Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1883)
- Date
- 1883-06-05
- Page
- Seite 376 (sequence 10)
- Language
- German
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376 einander wohnen und die gleichen Rechte genießen sollen, oder aber, ob ihr ergebene Anhänger jener Partei sein wollt, welche, die Freiheit im Munde führend, ganze Völker und Schichten der Einwohnerschaft in Sclaverei (?) stürzt und eine ewige Zwietracht nährt, die den Handel vergiftet und die industrielle Thätigkeit lahmlegt. Es bietet sich euch die er, daß der Antisemitismus eine auf das Wohl der Nation gerichtete politische Action sei. Jstoczy will nicht glauben, daß das Abgeordnetenhaus sich dazu hergeben werde, eine solche legale, auf die Beglückung der ungarischen Nation gerichtete Action verfolgen zu lasten. Es würde dadurch eine ganz neue Kategorie von politischen Protesten sanktioni- Gelegenheit, zu zeigen, ob ihr Freunde der Leute seid, in ren. Seine Broschüren seien übrigens eine wissenschaftliche deren Mitte ihr ruhig eurem Handel und Wandel nachgeht, oder ob ihr euch in die Reihe unserer ärgsten politischen und nationalen Gegner stellt. Wir sind überzeugt, daß ihr dem guten Beispiele eurer Glaubensgenossen in Pilsen folgen werdet." Man schreibt hierzu: „Das ist aber nur die öffentliche Agitation für die Wahl. Wie im Geheimen von czechischer Seite agitirt wird und wie sich dabei die stets betonte Versöhnlichkeit der Czechen in der Praxis offenbart, dafür giebt.es Belege genug. Diesmal hat man sich sogar an die Rabbiner gewendet, und diese sollen, wie die Prager Blätter berichten, ihren Confessions-Genossen Reverse an Eidesstatt abgcfordert haben, daß sie für die czechischen Candidaten stimmen werden. (Uebertreibung.) Solchen Pressionen gegenüber dürfte so mancher Wähler wankend werden, denn nicht viele haben die Eignung in sich Märtyrer zu werden; die Czechen dagegen wissen die erlangte Macht auszunützen und lassen jeden Gegner rücksichtslos diese Macht fühlen." Prag, 22. Mai. Angesichts der Ausschreitungen gegen die Juden in mehreren Orten des westlichen Böhmens, welche nach übereinstimmenden Berichten durch die in czechischer Uebersetzung massenhaft verbreitete Broschüre Rohlings hervorgcrufen wurden, warnen die „ Narodni Listy" vor Hetzereien gegen die Juden. Die Hetze sei gefährlich und geeignet, die Interessen der czechischen Nation zu schädigen. Die „Narodni Listy" nehmen die Juden in Schutz, weil dieselben den Czechen zum Siege in der Budweiser Handelskammer verhalfen. Herrn Rohling wird von den „Narodni Listy" hart zugesetzt. Prag, 23. Mai. Rohlings Broschüre. „Meine Antwort an die Rabbiner", welche auf dem flachen Lande en masse verbreitet wurde, ist heute in sämmtlichen Prager Buchhandlungen consiscirt worden. Pest, 21. Mai. (Privatmitth.) Der ung. Reichstag fand heute, kurz vor Schluß der zweiten Session, noch einmal Gelegenheit, sich mit dem Antisemitismus zu beschäftigen. Es handelte sich um die Suspendirung der Immunität Victor Jstoczy's, gegen den der Ober-Staatsanwalt wegen eines in den von ihm redigirten „12 röpirat" erschienenen Artikels „das verjüdcte Ungarn" die Anklage erhoben hat. Der Ausschuß empfahl die Auslieferung des für den betreffenden Artikel verantwortlichen Redacteurs. In einer auf Wunsch des antisemitischen Abgeordneten Szalay verlesenen Eingabe Jstoczy's an den Immunitäts-Ausschuß behauptet Zeitschrift, für wissenschaftliche Kreise berechnet. Im großen Publikum sind sie nicht zu sehen; die Gährung, welche im Volke herrscht, ist kein Produkt dieser Broschüren -. die Juden selbst mit ihrem Vorgehen haben sie verschuldet. Das Dresdener Manifest hat sich über die Judenfrage weit entschiedener ausgesprochen, als dieser Artikel und ist dennoch in Deutschland nicht verfolgt worden. Was in Deutschland zu sagen gestattet ist, wird doch auch in Ungarn, dem Lande der Freiheit par exeeUenee zu sagen gestattet sein. Otto Hermann, der bekannte Redner der Opposition, lehnte den Ausschußantrag ab, führte aber den incriminirten Artikel selbst aä absurckum. Er erinnert daran, daß in den 1848er Märztagen Sükey zu einem Freunde sagte, nachdem sie Beide Koloman Ghyczy zugehört: „Gehen wir weg, der spricht zu klug, mit einem gescheidten Menschen kann man keine Revolution machen." So könne man auf die „12 röpirat", die ein so schwieriges sociales Problem nach ihrer Methode lösen wollten, auch sagen: „Die sind zu dumm, mit solchen Artikeln kann man keine sociale Revolution machen." Dieselben sind eben zu starker Tabak und reagiren nicht mehr auf das Nervensystem. Mit diesen Artikeln ergeht es dem Ungarn ganz so, wie mit dem Tabakgenuß. Die erste Pfeife übt auf das ganze Nervensystem einen erschütternden Eindruck aus, und doch wird der Tabakgenuß mit der Zeit zu einem Amüsement; so wirken auch die Artikel im Style der „12 röpirat" mit der Zeit nur unterhaltend, ohne auf das Nervensystem irgendwie zu reagiren. (Heiterkeit.) Nicht in der genannten Flugschrift liegt also die Gefahr für die Gesellschaft, sondern vielmehr darin, daß solche Fragen im Parlament und eingehend besprochen werden müssen. Er erkennt an, daß Jstoczy ernst und consequent vorgehe, und sein Fehler liegt auch nur in der Wuth, mit der er seine Aufgabe erfaßt. Man vergleicht ihn mit dem Löwen und man sagt, daß das Brüllen Sache des Löwen sei; aber das Gebrüll des Löwen ruft die Schakale wach, denen es nur um die Beute zu thun ist. Durch sein Wüchen ruft Jstoczy solche Elemente in die Schranken, die ohne die nöthige Vorbildung und ohne den nöthigen Ernst Probleme zu lösen suchen, denen sie nicht gewachsen sind, Elemente, die in der That an beutelustige Schakale erinnern. Der Antrag des Ausschusses auf Auslieferung Jstoczy's wurde mit Majorität angenommen; dagegen stimmte die ganze Opposition mit Ausnahme Chorins.