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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-06-12 · Heft 24 (12.6.1883) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 24 (12.6.1883)
Date
1883-06-12
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Allgemeine des Iudenlhums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig S Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste! Nr. SL) und Oesterreich bei allen Postämtern. außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippson in Bonn. GsepeSiLion: Leipzig, Woßptcrh 18. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr.L. PH,lippson in Bona direct, in allen übrigen an tie > Lerlagsbandlung. Beilagen (Ge I i 11 12 331.) sind gleichfalls an letztere i i zusenden. 47. Jahrgang. Leipzig, den 12. Juni 1883. No. 24. v I«halir- Leitende Artikel: Ter Vortrag eines Ministers. — Einige Querzüge. II. — Ernest Renan: Die ursprüngliche Identität UN dre allmählrche Trennung des Judentums und des Christenthums. I. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Neustettin. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Prag, Pest, Lemberg, Bon der Donau. — Frankreich: Paris. - Rußland: Petersburg, Äus Rußland. — Feuilleton: Mikweh Israel. — Vermischtes: Ein geheimnißvoller „Gelehrter". •ieii'c'nc'c €Xz\ri-ßef. | Bonn, 6. Juni. Der Vortrag eines Ministers. Am 20. Mai hielt in der feierlichen Jahressitzung der ungarischen Akademie der Wissenschaften zu Pest der gemeinsame Finanzminister Oesterreich-Ungarns, Benjamin von Kallay, einen Bortrag, der weit über die Grenzen Ungarns Beachtung gefunden, ja Aufsehen erregt hat. Man ist berechtigt, anzunehmen, daß hier ein großer Staatsgedanke ausgesprochen worden, welcher die gegenwärtige Staatsregierung der beiden verbundenen Reiche beseelt. Der Vortrag enthält einen politischen und einen allgemein humanen Theil, und wenn wir an dieser Stelle den ersteren nur andeutungsweise zu berühren haben, so ist der zweite auch für uns von hoher Wichtigkeit, noch dazu, da er energisch Ansichten entgegentritt, die seit längerer Zeit gang und gäbe geworden. Der Redner führt in großen Zügen die Gegensätze aus zwischen dem Occident, d. i. Mittel- und Westeuropa, das sich Amerika und Australien gewonnen hat, und dem Orient. Er zeigt alsdann, daß die Ungarn ein Mittelvolk seien, das bei starker Hinneigung zu occidentalischem Geiste, zur Kultur und zum Staatswesen des Occidents doch starke orientalische Züge in stch bewahrt habe. Hieraus zieht er den Schluß, daß Un garn vorzugsweise zur Vermittelung zwischen dem Occident und dem Orient berufen sei. Es versteht sich, daß aus dem Munde eines Mitgliedes der Staatsregierung eine solche Ausführung einen eminent politischen Charatter hat und die Tendenz zu weiteren Fortschritten in der Besetzung oder Aneignung östlich gelegener Länder verrätst. Jndeß, wie gesagt, ist es nicht unsre Aufgabe, diesen Gegenstand weiter zu besprechen. Hingegen erregt seine Charatterifirung der Entwickelung des gesellschaftlichen Geistes im Occident unsre volle Aufmerksamkeit. Er führt das Entstehen der wesentlichen Unterschiede, welche die zwei Entwickelungsströmungen noch heute charakterisiren, aus eine viel frühere Zeit zurück als aus den Ursprung ves Islams. Mit lebhaften Farben schildert der Vortragende hieraus den Einfluß von Byzanz, das Uebersluthen des Mohammedanismus und im Gegensätze hierzu den Einfluß der Anttke und des Hellenismus auf die geistige Entwickelung der Welt. Kallay entwarf sodann ein fesselndes, breit angelegtes und mit künstlerischer Hand ausgeführtes Bild von dem Einflüsse Roms, dem Musterbilde der westlichen Entwickelung in socialer und staatlicher Hinsicht. Dann heißt es weiter: „Der fortwährende Kamps zwischen den verschiedenen Klassen, der die sociale und politische Entwickelung Europas am meisten charakterisirt und der so viele Leiden, blutige Revolutionen hervorgerufen hat, wogt auch noch heute unter veränderten Schlachtrufen über den Völkern des alten Welttheils. Dieser Kampf hat wohl nigends Rechtsgleichheit geschossen und war nicht im Stande, überall die letzten Reste der nationalen Existenz auszutilgen; doch hat derselbe stufenweise allgemein anerkannte und bethätigte Rechte allen Bewohnern des Staates verschafft, die nunmehr ohne Rücksicht 1 aus die Unterschiede der Abstammung, Sprache und Religion j in gleicher Weise Bürger des Staates sind, daher im gemein- 24

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