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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-06-05 · Heft 23 (5.6.1883) · p. Seite 370

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 23 (5.6.1883)
Date
1883-06-05
Page
Seite 370 (sequence 4)
Language
German
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370 dersdenkenden und Andersglaubenden für seinen Feind hält und ausgiebt, der vernichtet werden muffe, wenn er sich nicht zu ihm bekehre — der ist ein Fanatiker. Solches fanatischen Geistes voll ist aber der Aufsatz in der gedachten Zeitschrift: „Die Judenfrage und die Mission", von Pastor Lic. I. de le Roi in Breslau. Als wir den Namen des Verfassers sahen, wußten wir, was wir finden würden. Denn dieser Mann ist als einer der heftigsten antisemitischen Schriftsteller und Redner hinlänglich bekannt. Er ist Missionsprediger und bat als solcher „die Verstocktheit" der Juden durch die Mißerfolge seiner Bekehrungsarbeiten hinlänglich kennen gelernt. Sein Fanatismus wie seine Feindschaft gegen die Juden sind deshalb psychologisch erklärlich. Dabei hat er wohl auch öfter zu fühlen bekommen, daß der Judenmissionär auch von vielen Christen nicht sehr geachtet wird und auch durch diese Erfahrung konnte seine heftige Antipathie gegen die Juden nur gesteigert werden. Das Stärkste nun, was er hierin zu leisten vermöchte, hat er in diesem langen Artikel zusammengehäuft. Neues vermag er allerdings nicht heranzubringen, concrete Beweise nicht zu geben. Selbst die alten antisemitischen Behauptungen von dem Einfluß der jüdischen Presse und des jüdischen Geldes streift er nur in seiner Analyse antisemitischer Schriften; denn in der Tagespresse und Literatur der letzten Jahre und an den armen russischen Flüchtlingen hat es sich zu deutlich gezeigt, wie wenig Einfluß die Juden auf die Presse, und wie gering selbst ihre Geldmacht ist, als daß jene antisemitischen Behauptungen als bloße Täuschung nicht Jedermann offenbar' geworden wären. Mußte doch erst das Mitgefühl, das Mitleid menschenfreundlicher Herzen aller Consessionen aufgerusen werden, um diesen Unglücklichen zu Hülse zu kommen, und öffnete die Presse ihre Stimme gegen die antisemitischen Verfolgungen erst dann, als einerseits diese in die roheste Barbarei umgeschlagen und andererseits 'sich ein Wahlkampf zwischen den politischen Parteien eröffnete, von denen die eine den vermeintlichen Judenhaß des Volkes als einen Wahlhebel ansetzte. Mit der von blindem Hasse vorgeschützten jüdischen Herrschaft, ja selbst nur mit irgend einem vorwiegenden Einflüsse der Juden, war es nichts, gar nichts. Der Herr Missionär läßt sie deshalb auch links liegen und klammert sich mit desto größerer Heftigkeit an die Behauptung fest, daß die Juden durchaus das Christenthum verdrängen, aus der Welt schaffen wollen, daß deshalb jede Duldung, jedes Zugeständniß eines Rechtes, jede Forderung der Humanität ein Kampf gegen das Christenthum, gegen das christliche Gottesreich sei. Die Gewährung der Rechtsgleichheit sei daher das Verderblichste, was in der Neuzeit geschehen, und untergrabe das Christenthum in unwiederbringlicher Weise. Die Juden seien die Urheber und Träger des antichristlichen Geistes, der gegenwärtig herrsche, und nicht eher würde das christliche Bewußtsein wieder wach werden, als bis die alte feindselige Stellung gegen die Juden wieder eingenommen worden. Freilich, frägt man den Mann nach Beweisen für diese Anschuldigungen, so hat er keine zu geben, und muß sich beschränken auf ein halbes Dutzend kurzer Citate aus jüdischen Schriften, welche doch nur für Juden geschrieben wurden und mit nicht nennenswerther Ausnahme niemals über jüdische Kreise hinausgekommen sind, also außerhalb der Juden auch nicht den schwächsten Einfluß auf die allgemeine Geistesrichtung haben konnten. In der That gehört doch eine nicht zu qualificirende Verleugnung aller Wahrheit von einem Deutschen dazu, den antichristlichen Geist von den Juden herzuleiten. Der Herr Missionär durchmustere doch nur die Geschichte der deutschen Philosophie bis auf den heutigen Tag; er studire die Geschichte der deutschen Wissenschaft, und weise uns auch nur den geringsten wesentlichen Beitrag nach, welchen die Juden auf Ursprung und Fortgang des dem Christenthum abgewandten Geistes auf beiden großen Gebieten einflußübend geliefert hätten. Oder ist es in anderen Ländern anders? Waren Voltaire, Rousseau und die Encyclopädisten Juden? Ist der englische Deismus, der englische Atheismus, der englische Darwinismus aus jüdischen Köpfen entsprungen? Wenn jetzt, in Frankreich, Belgien und Italien die Mehrheit des Volkes gegen die Kirche eirqenommen ist, hatten Juden, die in diesen Ländern nur geringzählig sind und keinen einzigen antichristlichcn Schriftsteller geliefert haben, irgend welchen Einfluß geübt? Nein, nein, nehmt doch Eure Maske ab! Euch ärgert nichts weiter und im Grunde habt Ihr von religiösem Standpunkte aus gegen die Juden nichts weiter einzuwenden, als daß sie ihrer von den Vätern überlieferten Religion treu geblieben und bleiben werden, und daß sie, welche Schwert und Scheiterhaufen, Druck und Mißhandlung von der Anbetung des Einig-Einzigen nicht abzudrängen vermochten, den süßlichen Redensarten und den exegetischen Künsteleien der Missionäre sich nicht ergeben. Dies ist der Grund Eurer Feindseligkeit, und vergebens sucht Ihr ihn durch ungegründete bittere Anschuldigungen zu verhüllen! — Was nun auch Prediger de le Roi über und gegen uns sagt, Neues weiß er nicht vorzubringen. Denn es ist doch nicht neu, wenn er den Juden immer wieder „Verstocktheit" vorwirft; es ist dies eine alte, abgenutzte Melodie und dabei recht unsinnig, denn wie kann ein vernünftiger Mensch auf dem Gebiete des Glaubens von „Verstocktheit" sprechen! Der Glaube läßt sich doch nicht commandiren; wo er einmal nicht vorhanden, da kann er nicht durch den eigenen Willen geschaffen oder unterdrückt werden; würde in einem Juden der von den Missionären gepredigte Glaube wirklich erwachen, so würde er ihm auch Folge geben; wenn aber in ihm dieser Lehre Alles widerspricht, was er seit frühester Jugend denkt und fühlt, wie

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