eine Uebersetzung aus dem Krakauer „Czas". Hätte D. diesen Artikel selbst geschrieben, so würde er gewiß von vornherein die Unmöglichkeit eines rituellen Mordes noch mehrbetont haben. Dennoch müssen wir mit dieser Arbeit sehr zufrieden sein, da sie ganz objectiv die Art darstellt, wie dieser Proceß eingeleitet und weitergeführt worden, wie er geradezu von den Antisemiten angestiftet und einem Untersuchungsrichter in die Hände gespielt ist, der eigentlich nur ein junger Gerichtsschreiber ist und sich vom Abg. Onody die Protokolle dietiren ließ. Die Folterungen, die man sich dabei erlaubte, die Täuschungen, die man hineinbrachte, die Art, wie die Antisemiten dem Volke jenen Wahn imputirten, werden klar dargestellt. Es folgt: „Liebet eure Feinde!" Der Artikel knüpft an einige Verse Juda ha-Levi's an, welche die Liebe zu den Feinden athmen, und bestreitet die nörgelnde Kritik, welche der sel. S. D. Luzzatto an diesen Versen geübt hat. Wir können nur dem Vers, beistimmmen, auch darin, daß Luzzatto die Gefühle eines wahrhaft Reuigen nicht verstanden hat. Der Aussatz „Etwas über die Stellung der ältesten Kirche zum jüdischen Volke" genügt nach dem gegenwärtigen Standpunkte der Untersuchung über diesen Zeitraum nicht, und was darin über den Streit zwischen den Judenchristen und Heidenchristen gesagt wird, bringt in dieses schwierige Problem nur wenig Licht. Es reicht nicht aus, sich diese Dinge nach Belieben und aus einseitigen Gesichtspunkten zurechtzulegen. Die Frage, wie man dahin gelangte, „die Erfüllung des mosaischen Gesetzes" in der völligen Abschaffung desselben zu finden, bleibt doch im Dunkel, und Justin war gewiß nicht der Mann, der den Juden diesen schneidenden Widerspruch in sich begreiflich zu machen geeignet gewesen. Die Lebensbeschreibung des Missionärs Lichtenstein und einige andere weniger bedeutende, namentlich bibliographische Stücke füllen den letzten Raum des Heftes aus. — Jedenfalls ■ bieten uns solche Luerzüge Gelegenheit, zu erkennen, wo wir unsre vielen Feinde und unsre wenigen Freunde zu suchen haben.') 1) Zur Ergänzung bemerken wir, daß die aus den „Jahrbückern für protestantische Theologie" citirte Abhandlung Wünsche's: „Die Räthselweisheit bei den Hebräern" etwas weiter ausgeführt als Broschüre «Leipzig, Otto Schulze 1883) erschienen ist. 24*

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