Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-06-12 · Heft 24 (12.6.1883) · p. Seite 387

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 24 (12.6.1883)
Date
1883-06-12
Page
Seite 387 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3227447-3227472--40879-3309308
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

387 an. Der dann herrschend gewordene Gnosticismus vollendete * den Bruch, der durch die Etablirung des Christenthums als! Staatsreligion unter Constantin zur Thatsache wurde. Das Mittelalter bezeichnet Renan als eine bedauernswerthe Epoche der Undankbarkeit der christlich gewordenen Menschheit gegen das Judenthum. „Wenn man für die Menschheit arbeitet"/ ruft Renan aus, „so kann man sicher sein, bestohlen und dann geschlagen zu werden!" Dennoch ist es erst in der zweiten Hälfte des Mittelalters, daß die wahrhafte Verfolgung an-! fängt. Die Kreuzzüge geben das Signal; die Scholastik trägt dazu bei, die Fiscalität Philipp des Schönen spielt hier ihre Rolle. Das Leben des Israeliten ändert sich. Man beschränkt ihn auf den Trödel und Geldhandel, da nach dem kanonischen Recht es den Christen unmöglich war, Geldgeschäfte zu machen, zwang man den Juden dazu. Man zwang ihn, sich zu bereichern, und man machte ihm dann seinen Reichthum zum Verbrechen, diesem absurden circulus vitiosus, aus welchem das Mittelalter und die ganze antike Gesellschaft niemals heraustreten konnte. Hier beginnt der uns bereits stenographisch vorliegende zweite Theil der Vorlesung, der wörtlich folgendermaßen lautet: „Rach dem Mittelalter kommen wir zu einer tröstlicheren Epoche, zu dem 18. Jahrhundert, das endlich die Rechte der Vernunft, die Rechte des Menschen, die Theorie der wahren menschlichen Gesellschaft, ich möchte sagen den neutralen Staat ohne offizielles Bekenntniß, den neutralen Staat in der Mitte der metaphysischen und theologischen Meinungsverschiedenheiten proklamirte; seit diesem Tage hat die Gleichheit der Rechte begonnen für die Juden zu leuchten, daß sie die Freiheit kennen gelernt haben. Es ist die Revolution, welche die Gleichberechtigung der Juden proklamirt hat. (Lebhafter, allseitiger Beifall.) Tie Revolution hat da die wahre Lösung gefunden, mit dem Gefühl einer unbedingten Gerechtigkeit und die ganze Welt wird dorthin gelangen. (Allgemeine Zustimmung). Und wer, meine Herren, als das jüdische Volk konnte besser eine solche Erlösung aufnehmen?! Es war das jüdische Volk selbst, welches sie vorbereitet hatte; es hatte sie vorbereitet durch seine ganze Vergangenheit, durch seine großen Propheten, die großen Schöpfer in Israel, welche die zukünftige Einheit des Menschengeschlechtes in Gesetz und Recht bewährt haben. Die Gründer einer solchen Bewegung waren Jesaias der Erste, dann der zweite Jefaias zur Zeit der Gefangenschaft, dieser so bewunderungswürdige Geist. Es waren die Essäer, diese Dichter, die alle ein Ideal des Friedens, des Rechtes und der Brüderlichkeit verkündigten. Das Christenthum hat ebenfalls mächtig zum Fortschritt der Civilisation beigetragen, das Christenthum, so bewunderungswürdig in seinem Kampfe gegen die Barbaren, wenn es die Ideen der Vernunft und des Rechtes zur Herrschaft zu bringen sucht, gegenüber den Einbrüchen der Barbarei. Das alte Christenthum war nur die Fortsetzung Ihrer Propheten; der Ruhm des Christenthums ist der Ruhm des Judenthums. Ja, die Welt ist jüdisch geworden, indem sie sich den Gesetzen des Rechts, der Gleichheit und Freiheit zuwandte. (Beifall). Und jetzt, wo diese großen Ziele erreicht sind, sagen wir es mit Bestimmtheit: Das Judenthum, das so viel Dienste geleistet hat in der Vergangenheit, wird auch noch in Zukunft Dienste leisten. Es wird dienen der Sache der Wahrheit, der Sache des Liberalismus, des modernen Geistes. Was mich betrifft, so habe ich diese Ueberzeugung: jeder Jude ist ein Liberaler (Allgemeine Zustimmung und Beifall). Er ist es aus seinem ganzen Wesen heraus, und die Feinde des Judenthums sind die Feinde des modernen Geistes. (Reue Kundgebungen der Zustimmung). Die Schöpfer unserer Lehre sind, ich wiederhole es, Ihre alten Propheten: Jesaias, die Sibyllincn, die Alexandrinische Schule. Es sind die ersten Christen, welche die Nachfolger der Propheten waren. Das waren die wahren Gründer des Geistes der Gerechtigkeit auf der Welt. Indem er dem modernen Geiste dient, thut der Jude in der That nichts anders als dem Werke dienen, dem er soviel in der Vergangenheit geleistet hat, wie Niemand, und fügen wir es hinzu, für das er soviel gelitten hat. (Bewegung.) Die reine Religion, mit einem Wort was wir ansehen als das, was die ganze Menschheit vereinigen kann, das wird die jüdische Religion sein, befreit von den Schlacken, die sich haben hineiumischen können. Sie haben also wohl daran gethan, meine Herren, die »los Etiulos juiveszu gründen, welche diese Wahrheiten verbreiten und sie in besonders helles Licht setzen wird. Arbeiten wir alle zusammen, denn das Werk ist ein gemeinsames. Ich habe mich zuweilen damit ausgehalten, den Tag zu träumen, wo die Menschheit, dankbar gegen Griechenland, der Akropole von Athen die Bildwerke zurückbringen wird, die alle Welt ihr gestohlen hat. (Lachen.) Das ist ein Traum, der sich niemals verwirklichen wird. Nun wohl, ich möchte mindestens etwas Aehnliches für Ihr Parthenon träumen. Ihr Parthenon, meine Herren, ist sicherlich Jerusalem, diese wunderbare und der Achtung Aller würdige Stadt, aber Sie sind vor Allem Idealisten, und Ihr Parthenon ist die Bibel. (Allgemeiner Beifall.» Das Studium, die Erklärung, die Beleuchtung, die Entwicklung der Bibel, das ist Ihr Werk — dem wir uns anzuschließen so glücklich gewesen. — Und was giebt cs für eine schönere Huldigung für den Geist Israels, als diese gewaltige Arbeit der modernen Eregese, diese kritischen Reichthümer, um aufzuklären, ich will nicht sagen, einen Satz,.sondern jedes Wort, jeden Buchstaben Ihrer alten Bücher? Ihre Schrift ist ein solch' einziger Gegenstand in der Menschheit, daß jede Sylbe, welche Sie darin geschrieben haben, Gegenstand eines endlosen Kampfes geworden ist. (Lachen und Beifall.) Das hebräische

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.