Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1883)
- Date
- 1883-06-12
- Page
- Seite 384 (sequence 2)
- Language
- German
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384 samen Vaterlande eine einheitliche politische Nation bilden.' In dieser großartigen Errungenschaft des westeuropäischen Geistes sehen wir den avitischen Gedanken Roms verwirklicht." Nachdem der Redner nun die vollzogene Einigung in Deutschland und Italien besprochen, fährt er fort: „Diejenigen irren aber, die in den Staatenbildungen lediglich dir Verwirklichung des Nationalitäten-Gedankens erblicken. Das ausschließliche Nationalgefühl einigt nicht, sondern trennt. Schroff in sich verschloffen, bethätigt es lieber Duldsamkeit gegen Andere, nur um mit diesen nicht in Berührung kommen zu müssen. So sind die Nationalitäten Westeuropas im Orient nicht tolerant, sondern alle ihre Bestrebungen sind auf die Per- | schmelzung gerichtet; aber sie schließen die mit und unter! ihnen lebenden Völker anderer Race aus dem Kreise staat- \ licher Gerechtsame nicht aus. Heutzutage vermögen in Europa! nur jene Völker den Anspruch auf feste und dauerbare! Staatenbildung zu erheben, die auf der Grundlage der allgemeinen bürgerlichen Gerechtsaine mehr durch die Erinnerungen an eine gemeinsam verlebte Geschichte, als durch biej nationale Verwandtschaft aneinander geknüpft, eine politische! Nation zu bilden im Stande sind. Die sich mit dieser Richj tung nicht befreunden können, mögen immerhin noch einige! Zeit als nationale Oasen bestehen bleiben, dürfen aber auf! eine kräftige selbständige Existenz nicht zählen." Er schließt! diese Betrachtung mit den Sätzen: „Im Orient war und ist! die Demokratie nichts Anderes als die-.Gleichheit entweder^ im Dienen oder im Regieren. Jene Demokratie aber, der die Völker des westlichen Europa nachstreben, ist die Gleichheit in der Freiheit der Rechte;" (das heißt doch wohl die Gleichheit in den Rechten und in der Freiheit, welche die Rechte gewähren). Hier haben wir eine nachdrückliche Bestätigung dessen,j was wir seit Jahren über die Frage: national oder nichtnational? wiederholt ausgesprochen haben. Die Nationalität im engeren Sinne des Wortes, d. h. abgeleitet von der glei-! chen ursprünglichen Abstammung eines größeren Theiles der Bevölkerung eines Staates ist im modernen Staate völlig irrelevant und kann und darf die staatliche Ordnung und die gesetzlichen Einrichtungen ebenso wenig beeinflussen wie die Confesfion der Mehrheit. Die Nationalität in ihrer geistigen Eigenthümlichkeit mag in den geistigen Schöpfungen sich ausarbeiten und ausgestalten, und wird hier ihre tiefgehende Wirkung nicht verfehlen. Aber wenn sie ein bevorzugtes Moment des staatlichen Lebens und der gesetzlichen Verfassung werden will, ist sie unberechtigt und verderblich, da sie in den geschichtlich gemischten Völkern der einzelnen Staaten Spaltung und Zerklüftung, Haß und Bürgerkrieg hervorruft. Die Nation eines modernen Staates besteht in der Vereinigung und Gleichberechtigung aller in ihm geschichtlich vorhandenen Volkselemente, noch dazu, da dieser Staat nur aus den vereinigten Anstrengungen und Opfern aller dieser Elemente hervorgegangen ist. Das ist, was wir von jeher behauptet haben, und was den Antisemitismus, gehe er von confessioneller oder von sog. nationaler Seite aus, den Boden unter den Füßen hinwegzieht. Die Wirklichkeit entspricht dem auch vollständig. Es fällt Niemandem in Preußen ein, die Abkömmlinge der französischen Colonisten, noch mehr etwa die Polen, Dänen und Franzosen in den zu Preußen und Deutschland geschlagenen Provinzen mit Ausnahme- und Beschränkungsgesetzen zu belegen, vielmehr ist die völlig gerechtfertigte Tendenz des Staates dahin gerichtet, die vollständige Gleichheit der Gesetze, wie sie die Einheit des Staates erfordert, gänzlich aus sie auszudehnen. Aber wir gehen noch einen Schritt weiter, als Herr v. Kallay. Wenn er diese Grundsätze aus der staatlichen Entwickelung begründet, so fügen wir hinzu, daß nicht weniger der Geist der Humanität, das Recht der Humanität, die menschheitliche Entwickelung sie fordert und zu ihnen geführt hat. Wir verlangen nicht von einem aktiven Politiker, daß er dieses Motiv an- und ausführt; aber nichtsdestoweniger hat es seine volle Begründung. Der Triumph der wahren Aufklärung und das Resultat jener, unsere Zeit beherrschenden Tendenz, alle Völker der Erde mit einander zu verbinden und zum friedlichen Austausch ihrer materiellen und geistigen Erzeugniffe zu vereinigen, ist es, in dem Nationalen und im Staatsbürger auch den Menschen anzuerkennen und die diesem nach Vernunft und Gewissen zustehenden Rechte zuzusichern. Hier ist es denn auch, wo wir von dem Redner abweichen. So groß der Einfluß Roms auf die gesellschaftliche Entwickelung Europas gewesen sein mag. die ursprüngliche Quelle dieser Gleichheit im Rechte und dieser Freiheit im Rechte liegt weit höher hinaus, ein Jahrtausend früher, als da in Rom der Kamps zwischen den Plebejern und den Patriziern sich entspann; sie ist zu ftnden im mosaischen Gesetze, das, wie schon oft ausgeführt worden, dem „Fremden wie dem Einheimischen"!die Gleichheit vor dem Gesetze und die Freiheit in der bür-! gerlichen Gesellschaft zusicherte. Jedenfalls aber erkennen wir! in dem mit so vielem Beifalle aufgenommenen Vortrage des österreichisch-ungarischen Finanzministers eine sehr beachtens! werthe Kundgebung des großen Geistes, der trotz aller Anfechtungen das Wesen unserer Zeit und noch mehr der Zukunft des Menschengeschlechtes ausmacht. Einige Guerzöge. II. Wir würden unsre Skizze unvollständig lassen, wenn wir nicht noch einer vierten, freilich nur in geringem Maße ' vertretenen Richtung in der christlich-theologischen Zeitschriften- ' Literatur gedächten. Wie überall auf dem Gebiete des Pro- . testantismus, ist auch in der Mission zur Bekehrung der